Inschriftenkatalog: Stadt Helmstedt

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 61: Stadt Helmstedt (2005)

Nr. 116 Juleum 1604, 2. H. 18. Jh.

Beschreibung

Gemälde. Porträt eines Unbekannten, nach Mitte des 18. Jahrhunderts Joachim Jungius zugeordnet. Öl auf Holz. Im Bibliothekssaal an der Nordwand, erstes Bild von Osten. Das Bild gehörte zum Bestand der alten Bibliothek (s. Kommentar). Es befand sich 1926 im Juleum1), wurde 1945 gestohlen und 1981 unter Vermittlung der Joachim Jungius-Gesellschaft Hamburg vom Landkreis Helmstedt zurückgekauft2). Hüftbild in altem, ornamentiertem Rahmen. Vor einem geöffneten Vorhang der Porträtierte in Frontalansicht, in weitem, dunklem Gewand mit breitem, gekraustem Kragen, in der Rechten eine Blume, die Linke über Buch auf Ablage. Gesichtszüge und rotbraune Farbe von Vollbart und Haupthaar zeigen einen Mann etwa im vierten Lebensjahrzehnt. Über den Schultern links Vollwappen, rechts Inschrift A, unmittelbar darunter Inschrift B. Inschriften gemalt, goldgelb auf dunkelbraunem Grund.

Maße: H: 110 cm; B.: 89 cm; Bu.: 1–1,2 cm (A), 1,3 cm (B).

Schriftart(en): Kapitalis (A), schrägliegende Kapitalis mit Versalien (B).

DI 61, Nr. 116 - Juleum - 1604, 2. H. 18. Jh.

 Sabine Wehking [1/1]

  1. A

    AETATIS · SVAE · 38 / ANNO · 1604

  2. B

    IOACH(IMVS). IVNGIVS. / ANNO. 1614.

Übersetzung:

Im achtunddreißigsten Lebensjahr3) im Jahre 1604. (A)

Joachim Jungius im Jahre 1614. (B)

Wappen:
?4)

Kommentar

Die unterschiedlichen Datumsangaben bedürfen der Erklärung. Bei Inschrift A handelt es sich nach dem Schriftbild wohl um die originale Beschriftung des Bildes aus dem Jahre 1604. Die Kapitalis der Inschrift B liegt schräg, gebraucht Versalien und Punkte als Worttrenner, verwendet A mit eingeknicktem Mittelbalken sowie S mit ausgeprägt geschwungenem unteren Bogen. Die gleichen Merkmale weisen auch die Namenbeischriften einer Gruppe von Professorenbildern aus dem 18. Jahrhundert auf5). Dieser epigraphische Befund wird bestätigt durch einen Eintrag in ein nach 1745 aufgestelltes Inventar6), das den Gemäldebestand der neuen, d. h. der von Herzog Rudolph August 1702 der Universität geschenkten (vgl. Nr. 376), und der aus den Gründungsjahrzehnten stammenden alten Bibliothek auflistet. Danach gehörte zum Gemäldebestand der alten Bibliothek Ein auf holtz gemahltes 4ecktes portrait so nicht benahmet. Zur seite stehet: aetatis suae 38 a(nn)o 1604. Es kann kein Zweifel bestehen, daß es sich um das heute Jungius zugewiesene Bild handelt. Inschrift B mit dem Namen wurde also erst in der Zeit nach 1745 hinzugefügt.

Sowohl die alte Inschrift A als auch die später hinzugefügte Inschrift B lassen sich jedoch nicht sinnvoll auf Jungius beziehen. Joachim Jungius, bedeutender Naturforscher und -philosoph, wurde 1587 in Lübeck geboren7). 1604 war er erst siebzehn Jahre alt. Möglicherweise hat der Verfasser von Inschrift B versucht, hier zu korrigieren, allerdings ohne Kenntnis der genauen Daten der Jungiusbiographie. Das von ihm eingesetzte Jahr 1614 läßt sich ebensowenig wie 1604 auf Jungius beziehen. Jungius, 1614 siebenundzwanzig Jahre alt, nicht achtunddreißig, wie Inschrift A in Übereinstimmung mit dem Erscheinungsbild der dargestellten Person mitteilt, hielt sich um diese Zeit in Gießen und Augsburg auf. In Helmstedt wirkte er als Professor der Medizin von Juni bis Dezember 1625. Aufgrund dieser Unstimmigkeiten scheidet Jungius als Porträtierter aus. Es bleibt indes die Frage, wie es zu der Zuweisung an Jungius kommen konnte. Hier könnte die Blume in der Hand des Dargestellten als Zeichen mißverstanden worden sein, den abgebildeten Gelehrten als Naturwissenschaftler zu deuten8). Eine weitere Identifizierungsmöglichkeit bot das Wappen. Joachim Jungius wird auf den sonstigen Porträts ohne Wappen dargestellt9). Das auf dem Gemälde beigegebene Wappen mit dem Hirsch läßt sich einige Dutzend Male allein bei Bürgerlichen nachweisen10). Darunter befindet sich auch eine sonst unbekannte Familie Jung in Regensburg 156011). Eher unwahrscheinlich, aber nicht auszuschließen ist, daß der Verfasser der Inschrift B zufällig dieses Regensburger Jung-Wappen gekannt und danach das Bild zugeordnet hat.

