Inschriftenkatalog: Stadt Helmstedt

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 61: Stadt Helmstedt (2005)

Nr. 92 St. Stephani 1588

Beschreibung

Epitaph des Tilemann Heshusius. Holz, farbig gefaßt. Innen an der südlichen Chorwand. Nach Böhmer befand es sich dort auch 17101). Viergeschossiger Aufbau mit Reliefdarstellungen: Im Hauptgeschoß unter Rundbogen, gerahmt von zwei Halbsäulen, Kreuzigung. Davor vollplastische, kniende Figuren des Verstorbenen und sechs2) seiner erwachsenen Kinder. Links und rechts davon Figuren der Liebe und der Hoffnung3). Darüber Auferstehung, durch Säulen getrennt von Himmelfahrt links und Ausgießung des Heiligen Geistes rechts4), im dritten Geschoß Jüngstes Gericht, darüber Dreieinigkeit. Abschließend gebrochener Giebel mit Bekrönung. An den Seiten Rollwerk und Voluten. Im Sockelbereich unter dem Hauptgeschoß zwischen zwei Konsolen querrechteckige, gerahmte Schrifttafel mit den ersten fünf Zeilen der Inschrift. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts ist die Inschrift mit dem hier wiedergegebenen, sehr viel längeren Wortlaut gesehen worden. Meier fand sie 1896 in der heutigen gekürzten Form vor. Inschrift gemalt, weiß auf schwarzem Grund.

Inschrift ergänzt nach Böhmer.

Maße: H.: ca. 350 cm; B.: ca. 190 cm; Bu.: 2 cm.

Schriftart(en): Kapitalis mit Versalien.

DI 61, Nr. 92 - St. Stephani - 1588

 Sabine Wehking [1/2]

  1. TILEMAN(N)VS HESHVSIVS WESALIA / ANTIQVISSIMA CLIVORVM VRBE ORIVNDVS. / ANNO 1527 NATVS / A IVVENTVTE IN CELEBERRIMVSa) GALLIAE ET / GERMANIAE ACADEMIIS VERSATVS, / [PHILOSOPHVS ET THEOLOGVS EXCELLENTISSIMVS IN DIVERSIS ECCLESIIS SCHOLISQVE DOCTORIS ET ANTISTITIS MVNERE FVNCTVS MVLTISQVE EGREGIIS DE RELIGIONE COM(M)ENTARIIS RELICTIS CVM ZELO CONSTANTIA ET ELOQVENTIA SVI TEMPORIS THEOLOGOS SVPERASSET AETATE MATVRA OBITV IMMATVRO EX HAC ACADEMIA IN CAELESTEM EVOCATVS OBIIT ANNO SALVTIS MDXXCIIXb) AETATIS LXI]

Übersetzung:

Tilemann Heshusius aus Wesel, der uralten Stadt der Klever, geboren im Jahre 1527, von Jugend auf an den berühmtesten Universitäten Frankreichs und Deutschlands zu Hause, herausragender Philosoph und Theologe, Inhaber des Lehr- und Bischofsamtes an verschiedenen Kirchen und Schulen, wurde unter Zurücklassung zahlreicher bedeutender religiöser Schriften in reifem Alter, doch durch einen zu frühen Tod abberufen aus dieser Hochschule in die himmlische, nachdem er an Eifer, Standfestigkeit und Redekraft die Theologen seiner Zeit weit übertroffen hatte. Er starb im Jahre des Heils 1588 im 61. Lebensjahr.

