Inschriftenkatalog: Landkreis Hildesheim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

  • Erste Katalognummer
  • Letzte KatalognummerInschrift
  • Zu Datensatz springen
  • Gesamtübersicht

DI 88: Landkreis Hildesheim (2014)

Nr. 1 Hildesheim, Dom-Museum 1. V. 13. Jh., 4. V. 15.–1. V. 16. Jh.

Beschreibung

Kelch/Ziborium. „Hezilokelch“.1) Silber, vergoldet. Der Kelch gehört der katholischen Pfarrkirche St. Mauritius in Moritzberg und befindet sich seit 1994 als Leihgabe im Dom-Museum. Über dem runden, flachen Fuß mit glatter Zarge erhebt sich ein kurzer Schaft mit leicht abgeplattetem Filigrannodus und breiter Kuppa. Seit dem 15. Jahrhundert ist der Kelch mit einem Deckel versehen und wird als Ziborium benutzt.2)

Inschrift A ist in einer teilweise konturierten Schrift zwischen zwei Linien auf der Zarge graviert. Sie beginnt mit einem von Punkten bewinkelten Kreuz. Auf dem Fuß sind vier von Ornamentstreifen umgebene, getriebene Medaillons mit Szenen aus dem Alten Testament angebracht, die typologisch auf die Eucharistie vorausdeuten: 1. Aufrichtung der ehernen Schlange; 2. Abel und Melchisedech, Abel trägt ein Lamm, das auf den von Melchisedech gehaltenen Kelch und die Hostie blickt; 3. Josua und Kaleb tragen die Weintraube; 4. Opferung Isaaks. Auf den Schrägen der Medaillons ist jeweils ein Vers der Inschrift B eingraviert. In den unteren Zwickeln der Medaillons gravierte Engel mit Erdscheibe und Lilienzepter. Am Filigrannodus vier Medaillons mit den Evangelistensymbolen auf schwarzem Niellogrund. Die Kuppa zeigt gravierte Halbfiguren der Zwölf Apostel mit Buch oder Schriftrolle unter einem Bogenfries. Der Deckel des Ziboriums wird bekrönt von einer Darstellung Christi am Kreuz mit dem gravierten Titulus C.

Maße: H.: 17 cm; Dm.: 17,2 cm (Fuß), 15,4 cm (Kuppa), 16,3 cm (Deckel); Bu.: 0,8 cm (A), 0,3 cm (B, C).

Schriftart(en): Gotische Majuskel (A, B), frühhumanistische Kapitalis (C).

DI 88, Nr. 1 - Hildesheim, Dom-Museum - 1. V. 13. Jh., 4. V. 15.-1. V. 16. Jh.

 Akademie der Wissenschaften zu Göttingen (Sabine Wehking) [1/4]

  1. A

    + HOSTIA · (CHRISTE)a) · TVI · CALICIS · SIT · SA(N)CTIFICATIS · GL(ORI)A · SIT · VENIA · UIVIS · REQ(U)IESb) · TVMVLATISc) ·

  2. B

    + QVI · CONTE·MPLANTVRd) · ANGVE(M) · VITE · REPARA(N)TVRe) · //+ MELCHISEDECH · VINV(M) · DAT ABEL · LIBAME(N) · OVINVM · //+ BOTRV(M) · LEGATI · REFERV(N)T · IN · VECTE · PROBATI // + PROGENIEMf) · SARE · PATER · ABRA(M) · DESTINAT · ARE · //

  3. C

    I(ESVS) N(AZARENVS)g) R(EX) I(VDEORVM)3)

Übersetzung:

Das Opfer deines Kelchs, Christus, sei den Geheiligten Ehre, den Lebenden Gnade, den Begrabenen Ruhe. (A)

Diejenigen, welche die Schlange ansehen, werden dem Leben zurückgegeben. Melchisedech bringt den Wein dar, Abel das Lammopfer. Die bewährten Botschafter bringen die Weintraube auf einer Stange zurück. Den Nachkommen der Sara bestimmt Vater Abraham für den Opferaltar. (B)

Versmaß: Zwei endgereimte Hexameter (A), vier zweisilbig gereimte leoninische Hexameter (B).4)

