Inschriftenkatalog: Stadt Helmstedt

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 61: Stadt Helmstedt (2005)

Nr. 74 Kybitzstr. 23 1576

Beschreibung

Haus Ecke Kybitzstraße/Krumme Gasse, traufenständig zur Kybitzstraße, dreigeschossig, Untergeschoß massiv, Obergeschosse vorkragendes Fachwerk, dreizehn Gefache breit zur Kybitzstraße. In den Brüstungsfeldern des ersten Obergeschosses Fächerrosetten, zweites Obergeschoß Fachwerk des 19. Jahrhunderts1). Rundbogenportal mit Sitznischen, zwischen zwei Halbsäulen. In der Bogenlaibung Akanthusblattwelle und Löwenkopf als Schlußstein. Am Fries darüber auf schmalem Feld Inschrift. Erhaben ausgehauene Buchstaben, farbig gefaßt.

Maße: Bu.: 5,5 cm.

Schriftart(en): Kapitalis.

DI 61, Nr. 23 - St. Marienberg - 1470 o. später (1501?)

 Sabine Wehking [1/3]

  1. HONORA MEDICVM PROPTER NECESSITATEMENIME VMa) CREAVIT D(OMI)N(V)S ALTISSIMVS DE TERRA CREb)2)

Übersetzung:

Ehre den Arzt. Der Not wegen nämlich schuf ihn der Herr. Der Höchste schuf aus der Erde (die Medizin).

Kommentar

Die Buchstabenhöhe ist im Vergleich zu dem auf dem Stein vorhandenen Raum unverhältnismäßig klein. Der Verzicht auf Wortzwischenräume führt zu Ligaturen von Buchstaben aus verschiedenen Wörtern.

Eigentümer des Grundstücks war von 1576 bis 1611 der erste Universitätsapotheker Ludwig Rannscher aus Wolfenbüttel3). Er hatte am 24. November 1575 Herzog Julius das Angebot gemacht, in Helmstedt auf eigene Kosten eine Universitätsapotheke einzurichten, wenn ihm das erbliche Privileg über sie zugeteilt würde4). Die Inschrift dürfte bei den daraufhin erfolgten Baumaßnahmen gesetzt worden sein. Nach dem eindeutig zu lesenden Wortbestand ist sie unvollständig. Deutlich wird aus der gedrängten Anordnung der Buchstaben und der Verwendung von ungewöhnlichen Ligaturen, daß der Steinmetz sich bemühte, Platz zu sparen. Trotzdem bricht die Inschrift am Ende des Steins mitten in einem Wort ab. Die in Anm. b vorgeschlagene Fortsetzung des zweiten Teils der Inschrift nach Sirach 38,4 orientiert sich an dem vorhandenen Satz- und Wortfragment, am Kontext der Quelle und an der Bestimmung des Hauses als Universitätsapotheke. Der so gelesene Spruch Sirach 38,4 bietet die dem Wappen der medizinischen Fakultät auf dem Fakultätssiegel beigegebene Devise, und zwar in der gleichen, vom Vulgatatext in der Wortstellung abweichenden Fassung (vgl. Anm. 2), wie das Siegel sie führt. Die Inschrift des Siegels lautet ALTISS . DE . TER . CRE . MEDIC 5). Es spricht einiges dafür, daß bei der Anordnung der Inschrift auf dem Stein ein Planungsfehler unterlaufen ist. CRE erscheint in der Inschrift in gleicher abgekürzter Form wie auf dem Siegel, für das anschließende MEDIC fehlte jedoch, da die Inschrift die ersten Wörter der Devise ausgeschrieben wiedergibt, der Platz auf dem Stein.

Textkritischer Apparat

  1. Die vorangehenden drei Wörter durch Ligaturen verbunden, die die Wortgrenze ignorieren.
  2. DE TERRA CRE] Nach Sir. 38,4, vgl. Anm. 2, wohl zu DE TERRA CREAVIT MEDICINAM zu ergänzen; terra ac re(bus?) Meier.

Anmerkungen

  1. Schulz, Architektur, S. 51.
  2. Nach Sir. 38,1 honora medicum propter necessitatem etenim illum creavit Altissimus und Sir. 38,4 Altissimus creavit de terra medicinam.
  3. Schaper, Häuserbuch 1,2, S. 142.
  4. Zimmermann, Album, S. 450.
  5. Wiedergabe der Inschrift nach Abbildung des Siegels in: Hermann Conring 1606–1681. Ein Gelehrter der Universität Helmstedt. Ausstellungskataloge der Herzog August Bibliothek Nr. 33, Wolfenbüttel 1981, S. 19. Zu dem der Universität am 11. Mai 1575 verliehenen Wappen der medizinischen Fakultät ebenda, S. 18.

Nachweise

  1. Meier, Kunstdenkmäler, S. 116.
  2. Schrader, Professorenhäuser, 8. 8. 1953.
  3. Ders., Hausinschriften 1956, Nr. 34.
  4. Schaper, Häuserbuch 1,2, S. 142.
  5. Henze, Helmstedt, S. 17.
  6. Kleinert, Stadtbild, S. 49.
  7. Hägele, Hausinschriften, Nr. 9.
  8. Moshagen, Hausinschriften, S. 17.

Zitierhinweis:
DI 61, Stadt Helmstedt, Nr. 74 (Ingrid Henze), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di061g011k0007406.