Inschriftenkatalog: Stadt Helmstedt

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 61: Stadt Helmstedt (2005)

Nr. 469 St. Stephani 1734

Beschreibung

Epitaph des Martin Albert Cherubim. Sandstein. An der nördlichen Kirchenaußenwand, fünfter Stein rechts vom Ostportal. Auf der hochrechteckigen, mit abgeschrägten Ecken versehenen Platte zwischen Blattranken ovales Schriftfeld mit Inschrift A. Darüber zwischen je einem Totenkopf fast rundes Medaillon. Darin Darstellung der Bundeslade mit Inschrift B im Halbrund darüber. Unter Inschrift A auf mehrgliedrigem Blatt hochovales Medaillon. Darin Darstellung des personifizierten Schicksals, einer weiblichen Figur mit langem Haar und über dem Kopf wehendem Segel, die mit dem rechten Fuß auf geflügelter Kugel steht. Im Halbrund darüber Inschrift C. Alle Inschriften eingehauen.

Maße: H.: 220 cm; B.: 134 cm; Bu.: 3–4,5 cm (A), 2 cm (B, C).

Schriftart(en): Kapitalis mit Versalschrift und einzelnen Minuskel-t (A), Kapitalis (B, C).

DI 61, Nr. 469 - St. Stephani - 1734

 Sabine Wehking [1/1]

  1. A

    REQUIESCIT HIC / SENEX Et PATRIAE PATER VENERAND(US) / QUI NUNQUAM, DUM VIXIT, QUIEVIT, / IUSTITIAE AC SALUTIS PUBLICAE / VINDEX Et PATRONUS INDEFESSUS / VIGILANS AC STRENUUS HELMST(ADII) ANGEL(US) TUTELARIS / MARTINUS ALBERTUS CHERUBIM / NATUS IS HANOVERAE A(NNO) MDCLXIXa) D(IE) I DEC(EMBRIS) / PARENTE G(EORGIO) H(ENRICO)b) CHERUBIM, SCHOL(AE) RECTORE / CULTIS FIDELITER PER TRIENNIUM IN ACAD(EMIA) IULIA / SAPIENTIAE STUDIIS, / A(NNO) MDCCa) REGISTRATOR AD AED(EM) S(ANCTI) STEPH(ANI) / A(NNO) MDCCIa) SENATOR. / A(NNO) MDCCIIIa) CAMERARIUS, Et DENIQUE A(NNO) MDCCXIVa) / CONSUL Et CAMERARIUS PERPETUUS FACTUS. / TANDEM INTER MEDIAS REI AC SALUTIS PUBLICAE CURAS / APOPLEXIA CORREPTUS, IUGI SUSPIRIO SPIRITUM / IMMORTALEM DEO O(PTIMO) M(AXIMO) COMMITTENS, / AD COELITES EMIGRAVIT A(NNO) MDCCXXXIVa) / D(IE) X[...]c) SEPt(EMBRIS) AET(ATIS) LXV. / VII. LIBERI SUPERSTITES EX BINIS THALAMI SOCIIS / M(ARIA) C(ATHARINA) CAL[IX]TA Et C(ATHARINA) E(LISABETHA) BODENIA SUSCEPTI / TOTIDEMQUE NEPOTES / PARENTI OPTIMO / NON SINE LACRYMIS / M(ONUMENTUM) H(OC) P(ONI) C(URAVERUNT)

  2. B

    VIGILANTER AC FIDELITER

  3. C

    FIRMAT PRUDENTIA / SORTEM

Übersetzung:

Hier ruht ein verehrungswürdiger Greis und „Vater des Vaterlandes“, der niemals, solange er lebte, zur Ruhe kam, ein unermüdlicher Hüter und Patron der Gerechtigkeit und des öffentlichen Wohles, der wachsame und starke Schutzengel Helmstedts, Martin Albert Cherubim. Geboren ist er in Hannover im Jahre 1669 am 1. Dezember als Sohn des Schulrektors Georg Henrich Cherubim. Er widmete sich drei Jahre lang mit Eifer den philosophischen Studien an der Academia Julia, wurde im Jahre 1700 Registrator an der Kirche St. Stephani, im Jahre 1701 Ratsherr, im Jahre 1703 Kämmerer und schließlich 1714 Bürgermeister und Kämmerer auf Lebenszeit. Endlich, mitten in den Geschäften für das Gemeinwesen und das öffentliche Wohl vom Schlagfluß getroffen, gab er unter andauerndem Seufzen seinen unsterblichen Geist dem besten und größten Gott zurück und schied dahin zu den Himmlischen im Jahre 1734 am [..] September im fünfundsechzigsten Lebensjahr. Sieben hinterbliebene Kinder, gezeugt mit zwei Ehefrauen, Maria Catharina Calixt und Catharina Elisabeth Boden, und ebenso viele Enkel ließen für den besten Vater unter vielen Tränen dieses Denkmal setzen. (A)

Wachsam und treu. (B)

Klugheit macht das Schicksal beherrschbar. (C)

Versmaß: Hexameterschluß (C).

Kommentar

Martin Albert Cherubim aus Hannover ließ sich am 13. Oktober 1692 an der Universität Helmstedt immatrikulieren1). Seine von der Inschrift mitgeteilte spätere Karriere in der Stadt wurde begleitet von zwei vorteilhaften Heiratsverbindungen. In erster Ehe war Cherubim mit der Enkelin des Theologen Georg Calixt (vgl. Nr. 340), Maria Catharina Calixt (vgl. Nr. 445), verheiratet, die ihn zum Eigentümer ihres väterlichen Hauses Langer Steinweg 8 machte2). Nach ihrem Tode heiratete Cherubim 1708 Catharina Elisabeth Boden, Witwe eines Mitgliedes der einflußreichen und wohlhabenden Helmstedter Familie Dorguth3). Sie brachte Cherubim neben dem Haus ihres Vaters das ihres ersten Ehemannes mit in die Ehe4).