Ungeklärt ist weiterhin, wen die abgebildete Person darstellt. In dem aus Inschrift A zu errechnenden Zeitraum – um 1566 – sind zwei Helmstedter Professoren geboren, der Philosoph Johannes Potinius und der Jurist Theodor Adam. Potinius scheidet aus, da er ein anderes Wappen geführt hat12). Adam, Universalgelehrter, auch mit Kenntnissen in Medizin, fungierte im Entstehungsjahr des Bildes 1604 als Prorektor, hätte also einen Anlaß gehabt, sich malen zu lassen13). Sein Wappen ist indes nicht bekannt, das seines Bruders, ebenfalls Professor in Helmstedt, hat im Schild drei Kugeln14).

Anmerkungen

  1. Zimmermann, Album, S. 418.
  2. Frdl. Auskunft des Leiters der Ehem. Universitätsbibliothek Helmstedt, Herrn R. Volkmann.
  3. Oder „im Alter von achtunddreißig Jahren“? Zur Übersetzung von aetatis vgl. S. 35f. der Einleitung.
  4. Wappen ?: springender Hirsch.
  5. Vgl. dazu Nr. 522.
  6. NStA Wolfenbüttel 37 Alt Nr. 1075, Bl. 83r. Das undatierte Schriftstück spricht von Academia Julia Carolina, ist also nach 1745, dem Ende des Kondominiums der Welfenhöfe über die Universität Helmstedt, verfaßt.
  7. Zu ihm NDB 10, 1974, S. 686ff. Das Folgende ebenda. Vgl. auch Triebs, Medizinische Fakultät, S. 55f.
  8. Blumen sind als Attribut auf Abbildungen von Ärzten im 16. und 17. Jahrhundert verbreitet, vgl. z. B. Oehme, Jenaer Professoren, S. 49, hier zusammen mit Totenkopf, und P. Berghaus, T. Bürger u. a., Porträt 2 – Der Arzt. Graphische Bildnisse des 16.–20. Jahrhunderts aus dem Porträtarchiv Diepenbroick, Münster 1979, S. 87, hier zusammen mit Buch, S. 94, S. 127, S. 132.
  9. Wappen nicht auf dem Stich bei Mortzfeld, Porträtsammlung, A 10767 und dessen Nachbildung mit deutscher Unterschrift, Exemplar Ehem. Universitätsbibliothek Helmstedt, nicht auf dem Titelblatt der Logica Hamburgensis, Hamburg 1681, HAB Wolfenbüttel, Sign. Li 4233, und auf einem Ölgemälde in der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, abgebildet in: Naturforschung und Naturlehre im alten Hamburg, Hamburg 1928. Zimmermann, wie Anm. 1, der keinen Zweifel an der Richtigkeit der Bildzuweisung äußert, bezeichnet dann auch konsequent das darauf befindliche Wappen als das des Joachim Jungius. – Zimmermanns mißverständliche Anmerkung, einer der Jungiusstiche (Mortzfeld, Porträtsammlung, A 10767) sei nach dem Ölbild im Juleum angefertigt worden („4. Stich in 4° nach 1“, Album, S. 418), beruht auf einer falschen Übertragung der Zählung von seiner handgeschriebenen Karteikarte in den Artikel des Albums, wie die Autopsie der Karteikarte, vgl. NStA Wolfenbüttel 34 Slg. Nr. 61, I, ergab.
  10. Vgl. O. Neubecker, Großes Wappen-Bilder-Lexikon der bürgerlichen Geschlechter Deutschlands, Österreichs und der Schweiz, München 1985, S. 293ff.
  11. Siebmacher, Wappenbuch, Bd. 5, 2. Abt., ND Bd. 9, S. 7. Beziehungen der Lübecker Familie Jung(ius) dorthin sind nicht bekannt.
  12. Im Schild ein Pokal, vgl. Zimmermann, Album, S. 435.
  13. Auch Friedrich Ulrich Calixt hat im Jahr seines Prorektorates 1696 ein Porträt von sich anfertigen lassen, vgl. Nr. 339. Theodor Adams Lebensdaten bei Zimmermann, Album, S. 400f.
  14. Vgl. Zimmermann, Album, S. 414. – Für Beratung und weiterführende Hinweise bei der Abfassung des Artikels dankt die Bearbeiterin dem Präsidenten der Joachim Jungius-Gesellschaft, Herrn Prof. Dr. O. Kraus, Hamburg, und Herrn Prof. Dr. C. Meinel, Lehrstuhl für Wissenschaftsgeschichte, Regensburg.

Nachweise

  1. NStA Wolfenbüttel 37 Alt Nr. 1075, Bl. 83r.
  2. Zimmermann, Album, S. 418.

Zitierhinweis:
DI 61, Stadt Helmstedt, Nr. 116 (Ingrid Henze), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di061g011k0011609.