Inschriftenkatalog: Stadt Helmstedt

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 61: Stadt Helmstedt (2005)

Nr. 317 Neumärker Str. 29 1691

Beschreibung

Haus. Fachwerkbau mit rückwärtigem Seitenflügel. An der Front zur Neumärker Straße hin traufenständig, dreigeschossig, elf Gefache breit. Inschriften A und B an der Front auf den Schwellbalken der beiden Obergeschosse, Inschrift C über dem rechts gelegenen Portal der Einfahrt. An der rechten Seitenfront des Flügels im Hof die unvollständigen Inschriften D und E auf den beiden Schwellbalken der Obergeschosse. Deren Textbeginn ist jeweils in der Einfahrt verbaut. Inschrift F innen im Parterre in einem steinernen Türsturz über der Gartentür. Am Anfang und am Ende der Inschriften A und B jeweils ein Rankenornament. Inschriften A–E erhaben geschnitzt, Inschriften A–C dazu auch farbig gefaßt, Inschrift F eingehauen. Die Wörter von Inschrift C jeweils einzeln in ovalen, vertieften Schriftfeldern. Das stark verwitterte Fragment der Inschrift D zeigt ungewöhnlich große Buchstabenabstände. In die Wortzwischenräume der Inschrift D ist eine einer liegenden Acht ähnliche Zierform gesetzt.

Maße: Bu.: ca. 12 cm (A–E), 3,5 cm (F).

Schriftart(en): Kapitalis (A, E, F), Kapitalis mit Antiqua (B), griechische Majuskel (C), Frakturversalien mit Fraktur (D).

DI 61, Nr. 317 - Neumärker Str. 29 - 1691

 Sabine Wehking [1/1]

  1. A

    · DA DEUS UT DOMUS HAEC FELICIA TEMPORA CERNAT · ET POSSESSORES GAUDIA IUSTA BEENT · TRANSIGERE UT LICEAT SINE RIXA ET QUESTIBUS ANNOS · AC FERAT INNUMEROS GRATIOR AURA DIES ·

  2. B

    · DEO SUFFRAGANTE SUI IN MEMORIAM ET POSTERITATIS USUM AEDES HAS EXSTRUI FECERE IOH(ANNES) PHRONAEUS de FINNEN PRAEFECT(US) SOMMERSB(ERGENSIS)a) ET UXOR EIUS MELOSINA VERONICA RITTERS ANNO MDCXCIb) ·

  3. C

    ΜΕΓΑ ΠΗΜΑ ΓΕΙΤΩΝ ΚΑΚΟSc)1)

  4. D

    [ – – – ]ndd) · [.]In · LaS · DIR · [.] GROSER GOTT · BEFOHLen · SeIn ·

  5. E

    [..................................................]ECTIe) SOMMERSBE[RGENSIS ET ME]LOSINAEf) VERONICAE RITTERS EXSTRUCTUM · A(NN)O MDCXCIb) QUOD SARTUM TECTUM ESSE VELIT DEUS · T(ER) · O(PTIMUS) · MAXIMUS

  6. F

    ANNO DOMINI 1691

Übersetzung:

Gib, Gott, daß dieses Haus glückliche Zeiten erblickt und seine Besitzer sich an rechten Freuden erquicken, daß ihnen erlaubt sei, ohne Streit und Klagen ihre Jahre zu verleben, und ihnen ein günstigeres Geschick unzählige Tage beschere. (A)

Mit Gottes Beistand haben zum Gedenken an sich und zum Nutzen der Nachwelt Johannes Phronäus von Finnen, Amtmann von Sommerschenburg, und seine Ehefrau Melosina Veronika Ritter dieses Haus erbauen lassen im Jahre 1691. (B)

Ein böser Nachbar ist ein großes Unglück. (C)

[Dieses Haus wurde auf Kosten des Johannes Phronäus von Finnen], Amtmann von Sommerschenburg, und der Melosina Veronika Ritter im Jahre 1691 erbaut. Daß es guten Bestand habe, möge des dreimal besten und größten Gottes Wille sein. (E)

Versmaß: Elegische Distichen (A).

