Inschriftenkatalog: Stadt Helmstedt

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 61: Stadt Helmstedt (2005)

Nr. 87 St. Stephani 1582–1584, 1655

Beschreibung

Obere Orgelempore. Holz (A), Öl auf Leinwand (B–K). Die zu den beiden Seitenschiffen hin eingezogene Westempore trägt in der Mitte ihres breiten Mittelschiffteils das Orgelrückpositiv. Inschrift A verläuft unter der Brüstung über die gesamte Breite der Orgelempore unter Aussparung des Orgelrückpositivs und der Nord- und Südseiten des vorspringenden Mittelteils. Inschriften B–K befinden sich auf zweimal fünf gerahmten Bildern unterschiedlicher Breite. Diese sind von links nach rechts auf dem Mittelschiffteil beiderseits des Orgelrückpositivs in die Brüstungsfelder eingelassen und tragen neun Vollwappen und im dritten Feld von links einen Wappenschild mit Mitra und gekreuzten Abtsstäben. Die Inschriften sind gemalt, gold (A) bzw. weiß (B–K) auf schwarzem Grund1).

Maße: H.: 68 cm (B–K); B.: 42 cm (B, K), 40 cm (C, J), 41 cm (D), 54 cm (E–H), 39 cm (I); Bu.: 5 cm (A), ca. 3–4 cm (B–K).

Schriftart(en): Kapitalis (A), humanistische Minuskel mit Kapitalisversalien (B), Fraktur (C–K).

  1. A

    ANNO 1654 HATT DIE KIRCHE S(ANKT) STEPHANI DIESE PRICHE, DER GEMEINE DIESER STADT ZVM BESTEN, BAVWEN LASSEN. // REDET VNTER EINANDER VON PSALMEN VND LOBGESAENGEN VND GEISTLICHEN LIEDERN, SINGET VND SPIELET DEM HERRN // IN EVREM HERZEN; VND SAGET DANK ALLEZEIT FVER ALLES, GOTT VND DEM VATER, IN DEM NAMEN VNSERS HERRN IESV CHRISTI2). // ANNO. 1655. HERR ICH HABE LIEB DIE STETE DEINES HAVSES VND DEN ORT DA DEINE EHRE WOHNET.3)

  2. B

    Acadmiaa) Iulia

  3. C

    H(err) Antonius Ed/ler herr. z(u) werberg

  4. D

    H(err) Casparus schos/gen Abt z(u) marient(a)l

  5. E

    H(err) Jacobus Pasman / Probst zu S(ankt) ludger(i) vor helm(stedt)b)

  6. F

    Joachimus Mÿnsinger / von frondeck D(octor)

  7. G

    Hans von Bartensleb

  8. H

    Achatz von Veltheim

  9. I

    Jacob von Blanckenbergc)

  10. J

    Mauritz von Arnim ·

  11. K

    Herman(n) von Schungel ·

Wappen:
Universität Helmstedt4), Warberg5), Kloster Mariental6), Propst Jakob Passmann7), Mynsinger von Frundeck8), Bartensleben9), Veltheim10), Blankenberg11), Arnim12), Schungel13),

Kommentar

Bei den Inschriften B–K handelt es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um Stifterinschriften. Ihre Datierung ergibt sich aus den biographischen Daten der genannten Personen. Zu den Stiftern im einzelnen: Die Stadtkirche St. Stephani übernahm 1576 die Funktion einer Universitätskirche. Daraus erklärt es sich, daß die Universität die Reihe der Stifter anführt (B). Durch Inschrift C bezeichnet sind entweder der am 14. Januar 1583 verstorbene Antonius d. Ä. von Warberg oder sein 1582 immatrikulierter und bis 1585 an der Universität Helmstedt nachweisbarer, 1596 verstorbener Sohn Antonius d. J., beide Inhaber der Komturei Süpplingenburg des Johanniterordens14). Unter Caspar Schosgen (D), Abt von Mariental 1564 bis 1592, war das Zisterzienserkloster evangelisch geworden und hatte das Grundstück seines Stadthofes in Helmstedt der Universität als zukünftigen Sitz übertragen15). Jakob Passmann (E) war von 1566 bis 1586 Propst des Klosters St. Ludgeri, dessen Abt bis 1803 formal das Patronat über die protestantische Stadtkirche St. Stephani besaß16). Zu Joachim Mynsinger von Frundeck (F) vgl. Nr. 90. Bei dem in Inschrift G Genannten dürfte es sich um den am 14. Februar 1583 verstorbenen und in der Kirche von Vorsfelde, Stadt Wolfsburg, beigesetzten Hans von Bartensleben handeln. Er konvertierte noch im fortgeschrittenen Alter zum lutherischen Bekenntnis17). Achatz von Veltheim (H), dessen Familie die Universität später u. a. durch ein Stipendiatenprogramm förderte, starb am 12. November 158818). Jakob von Blanckenberg (I) läßt sich nicht sicher identifizieren. Nach seinem Wappen (vgl. Anm. 11) stammt er aus einer dem pommerschen Uradel angehörenden Familie namens Blanckenburg, die 1573 auch in Braunschweig nachweisbar ist. Moritz von Arnim (J), Erbherr auf Krüssau, Landkreis Jerichower Land, und Verwalter hoher Ämter im Erzstift Magdeburg, verstarb am 1. März 1584. Sein gleichnamiger Sohn studierte 1582 in Helmstedt19) und ist dort kurz nach des Vaters Tod verstorben20). Ein Hermannus Schungel (K), Adeliger aus dem Kölner Herzogtum (= Westfalen) ist am 10. Mai 1582 in Helmstedt immatrikuliert21). Inschrift K ist ein Hinweis darauf, daß sich auch wohlhabende Studenten aus entfernteren Reichsteilen an der Stiftung beteiligt haben.