Kommentar

Die Buchstaben der Inschriften A und B weisen keilförmig verbreiterte Schäfte und Bogenschwellungen auf, deren Fläche teilweise mit einem feinen senkrechten Strich gefüllt ist. Die Cauda des R trägt eine aufgesetzte dreieckige Schwellung. Einzelne freie Bogenenden enden bzw. beginnen mit drei Zierblättchen.5) Der untere Bogenabschnitt und die Cauda des G in GL(ORI)A zu einem Haarstrich mit drei Blättchen reduziert. I mit Nodus, einzelne Kürzungsstriche – wie z. B. in ABRA(M) – mit Ausbuchtung nach oben. Die Inschriften weisen nur bei U und V den für die gotische Majuskel charakteristischen Wechsel von runden und eckig-spitzen Formen auf. E, H, M, N und T hingegen kommen nur rund vor. Lediglich das A variiert zwischen der spitzen kapitalen Form mit Deckbalken, dem trapezförmigen A mit Deckbalken und dem pseudounzialen A, davon einige mit geknicktem Mittelbalken. E mit Abschlussstrich, C durch ausgeprägte Sporen nahezu geschlossen. D mit sehr kurzem Schaft, an den sich oben und unten stark gerundet der Bogen anschließt.

Der Buchstabenbefund, vor allem das Nebeneinander von geschlossenen E und noch nicht ganz geschlossenen C, charakterisiert die Schrift als frühe gotische Majuskel. Sie gehört zusammen mit den Inschriften auf dem sogenannten Bernhard-Kelch in der St. Godehard-Kirche in Hildesheim zu den frühesten Verwendungen dieser Schriftart im Hildesheimer Raum.6) Eine Entstehung im ersten Viertel des 13. Jahrhunderts, wie Brandt sie aus stilkritischen Gründen vorgeschlagen hat, wird durch diesen epigrafischen Befund bestätigt.7) Die Verwendung der frühhumanistischen Kapitalis für den Kreuzestitulus von Inschrift C deutet darauf hin, dass der Deckel im letzten Viertel des 15. bzw. Anfang des 16. Jahrhunderts entstanden ist.

Textkritischer Apparat

  1. Befund: XPE mit Kürzungsstrich.
  2. REQ(U)IES] I über der Cauda des Q.
  3. TVMVLATIS] Zwischen M und V ein breites Rankenornament.
  4. CONTE·MPLANTVR] Zwischen O und N ein redundanter Kürzungsstrich.
  5. REPARA(N)TVR] Kürzungsstrich vor dem A.
  6. PROGENIEM] PROGENIVM Kat. Zeit der Staufer.
  7. N retrograd und mit Ausbuchtung am Diagonalschaft.

Anmerkungen

  1. Inv. Nr.: L 1994 a–c. Der Kelch aus St. Mauritius wurde später mit dem Namen des Kirchengründers Bischof Hezilo (reg. 1054–1079) verbunden. Dasselbe gilt für den in St. Godehard aufbewahrten sogenannten Bernhard-Kelch, der nach dem Gründer dieser Kirche, Bischof Bernhard (reg. 1130–1153), benannt wurde.
  2. Brandt, Hezilokelch, S. 27.
  3. Io. 19,19.
  4. Die kurze Endsilbe -VR in CONTEM·PLANTVR ist, wie auch das -A von VITA, in Inschrift A in der dritten Hebung lang gemessen und trägt hier, wie in mittelalterlichen Texten häufig zu beobachten ist, die Hebung (productio in arsi), ebenso VENIA in Inschrift A.
  5. Blättchenschriften sind auch auf folgenden Hildesheimer Stücken angebracht: DI 58 (Stadt Hildesheim), Nr. 40 Godehard-Schrein, Nr. 41 Epiphanius-Schrein, Nr. 48 Chorschranken, Nr. 67 Wilbernus-Taufe.
  6. Zum Bernhard-Kelch vgl. DI 58 (Stadt Hildesheim), Nr. 64.
  7. Zur stilkritischen Datierung vgl. Kat. Zeit der Staufer 1, S. 452: 2. Viertel 13. Jh.; Brandt, Hezilokelch, S. 27: 1. Viertel 13. Jh.

Nachweise

  1. Kdm. Kreis Marienburg, S. 140 (Abb.).
  2. Kat. Zeit der Staufer 1, S. 452, Kat. Nr. 581 mit Abb. 389.
  3. Slg. Rieckenberg, S. 281–289.

Zitierhinweis:
DI 88, Landkreis Hildesheim, Nr. 1 (Autor), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di088g016k0000106.