Inschriftenkatalog: Stadt Helmstedt

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 61: Stadt Helmstedt (2005)

Nr. 7 St. Marienberg 1294–1307

Beschreibung

Margaretenbehang I. Leinen- und Seidenstickerei auf Leinen1). Der Behang ist in zwei Einzelstücken (a, b) erhalten. Sie bieten jeweils in vier Registern sechs Reihen mit vierundzwanzig gleichgroßen Quadraten, die vierundzwanzig sakrale Darstellungen, nämlich dreiundzwanzig Szenen aus dem Leben der heiligen Margareta von Antiochia2) und ein Kreuzigungsbild, sowie vierundzwanzig Darstellungen von fünf verschiedenen Wappen enthalten. Sakrale Bilder und Wappen sind schachbrettartig im Wechsel angeordnet. An den Schmalseiten der beiden Einzelstücke befindet sich in a links und in b rechts ein Randstreifen mit vier Quadraten. Darauf in a im obersten Feld eine weitere Wappenwiederholung und darunter drei Quadrate mit einem Adler im Sechspaß. Die Pässe sind verbunden durch aufgesetzte Schilde mit einem sechsten Wappen. Die gleiche Dreierfolge samt dem sechsten Wappen auch in b, hier unter einem unvollendeten Quadrat mit versetzten geometrischen Ornamenten. Die Reihenfolge der Bilder in der Margaretendarstellung entspricht nicht der Chronologie der Erzählung. Ebensowenig läßt sich ein Prinzip erkennen, nach dem die fünf Wappen wiederholt werden. Von Um- und Einarbeitungen bereits im Mittelalter wird ausgegangen3). Die heutige Anordnung der Bilder zur Margaretenlegende4): Teil a, 1. Reihe: 1. Margareta liegend, vor Henker mit Schwert; 2. Margaretas Seele wird von zwei Engeln erhoben; 3. Gebet vor der Hinrichtung. 2. Reihe: 1. Margareta mit Schwert über Teufel in Drachengestalt; 2. Taufe der Margareta: Margareta in Gestalt eines Lammes wird von Priester über kelchförmige Taufe gehalten, rechts Amme und weitere weibliche Figur, darüber Inschrift; 3. Amme mit Kind vor den königlichen Eltern. 3. Reihe: 1. Margareta beschwört den Drachen; 2. Margareta wird in den Kerkerturm geführt; 3. gekreuzigte Margareta wird mit Haken zerfleischt. 4. Reihe: 1. zwei Beter vor ihrem Sarg; 2. Marterung im Wasserkessel; 3. Geißelung. Teil b, 1. Reihe: 1. Margareta vor Olibrius; 2. Margareta kniet vor zwei männlichen Figuren; 3. Margareta entsteigt dem zerberstenden Drachen. 2. Reihe: 1. Olibrius und Margareta; 2. Margareta wird in den Kerkerturm geführt; 3. Olibrius und Margareta, dazwischen Götzenbild. 3. Reihe: 1. Verhör vor Olibrius; 2. ähnliche Szene; 3. Olibrius opfert zwei Götzen. 4. Reihe: 1. Margareta im Turm, davor Amme und Theotimus; 2. Marterung der gekreuzigten Margareta; 3. der gekreuzigte Christus. – Substanzverluste vor allem am unteren Längsrand von a. Inschrift gestickt, Buchstaben abwechselnd goldgelb und grün auf naturfarben bräunlichem Grund, obere Reihe beginnend mit gelb, untere mit grün, alle braun konturiert.

Maße: H.: 99 cm (a), 100 cm (b); B.: 176 cm (a), 178 cm (b); Bu.: ca. 1,5 cm.

Schriftart(en): Gotische Majuskel.

DI 61, Nr. 7 - St. Marienberg - 1294–1307

 Jutta Brüdern, Braunschweig [1/1]

  1. S(ANCTA) · MARGA/RETA

Wappen:
Warberg5), Wernigerode6), Regenstein7), Blankenburg8), Everstein9), Wanzleben10)

Kommentar

A erscheint trapezförmig mit gebrochenem Mittelbalken, E ist unzial und durch einen oben und unten deutlich überstehenden Abschlußstrich geschlossen, trägt also Merkmale einer bereits voll entwickelten gotischen Majuskel.

Nach den im Hauptteil des Teppichs eingearbeiteten fünf Wappen der Stifter ist der Margaretenbehang in der Amtszeit der Priorin Mechthild von Warberg (1294–1307) angefertigt worden, denn die Führer der Wappen gehören zu ihrer nächsten Verwandtschaft11). – Der hl. Margareta war ein Altar in der Kirche geweiht, bekannt aus einer 1501 ausgestellten Ablaßurkunde12). Auf eine besondere Verehrung der Heiligen weisen auch der zweite erhaltene Margaretenbehang Nr. 9 aus der Mitte des 14. Jahrhunderts hin und eine mit dem älteren Behang etwa gleichzeitige Urkunde, ausgestellt 1292. Darin ist die Rede von der Stiftung einer candela beate Margarete, also einer Kerzenstiftung mit dem Ziel, „daß der Festtag dieser Märtyrerin von den Damen um so frommer begangen werden könne“13).