Die Werbung der Stifter erfolgte zwischen Mai 1582 (Immatrikulation des Hermann von Schungel, Inschrift K) und Februar 1583 (Tod des Hans von Bartensleben, Inschrift G, mit unsicherer Zuweisung) oder spätestens 1584 (Tod der beiden Moritz von Arnim, Inschrift J). Um diese Zeit war auch die auf der Empore befindliche Orgel im Bau (vgl. Nr. 86). Deren Inschrift deutet darauf hin, daß für die Kosten der Orgel der Rat und die Gemeinde aufgekommen sind. Demnach sind in den hier genannten Namen allein die Stifter der Empore zu sehen.

Inschrift A von 1654/55 wirft die Frage nach dem Umfang der Baumaßnahmen dieser Jahre auf. Anders als hier suggeriert, kann 1654/55 nur eine umfangreiche Erneuerung der Empore von 1584 vorgenommen worden sein22). In jedem Fall macht Inschrift A deutlich, daß man nicht mit letzter Sicherheit davon ausgehen kann, daß die Inschriften B–K in Reihenfolge und Plazierung den originalen Zustand von um 1584 wiedergeben.

Textkritischer Apparat

  1. Acadmia] Für Academia.
  2. S(ankt) ludger(i) vor helm(stedt)] Sindervorbell Querner, S. Luder vor hel. Meier, mit Zusatz „mehrfach verschrieben“.
  3. Blanckenberg] Für Blanckenburg? Vgl. Anm. 11.