Kommentar

Tilemann Heshusius5), geboren am 3. November 1527 in Wesel, hatte nach Studien u. a. – wie in der Inschrift vermerkt – auch in Frankreich in Wittenberg 1550 als Schüler Melanchthons den philosophischen Magistergrad erworben. Während der Zeit seiner ersten Anstellung als Superintendent in Goslar wurde er 1553 zum Doktor der Theologie in Wittenberg promoviert. Sein konsequentes Festhalten an einmal für richtig erkannten theologischen Positionen – dazu gehörten die Einhaltung der Kirchenzucht und die Verwerfung der Ubiquitätslehre bei Anerkennung der Präsenz des Leibes Christi im Abendmahl – bescherte ihm ein unruhiges Wanderleben. Stationen auf seinem Weg als Seelsorger und akademischer Lehrer waren u. a. 1556–1557 eine Theologieprofessur in Rostock, 1558 die Generalsuperintendentur der Pfalz unter Kurfürst Ottheinrich in Heidelberg, 1565–1569 das Hofprediger- und Superintendentenamt bei Pfalzgraf Wolfgang von Zweibrücken in Neuburg, 1569 eine theologische Professur in Jena, 1573–1577 das Amt des Bischofs von Samland in Königsberg zusammen mit einer theologischen Professur an der dortigen Universität. Wegen Lehrstreitigkeiten aus diesem Amt entfernt, erhielt er 1577 durch Herzog Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel einen Ruf als Professor primarius und Konsistorialrat nach Helmstedt. Im Sinne des Universitätsgründers schien er neben Theologen wie Basilius Sattler (vgl. Nr. 146) die streng lutherische Ausrichtung der neuen Hochschule zu garantieren, beförderte freilich durch die zusammen mit seinen theologischen Kollegen vertretene Ablehnung der Ubiquitätslehre eine Absonderung der Helmstedter Theologie vom übrigen orthodoxen Luthertum. Helmstedt wurde der Ort, an dem er die längste Zeit seines Lebens, elf Jahre, wirken konnte. Er starb am 25. September 1588 und wurde im Chor von St. Stephani beigesetzt. Seine Grabplatte Nr. 93 ist erhalten. Die in der Inschrift gerühmte große Zahl seiner theologischen Abhandlungen wird durch die neuere Forschung bestätigt: Ein Verzeichnis der bekannten Schriften des Heshusius umfaßt 353 Titel6).

Textkritischer Apparat

  1. CELEBERRIMVS] Falsch restauriert für CELEBERRIMIS, das die gesamte kopiale Überlieferung bietet. Dem folgt die Übersetzung.
  2. MDXXCIIX] Meier, Leuckfeld, Chrysander, MDXXCIX Böhmer, MDXXCIX aus MDXXCIIX korrigiert bei Querner 1, Ms. Vgl. die falsche Angabe 1589 auf der Grabplatte Nr. 93.

Anmerkungen

  1. Böhmer, Inscriptiones, S. 1 IN CHORO.
  2. Sieben waren es noch 1896, vgl. Meier, Kunstdenkmäler, S. 68.
  3. Nach Meier, wie Anm. 2, der die Attribute Lamm und Stecken bzw. Anker und Taube noch gesehen hat.
  4. Meier, wie Anm. 2, nennt hier als rahmende Figuren noch Glaube mit Buch und Gerechtigkeit mit Schwert.
  5. Lebensdaten und Würdigung bei P. F. Barton, „Heshusius, Tilemann“. In: TRE 15, S. 256ff. Vgl. auch Zimmermann, Album, S. 372ff. und Ahrens, Lehrkräfte, S. 114ff.
  6. Barton, wie Anm. 5, S. 258.

Nachweise

  1. Böhmer, Inscriptiones, S. 1.
  2. Meier, Monumenta, S. 7.
  3. J. G. Leuckfeld, Historia Heshusiana, Quedlinburg und Aschersleben 1716, S. 218.
  4. Chrysander, Diptycha, S. 35.
  5. Querner 1, Typoskript, S. 13, Ms., S. 14.
  6. Meier, Kunstdenkmäler, S. 69 (mit Ergänzung nach Böhmer).
  7. Henze, Helmstedt (Zeilen 1–5).

Zitierhinweis:
DI 61, Stadt Helmstedt, Nr. 92 (Ingrid Henze), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di061g011k0009209.