Die Inschrift befindet sich jetzt im Zentrum des Teils a. Geht man von einer ursprünglich chronologischen Abfolge der Bildquadrate aus, wäre die Taufe das erste zu erzählende Ereignis. Die Namenbeischrift hätte dann sinnvoll im ersten Bildquadrat gestanden. Daß der Name der Margareta bereits hier, bei der Taufe, mit dem Heiligenattribut S(ANCTA) versehen ist, findet seine Entsprechung in der übrigen Ausgestaltung der Taufszene. Auch den Kopf der Figur über dem Taufbecken umgibt ein Heiligenschein. Dargestellt ist in dieser Figur zudem nicht das kleine Kind Margareta, sondern das Lamm Gottes, mit dem Margareta hier schon wie später in der zweimaligen Kreuzigungsdarstellung in eins gesetzt wird, eine die Heilige erhöhende Bezugnahme auf die Passion Christi.

Anmerkungen

  1. So der Restaurierungsbericht von 1991, Exemplar im Kloster, und Kroos, Bildstickereien, S. 132. Ihnen folgt Römer, Paramente, S. 18. Meier, Kunstdenkmäler, S. 45 bezeichnet den Untergrund als Nessel, ebenso M. Schuette/S. Müller-Christensen, Das Stickereiwerk, Tübingen 1963, S. 36 und Kat. Jahrtausend, S. 406. Ausführliche Beschreibung bei Kroos, Bildstickereien, S. 132 und S. 51ff. sowie bei Römer, Paramente, S. 18ff.
  2. Zur Legende vgl. Römer, Paramente, S. 18f. Dieser und der zweite im Helmstedter Kloster erhaltene Margaretenbehang Nr. 9 verarbeiten die Margaretenlegende aus der zwischen 1263 und 1273 entstandenen, außerordentlich verbreiteten „Legenda aurea“ des Jacobus de Voragine sowie weitere Details, die aus mittel- und niederdeutschen Fassungen einer lateinischen Prosalegende der Margareta stammen, vgl. Kroos, Bildstickereien, S. 53, so z. B. Besuch und Speisung der Margareta im Gefängnis durch den Legendenschreiber Theotimus und die Amme.
  3. Kroos, Bildstickereien, S. 53, S. 132f.
  4. Auf die genaue Wiedergabe der Wappenreihenfolge kann hier verzichtet werden. Sie ist ablesbar aus den Abbildungen bei Römer, Paramente, S. 20f.
  5. Wappen Warberg: mit Wurzeln ausgerissener Haselwurzstamm, oben mit zwei aufgerichteten Blättern. Vgl. Siebmacher, Wappenbuch, Bd. 6, 6. Abt., ND Bd. 21, S. 178.
  6. Wappen Wernigerode: zwei auswärts gekrümmte Forellen. Vgl. Siebmacher, Wappenbuch, Bd. 6, 6. Abt., ND Bd. 21, S. 184.
  7. Wappen Regenstein: rote Hirschstange. Vgl. Siebmacher, Wappenbuch, Bd. 1, 1. Abt., ND Bd. 1, S. 28.
  8. Wappen Blankenburg: schwarze Hirschstange. Vgl. Siebmacher, wie Anm. 7.
  9. Wappen Everstein: Löwe. Vgl. Siebmacher, Wappenbuch, Bd. A, ND Bd. A, S. 281.
  10. Wappen Wanzleben: drei Rauten. Vgl. Siebmacher, Wappenbuch, Bd. 6, 11. Abt., ND Bd. 19, S. 63.
  11. Ausführlich dazu Kroos, Bildstickereien, S. 51f. Die Borte mit der nicht in diesem Kreis unterzubringenden Familie von Wanzleben datiert Kroos auf „nicht viel später“, die beiden Quadrate mit Kreuzigung und geometrischem Ornament auf „kaum vor Mitte des 14. Jahrhunderts“.
  12. UB Marienberg, Nr. 495.
  13. UB Marienberg, Nr. 150 ut festum ipsius (sc. martiris memorate) a dominabus eo devotius peragatur. Hinweis darauf schon bei Meier, Kunstdenkmäler, S. 42; von Kroos, Bildstickereien, S. 52 in Beziehung zum Behang gesetzt.

Nachweise

  1. A. F. von Münchhausen, Teppiche des Jungfrauenstifts Marienberg bei Helmstedt. Beigabe zum 7. Jahrgang der Zs. des Harzvereins für Geschichte und Altertumskunde, Wernigerode 1874, S. 14.
  2. Kroos, Bildstickereien, S. 132 (Abb.).
  3. Römer, Paramente, S. 18 (Abb.).
  4. Kat. Jahrtausend, S. 407 (Abb.).

Zitierhinweis:
DI 61, Stadt Helmstedt, Nr. 7 (Ingrid Henze), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di061g011k0000705.