Anmerkungen

  1. Von den an den Seitenteilen der Empore befindlichen weiteren zehn – zweimal fünf – Wappen haben acht ebenfalls Beischriften. Sie sind allerdings anders als B–K nicht auf Leinwand, sondern direkt auf die hölzerne Empore gemalt. Meier hat 1896 hier nur vier Wappen gesehen. Er bemerkt ausdrücklich, daß diese Wappen ohne Namensbeischriften seien. Querner 1, Typoskript, S. 12 spricht 1851 von fünf unbeschrifteten Wappen. Die heute zu lesenden Beischriften sind also nach 1896 entstanden und gehören damit nicht in den Untersuchungszeitraum. Es handelt sich um folgende Namen mit dazugehörigen Wappen: Hans Morawitz, Wilhelm Brücke, Jacob Peters, Hermann Hemmker links, Jacob Müller, Heinrich Matthias, Paul Morawitz, Andreas Brandes rechts. Von den genannten Personen lassen sich fünf als Zeitgenossen der Emporenrenovierung von 1654/55 identifizieren, nämlich Jakob Peters (Schaper, Bürgerbuch 3, S. 857), Stadtkämmerer und Kirchenvorsteher Jakob Müller (a. a. O., S. 784), Ratsherr und Kirchenvorsteher Heinrich Matthias (a. a. O., S. 732), Zinngießermeister Paul Morawitz/Marwitz (vgl. Nr. 290) und Andreas Brandes (Schaper, Bürgerbuch 1, S. 124, Nr. 24 oder S. 125, Nr. 29). In der gleichen Fraktur wie die Wappenbeischriften ist eine weitere Inschrift unter dem Orgelrückpositiv ausgeführt: Die Kirche S. Stephani wurde im Inneren und Äußeren erneuert in den Jahren 1903–1906. Die gleiche Schriftausführung deutet darauf hin, daß um diese Zeit die Namen der Personen, die für die Emporenrenovierung von 1654/55 verantwortlich waren, neu gesetzt worden sind.
  2. Eph. 5,19.
  3. Ps. 26,8.
  4. Wappen Universität Helmstedt: Simson mit dem Löwen zwischen Sonne l. und Mond mit Stern r. Vgl. Siebmacher, Wappenbuch, Bd. 1, 8. Abt., ND Bd. 7, S. 17f.
  5. Wappen Warberg: quadriert, 1. und 4. Kreuz, 2. und 3. mit Wurzeln ausgerissener Haselwurzstamm, oben mit zwei aufgerichteten Blättern. Vgl. Siebmacher, Wappenbuch, Bd. 6, 6. Abt., ND Bd. 21, S. 178 und Meier, Kunstdenkmäler, S. 288. Das Kreuz wird von Meier als Johanniterkreuz gedeutet. Dazu kritisch Hartmann, Edelherren zu Warberg, S. 113ff.
  6. Wappen Kloster Mariental: geteilt, oben wachsender Löwe, unten gekreuzte Abtsstäbe. Vgl. Siebmacher, Wappenbuch, Bd. 1, 5. Abt., 2. Reihe, ND Bd. 8, S. 111.
  7. Wappen Jakob Passmann, Propst von St. Ludgeri: gespalten und halbgeteilt, r. gekreuzte Abtsstäbe, l. oben Stern, unten A mit am Mittelbalken angesetztem Kreuz. Vgl. Siebmacher, Wappenbuch, Bd. 1, 5. Abt., 2. Reihe, ND Bd. 8, S. 26 und Nr. 61, Anm. 13.
  8. Wappen Mynsinger von Frundeck: quergelegter Stamm, darauf zwei Falken. Vgl. Siebmacher, Wappenbuch, Bd. 6, 2. Abt., ND Bd. 23, S. 136.
  9. Wappen Bartensleben: Wolf über zwei Garben. Vgl. Siebmacher, Wappenbuch, Bd. 6, 6. Abt., ND Bd. 21, S. 9.
  10. Wappen Veltheim: quadriert, 1. und 4. breiter Balken, mit zwei Leisten belegt, 2. und 3. aufgerichteter Baumstamm, auf beiden Seiten mit einem herabhängenden Lindenblatt. Vgl. Siebmacher, Wappenbuch, Bd. 2, 2. Abt., ND Bd. 19, S. 10.
  11. Wappen Blanckenberg: Widderkopf. Helmzier: in Nest sitzender Pelikan, seine Jungen atzend. Dieses Wappen wird bei Siebmacher, Wappenbuch, Bd. 3, 1. Abt., ND Bd. 14, S. 35 und Bd. 6, 5. Abt., ND Bd. 16, S. 12 einer ursprünglich dem pommerschen Uradel angehörenden Familie Blanckenburg zugewiesen. Das gleiche Wappen in Braunschweig, vgl. DI 56 (Stadt Braunschweig II), Nr. 542 zu Blankenburg.
  12. Wappen Arnim: zwei Balken. Vgl. Siebmacher, Wappenbuch, Bd. 6, 11. Abt., ND Bd. 19, S. 4.
  13. Wappen Schungel: Baum auf Balken. Dieses Wappen auch in Kat. Ego sum, S. 272f. (mit Abb.), hier geführt von dem Bruder des Domkellerers Ernst Leopold von Schüngel, Friedrich Joseph von Bockenvörde, gen. Schüngel, Präfekt der Wachen des Kölner Kurfürsten, gestorben 1688.
  14. Zu Antonius dem Älteren und seinen engen Beziehungen zu Herzog Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel vgl. Hartmann, Edelherren zu Warberg, S. 137ff.; zu Antonius dem Jüngeren ebenda, S. 151. Zu dessen Universitätsaufenthalt vgl. Zimmermann, Album, S. 37 mit Anm.
  15. Vgl. G. Zimmermann (Hg.), Heinrich Meiboms Chronik des Klosters Marienthal, Braunschweig 1988, S. 79ff. und Römer, Mariental, S. 171f.
  16. Römer, Helmstedt, St. Ludgeri, S. 191, Kleinau, Ortsverzeichnis, S. 270f.
  17. Vgl. G. Marpachius, Epitaphia oder Grabschriften der .. Von Bartensleben .. die in der Kirchen zu Vorfeld begraben liegen, Helmstedt 1590, Nr. 8.
  18. P. Leiser, Bei dem begrebniß des .. Achatii von Veldtheim, Braunschweig o. J. (1589). Sein und seiner Frau Margarethe von Salder Epitaph in Harbke, Bördekreis, ist erhalten, vgl. Harksen, Kunstdenkmale Haldensleben, S. 371f.
  19. Zimmermann, Album, S. 37.
  20. Daten nach P. Han, Bey der Sepultur des .. Christoff von Arnims, Magdeburg 1604, S. 13f., S. 18.
  21. Zimmermann, Album, S. 36 nobilis ex ducatu Coloniensi. Vgl. auch Anm. 13.
  22. So die Vermutung von Kleinert, Stephani-Kirche, S. 30.

Nachweise

  1. Querner 1, S. 12 (B–K).
  2. Meier, Kunstdenkmäler, S. 63 (B–K).

Zitierhinweis:
DI 61, Stadt Helmstedt, Nr. 87 (Ingrid Henze), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di061g011k0008703.