Inschriftenkatalog: Stadt Helmstedt

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 61: Stadt Helmstedt (2005)

Nr. 425 St. Stephani 1708

Beschreibung

Grabplatte des Johann Barthold Niemeier. Sandstein. An der nördlichen Kirchenaußenwand, zweiter Stein links vom Westportal. Böhmer sah die Platte 1710 zusammen mit der der ersten Ehefrau des Verstorbenen, Anna Margaretha Behrens (Nr. 335), im Eingangsbereich im Westen der Kirche1), Querner um 1850 ebenfalls noch „in der Kirche“2), Meier 1896 außen, nach der von ihm eingehaltenen Reihenfolge in der Nähe des Westportals3), also vermutlich am heutigen Platz. Die hochrechteckige Platte ist wie die der zweiten Ehefrau Sophia Elisabeth Stisser (Nr. 473) gearbeitet: Schriftfeld von beranktem Tauband oval eingerahmt, in den Ecken oben zwei Vollwappen, unten je ein Engelskopf. Inschrift erhaben ausgehauen, die vorgearbeiteten Linien noch erkennbar.

Maße: H.: ca. 220 cm; B.: 117 cm; Bu.: 4–6 cm.

Schriftart(en): Kapitalis.

DI 61, Nr. 425 - St. Stephani - 1708

 Sabine Wehking [1/1]

  1. D(EO) O(PTIMO) M(AXIMO) S(ACRVM) / PERENNIQVE MEMORIAE / IOANNIS BARTHOLDI / NIEMEIERI / PHIL(OSOPHIAE) ET THEOL(OGIAE) D(OCTORIS) PRAESTANTISSIMI / PROFESSORIS INDVSTRII / ACADEMIAE SENIORIS AMPLISSIMI / QVI NATVS IN MONT(E) S(ANCTI) ANDREAE A(NNO) MDCXLIV / LITTERAS BONAS SVBLIMIORAQVE STVDIA / SOLLICITE DIDICIT / ET DEIN PHILOSOPH(IAM) ATQVE THEOLOGIAM / IN HAC IVLIA ANNOS XXXIII DOCVIT / MVLTO LABORE MAGNA LAVDE / TANDEM INTER MEDITATIONES SACRAS / LETHALI APOPLEXIA OPPRESSVS / ANIMAM CHRISTO REDDIDIT / A(NN)O MDCCVIII D(IE) VIII. MAII / CUI / M(ONVMENTVM) H(OC) F(IERI) C(VRAVIT) / VIDVA MOESTISSIMA / SOPHIA ELISABETHA / STISSERIA

Übersetzung:

Gott, dem Besten und Größten, geweiht und dem immerwährenden Andenken an Johann Barthold Niemeier, den höchst vortrefflichen Doktor der Philosophie sowie der Theologie, den fleißigen Professor und hochachtbaren Senior der Universität. Geboren in St. Andreasberg im Jahre 1644, widmete er sich eifrig den schönen Wissenschaften und den höheren Studien und lehrte darauf dreiunddreißig Jahre lang mit viel Einsatz und großer Anerkennung an dieser Julia Philosophie und Theologie. Endlich, mitten in frommen Meditationen vom tödlichen Schlagfluß getroffen, gab er seine Seele Christus zurück im Jahre 1708 am 8. Mai. Ihm ließ die tieftraurige Witwe Sophia Elisabeth Stisser dieses Denkmal errichten.

Wappen:
Niemeier4), Stisser5)

Kommentar

Die V- statt U-Schreibung ist nicht mit letzter Konsequenz durchgeführt. So erscheint CUI.

Der Verstorbene, Sohn eines Pastors aus St. Andreasberg6), Student in Helmstedt seit 16657), hatte hier 1671 den Magistertitel erworben, war seit 1675 ordentlicher Professor der Metaphysik und erhielt 1690 zusätzlich die Logikprofessur übertragen. Nach dem Erwerb des theologischen Doktorgrades am 18. Mai 1693 wechselte er 1698 als ordentlicher Professor in die theologische Fakultät unter Beibehaltung seiner bisherigen Lehrstühle. Als Friedrich Ulrich Calixt gestorben war (vgl. Nr. 339), wurde er am 27. September 1703 dessen Nachfolger als professor controversiarum. Der Helmstedter Verfasser seiner Leichenpredigt bemüht sich, ihn als Vertreter der reinen lutherischen Lehre darzustellen8). Tatsächlich gehört er zu den auf Calixt folgenden Helmstedter Theologen, deren Lehre in Wort und Schrift9) dem orthodoxen Luthertum Anlaß gab, weiterhin gegen die Helmstedter Theologie zu polemisieren10).

Niemeier war zweimal verheiratet, seit dem 16. Juni 1680 mit Anna Margaretha Behrens (vgl. Nr. 335) und nach deren Tod seit dem 27. Oktober 1696 mit Sophia Elisabeth Stisser (vgl. Nr. 473). Beide Ehen blieben kinderlos. Ein Bild Niemeiers hängt im Juleum (Nr. 351).

Anmerkungen

  1. Böhmer, Inscriptiones, S. 28 IN PORTICV TEMPLI mit S. 29.
  2. Querner 1, S. 20.
  3. Meier, Kunstdenkmäler, S. 70.
  4. Wappen Niemeier: geteilt, oben Stern zwischen zwei nach innen gewandten Bärentatzen, unten drei Pfeile balkenweise. Wie in Nr. 335.
  5. Wappen Stisser: gekreuzte Stäbe, bewinkelt oben von Stern, zu beiden Seiten und unten von Rose. Vgl. Siebmacher, Wappenbuch, Bd. 5, 2. Abt., ND Bd. 9, S. 10.
  6. Lebensdaten nach F. Weise, Leich=Predigt .. bei beerdigung Des .. Johann Barthold Niemeiers, o. O. und J. Vgl. auch Ahrens, Lehrkräfte, S. 167f.
  7. Immatrikuliert am 9. Januar 1665, vgl. Matrikel Helmstedt, Bd. 2, S. 169.
  8. Weise, wie Anm. 6: der reinen Lutherischen Religion mit allen Eyfer und Ernst zugethan, in dem Er solche wider die Widersacher nach seinem Gewissen schützete.
  9. Titelverzeichnis der Publikationen Niemeiers bei Jöcher, Gelehrten-Lexicon, Bd. 3, Sp. 938.
  10. Vgl. ADB 23, S. 677.

Nachweise

  1. Nieders. Landesbibliothek Hannover, Cm 62, Trauerschriften J. B. Niemeier, letzter Beitrag.
  2. Böhmer, Inscriptiones, S. 29.
  3. Koch bei Meier, Monumenta Julia.
  4. Querner 2.

Zitierhinweis:
DI 61, Stadt Helmstedt, Nr. 425 (Ingrid Henze), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di061g011k0042503.