Inschrift A spielt mit ANGELUS TUTELARIS – Schutzengel – auf Cherubim, den Familiennamen des Verstorbenen an. Inschriften B und C sind Teile von Emblemen, die hier nach verkürztem Schema nur aus Bild (Pictura) und kurzem Motto (Inscriptio) gebildet wurden. Eine genaue literarische Vorlage, die auch mittels eines in der Regel beigefügten kommentierenden Textes (Subscriptio) eine Deutung liefern könnte, läßt sich nicht ermitteln. Die Sinngebung der Bilder und Mottos kann also nur aus dem Kontext und durch den Vergleich mit bekannten Emblemen gewonnen werden. Das Inschrift B beigegebene Bild, die Bundeslade, hat wie ANGELUS TUTELARIS eine Beziehung zum Namen Cherubim. Die Bundeslade, in der u. a. die Gesetzestafeln aufbewahrt wurden, wird nach 2. Mo. 25,10–22 auf Weisung Gottes von zwei Cherubimfiguren, Nachbildungen seiner höchsten Engel, geschmückt und bewacht. Auf dem Epitaph sind sie schemenhaft zu erkennen. Der dazugehörige Inschrifttext VIGILANTER ET FIDELITER variiert VIGILANTIA ET FIDE, Motto eines Emblems, das die Haupttugenden der Könige und Regierenden bildlich darstellt durch einen Turm5). Dessen Ersatz durch die Bundeslade hier dürfte einmal auf die schon genannte Intention der Verfasser des Text-Bildprogramms zurückzuführen sein, die Möglichkeiten des Namens Cherubim auszuschöpfen. Zudem eignete sich die Bundeslade mit ihrem breiten Symbolgehalt6) auch als Sinnbild für die von dem Verstorbenen in seinem obersten städtischen Wächteramt zu bewahrenden Werte. Die den Verstorbenen würdigende Inschrift A bezieht mit dem Zitat von VIGILANS und FIDELITER die Aussage des Emblems direkt auf den Helmstedter Bürgermeister. Das Bild zu Inschrift C folgt in der Darstellung der Schicksalsfigur einem verbreiteten Typ7). Das leichtfüßige Schweben von Fortuna/Occasio/Sors auf einer geflügelten Kugel versinnbildlicht ihre Instabilität – so trägt ein ihr gewidmetes Emblem das Motto FORTUNAE INSTABILITAS (die Unbeständigkeit der Fortuna)8). Dem setzt das Helmstedter Motto FIRMAT PRUDENTIA SORTEM entgegen, daß Klugheit das Schicksal festmachen, also stabilisieren und damit lenken könne, dies als die hohe Kunst eines Regierenden. Wie zu Nr. 437 kann auch hier vermutet werden, daß bekanntes emblematisches Material für den besonderen Anlaß, hier das Lob eines Stadtoberen, weiterentwickelt bzw. neu kombiniert wurde.

Martin Albert Cherubims Name ist verzeichnet auf einem Kelch in St. Stephani (Nr. 399), auf einer Bleitafel im Turmknauf von St. Stephani (Nr. 453) und einer Zinktafel im Knauf des sog. Hausmannsturms (Nr. 455).

Textkritischer Apparat

  1. Neulateinische Zahlzeichen.
  2. Vornamen ergänzt nach Nr. 445. Dort in umgekehrter Reihenfolge.
  3. X[...]] XIII? Cherubim ist nach dem Kirchenbucheintrag am 16. September 1734 beigesetzt worden, vgl. NStA Wolfenbüttel 1 Kb 608, S. 159.

Anmerkungen

  1. Matrikel Helmstedt, Bd. 3, S. 29.
  2. Schaper, Häuserbuch 1,2, S. 161.
  3. Vgl. dazu Hochzeitsgedichte von A. T. Overbeck, Herrn Martin Albert Cherubim .. zugefertiget .. der glücklich erneuete (!) Ehestand Mit .. Catharina Elisabeth Boden, Witwe Dörgutinn, o. O. 1708.
  4. Schaper, Häuserbuch 1,1, S. 4; 1,2, S. 67.
  5. Henkel/Schöne, Emblemata, Sp. 1214. Das Emblem veröffentlicht bei Jacobus à Bruck II, Emblemata politica, Straßburg/Köln 1618, Nr. 45.
  6. Vgl. LCI 1, Sp. 341f.
  7. Vgl. Henkel/Schöne, Emblemata, Sp. 1796–1797, 1799–1801, 1809–1810.
  8. Henkel/Schöne, Emblemata, Sp. 1800. Das Emblem veröffentlicht bei Hadrianus Junius, Emblemata, Antwerpen 1565, Nr. 26. Die beiden ersten Verse der Subscriptio dazu lauten: Stare loco nescit certo Sors lubrica sedes / Quaerere docta nouas (das unsichere Schicksal, das sich immer neue Wohnsitze zu suchen weiß, versteht es nicht, fest an einem Platz stehen zu bleiben).

Nachweise

  1. Schultz, Grabmale 1963, S. 107 (A).

Zitierhinweis:
DI 61, Stadt Helmstedt, Nr. 469 (Ingrid Henze), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di061g011k0046902.