Kommentar

Das Erbauerehepaar Phronäus von Finnen/Ritter gehört zur Familie Haspelmacher, deren Mitglied Magister Johannes Haspelmacher, Abt von Mariental, verheiratet war mit Eva von Lüneburg, einer nichtehelichen Tochter Herzog Augusts des Jüngeren von Braunschweig-Wolfenbüttel, und sich allerhöchster Förderung erfreute2). Das Grundstück Neumärker Str. 29 wurde 1665 von Ernst Haspelmacher erworben3). Ernst Haspelmacher war ein Verwandter des Abtes von Mariental, Johannes Haspelmacher, und hatte seit 16524) das Amt des Verwalters im Kloster Mariental inne. Er hatte im selben Jahr 1652 die inschriftlich genannte Melosina Veronika Ritter geheiratet5), eine am 1. April 1626 geborene Tochter des herzoglichen Amtmanns in Lichtenberg, Salzgitter-Lichtenberg, Johannes Ritter. Als Ernst Haspelmacher 1674 verstarb, übernahm Johannes Phronäus die Verwaltung des Vermögens der Witwe Melosina Veronika Ritter. Johannes Phronäus scheint nach den ermittelbaren Nachrichten mit Ernst Haspelmacher verwandtschaftlich verbunden gewesen zu sein. So wird er in den Personalschriften als dessen cognatus (Blutsverwandter) bezeichnet6). Auch hatte er sein Studium in Helmstedt am 11. Oktober 1662 zusammen mit dem Sohn Johannes des Marientaler Abtes, der wie er selbst aus Herford stammte, begonnen7). Auf Betreiben der Familie Haspelmacher heiratete er 1676 die erheblich ältere Melosina Veronika Ritter. Zum Zeitpunkt der Eheschließung 1676 war Phronaeus Pachtinhaber und Verwalter im Kloster St. Marienberg in Helmstedt8). Am 1691 errichteten Neubau Neumärker Str. 29 kann er, wie Inschrift A zeigt, sich Amtmann des damals zu Brandenburg gehörigen Sommerschenburg nennen. Ob und wann Phronäus den in den Inschriften geführten Zusatz de Finnen als Adelsprädikat erhielt, ließ sich nicht ermitteln. Die Erbauer des Hauses standen also in keiner unmittelbaren Beziehung zur Universität, wie die anspruchsvollen und gelehrten Inschriften – Inschrift C ist die einzige griechische Hausinschrift in Helmstedt – zunächst vermuten lassen. Andererseits ist die Inschriftenwahl sehr wohl deutbar als Reaktion auf das akademische Umfeld. Das Haus wurde im 18. Jahrhundert bevorzugt von Professoren bewohnt9).

Die griechische Inschrift C bietet ein spätes Beispiel für den Bekanntheitsgrad des Hesiodschen Lehrgedichtes Werke und Tage. Dieses Büchlein war vor allem im 16. Jahrhundert als Schullektüre, nicht zuletzt auf Empfehlung Melanchthons, außerordentlich verbreitet10). Es ließ sich nicht klären, ob die Wahl des Spruches durch einen konkreten Konflikt des Erbauerehepaars mit einem Nachbarn veranlaßt worden ist.

Das Haus findet Erwähnung als Sterbeort der Melosina Veronika Ritter in der Inschrift ihrer Grabplatte von 1699. Sie ist in der Klosterkirche Mariental erhalten, wo Melosina Veronika an der Seite ihres ersten Mannes Ernst Haspelmacher beigesetzt worden ist11).

