Inschriftenkatalog: Stadt Helmstedt

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 61: Stadt Helmstedt (2005)

Nr. 4 St. Marienberg 1266 o. früher

Beschreibung

Wandmalerei. Inschriften auf Spruchbändern über dem Altar an der Ostwand der nördlichen Turmkapelle. Der Altar war dem hl. Kreuz, dem hl. Augustinus und der hl. Katharina geweiht1). Die Malereien wurden bei der 1862 einsetzenden Renovierung der Kirche freigelegt2) und als Originale respektiert, d. h. keiner übermalenden Restaurierung unterzogen. 1977 fand eine Konservierung statt3). Von den drei übereinander angeordneten Bildzonen bietet die untere keine erkennbaren Darstellungen mehr, die obere ist in ihrer oberen Hälfte einer Baumaßnahme des 18. Jahrhunderts zum Opfer gefallen4). Im Zentrum des mittleren Bildstreifens der Gekreuzigte zwischen Maria und Johannes. Neben Maria nimbierter Bischof, als Augustinus gedeutet5). Links neben ihm mehrere weibliche Figuren, wohl Chorfrauen, von denen die drei Augustinus am nächsten stehenden durch eine Kopfbedeckung – braune Kappe und weißes Tuch – herausgehoben sind. Augustinus hält in der Linken ein Spruchband mit Inschrift A, mit der Rechten faßt er die vorderste Chorfrau an ihrer linken Hand. Diese trägt in ihrer Rechten ebenfalls ein Spruchband, darauf Inschrift B. Beide Spruchbänder kreuzen sich. Rechts von der Kreuzigung neben Johannes die hl. Katharina mit Krone und Palmzweig, neben ihr drei weitere stark verblaßte, nimbierte Figuren. Zwei davon, darunter ein bärtiger Heiliger, tragen heute leere Spruchbänder, auf dem des bärtigen Heiligen früher Inschrift C, auf dem anderen Inschrift D. Auf dem oberen, nur im unteren Bereich erhaltenen Bildstreifen Mandorla, in den Zwickeln unten begleitet von zwei kleinen Engeln, die Spruchbänder mit unkenntlichen Buchstaben tragen. Rechts und links davon Unterteile mehrerer langgewandeter Gestalten. In der Mandorla im Innenkranz bekleidete Figur, sitzend auf gemauertem Thron. Das Ganze gedeutet als Majestas Domini. Inschriften gemalt.

Ergänzungen und Inschriften C und D nach Meier.

Maße: Bu.: 3 cm.

Schriftart(en): Romanische Majuskel.

DI 61, Nr. 4 - St. Marienberg - 1266 o. früher

 Sabine Wehking [1/2]

  1. A

    [VENI]TEa) [FILIE A]VDITE

  2. B

    [ET] NV(N)C [ – – – ]

  3. C †

    FRAT[.]b) S[..]Db) VIDEO

  4. D †

    ET ECCE L[...]b) DEO

Übersetzung:

Kommt, Töchter, hört! (A)

Und nun [...]. (B)

[...] sehe ich. (C)

Und siehe [...] für Gott! (D)

Kommentar

Der Schaft des gut erhaltenen runden N in Inschrift B beginnt oben mit einem auffallenden Punkt und endet unten in einem dreieckigen Sporn. Der unten nach rechts umgebogene Bogen reicht unter die Grundlinie und ist in der Bogenwölbung mit zwei Zierstrichen versehen. E erscheint, soweit erkennbar, nur in unzialer Form. Das geringe epigraphische Material erlaubt keine Aussage zur Datierung. Die hier vorgenommene zeitliche Einordnung folgt dem Vorschlag von Lutz, der die Fertigstellung der Malerei mit der Weihe der Kapelle in Zusammenhang bringt. Diese erfolgte am 1. September 1266 durch Bischof Volrad von Halberstadt, der die Kapelle gleichzeitig mit einem Ablaß begabte6).

Eine Darstellung des Augustinus läßt sich in St. Marienberg aus den örtlichen Gegebenheiten erklären: Der Chorfrauenkonvent lebte nach der Augustinerregel. Auf dem sog. Heininger Antependium, einem etwa gleichzeitig im Augustinerchorfrauenstift Heiningen, Landkreis Wolfenbüttel, entstandenen Parament7), ist Augustinus ebenfalls dargestellt, hier mit Namenbeischrift und eingefügt in eine Reihe von mehreren für das Kloster wichtigen Patronen und Heiligen. Anders der Augustinus der Helmstedter Szene. Er befindet sich, deutet man Inschrift A richtig, in einem adhortativen Dialog mit der Chorfrauengemeinschaft. In der verstümmelten Inschrift B dürften die Frauen geantwortet und sich in einer Weise erklärt haben, in die sich die späteren Betrachterinnen mit einbeziehen konnten. Neben den verlorenen Bildern zur Gründungslegende des Helmstedter Klosters (vgl. Nr. 40) ist die Augustinusszene die einzige bekannte Malerei mit einem Bezug zum Kloster. Ihre Lage im Eingangsbereich der Kirche – die Turmkapelle war in dieser frühen Zeit zum Mittelgang hin offen8) – verstärkte die religiös-programmatische Wirkung.

Textkritischer Apparat

  1. [VENI]TE] [V]ENITE Meier. Dem folgt die Übersetzung.
  2. Zahl der ausgefallenen Buchstaben nach Meier.

Anmerkungen

  1. Meier, Kunstdenkmäler, S. 42 mit S. 40.
  2. Wandersleb, Luthertum, S. 117.
  3. Vgl. Bericht des Restaurators M. Lausmann vom 22. 3. 1990 zur Restaurierung von 1977, Exemplar der Oberen Denkmalschutzbehörde bei der Bezirksregierung Braunschweig.
  4. Meier, Kunstdenkmäler, S. 41.
  5. Meier, wie Anm. 4. Ihm folgt die gesamte neuere Literatur.
  6. Lutz, Marienberg, S. 26, Meier, Kunstdenkmäler, S. 40.
  7. Dazu vgl. Eisermann, Inschriften Heiningen, Nr. 1. Das Parament gelangte zu einem unbekannten Zeitpunkt in das Kloster St. Marienberg, das mit Heiningen eine Gebetsverbrüderung hatte. Die Figur des Augustinus ist auf dem Behang nur fragmentarisch erhalten.
  8. Meier, Kunstdenkmäler, S. 37, Lutz, Marienberg, S. 15.

Nachweise

  1. Meier, Kunstdenkmäler, S. 41.
  2. M. Asche, Die Wandmalereien in den Turmkapellen der Helmstedter Kirche St. Marienberg. In: Braunschweigisches Jb. 51, 1970, S. 12ff. (A, B nach Meier.).
  3. Lutz, Marienberg, S. 26 (A, nach Meier).

Zitierhinweis:
DI 61, Stadt Helmstedt, Nr. 4 (Ingrid Henze), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di061g011k0000404.