Textkritischer Apparat

  1. Auflösungsvorschlag nach SOMMERSBE[RGENSIS] in Inschrift E. Zu erwarten wäre SOMMERSCHENBURGENSIS. So in der Titulatur des Phronäus in Programma memoriae, wie Anm. 5. Die von Schrader, Schaper, Hägele und Moshagen zu Inschrift E ergänzten Formen SOMMERSBURGENSIS u. ä. sind wegen des in Inschrift E erhaltenen Buchstabens E nicht möglich.
  2. Neulateinische Zahlzeichen.
  3. Verwendung des lateinischen S statt des griechischen Sigmas.
  4. Schrader, Schaper, Moshagen ergänzen [Und was da gehet aus u]nd ein ..; möglich wäre auch das in Helmstedt am Haus Nr. 466 belegte [Wo ich geh aus u]nd ein Laß Dir o großer Gott befohlen sein.
  5. Nach dem aus der Länge der Inschrift D errechenbaren Umfang von Inschrift E könnte ergänzt werden HOC AEDIFICIUM SUMPTIBUS IOH(ANNIS) PHRONAEI de FINNEN PRAEF. Dem folgt die Übersetzung.
  6. [ME]LOSINAE] ..ROSINAE Meier.

Anmerkungen

  1. Nach Hesiod, Werke und Tage, Vers 344.
  2. Zu Johannes Haspelmacher vgl. Römer, Mariental, S. 179.
  3. Schaper, Häuserbuch 1,3, S. 36.
  4. Zum Amtsbeginn 1652 in Mariental vgl. die Inschrift seiner Grabplatte in der Klosterkirche Mariental bei Wehking/Wulf, Inschriften und Graffiti, Nr. 48.
  5. Programma memoriae .. Melosinae Veronicae Ritteriae, Helmstedt 1699. Das Folgende ebenda.
  6. Programma memoriae, wie Anm. 5. Er selbst spricht in einem Trauergedicht auf den Tod der Eva von Lüneburg von sich als Verwandtem, vgl. J. Phronaeus, Bezeugung Schuldiger Dankbarkeit .. gegen .. Eva Margareta von Lunenburg, Helmstedt o. J. (1681).
  7. Matrikel Helmstedt, Bd. 2, S. 158. Johannes Phronäus wurde immatrikuliert als Hervordiensis. Die Herkunft des Abtes Johannes aus Herford bei G. Zimmermann (Hg.), H. Meibom, Chronicon Marienthalense, Mariental 1988, S. 90 mit Anm. 85. Auch Ernst Haspelmacher war aus Herford gebürtig, vgl. seine Grabplatteninschrift, Wehking/Wulf, wie Anm. 4.
  8. Progamma memoriae, wie Anm. 5.
  9. Zur weiteren Geschichte des Hauses vgl. Schrader, Professorenhäuser, 21. 8., 28. 8., 4. 9., 11. 9., 18. 9., 25. 9. 1954.
  10. I. Henze, Der Lehrstuhl für Poesie an der Universität Helmstedt bis zum Tode Heinrich Meiboms d. Ält. († 1625), Hildesheim/Zürich/New York 1990, S. 93ff.
  11. Vgl. Wehking/Wulf, Inschriften und Graffiti, Nr. 54. Der diesbezügliche Text dort lautet IN IHREM WOHNHAUSE IN HELMSTÄDT SELIG GESTORBEN.

Nachweise

  1. Meier, Kunstdenkmäler, S. 116 (A, C, E teilweise).
  2. Schrader, Professorenhäuser, 21. 8. 1954 (A, B, D, E).
  3. Schaper, Häuserbuch 1,3, S. 36 (A, B, D, E).
  4. Kleinert, Stadtbild, S. 48 (A, C) – Hägele, Hausinschriften, Nr. 57 (A–E).
  5. Moshagen, S. 22f. (A–E).

Zitierhinweis:
DI 61, Stadt Helmstedt, Nr. 317 (Ingrid Henze), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di061g011k0031706.