Inschriftenkatalog: Stadt Helmstedt

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 61: Stadt Helmstedt (2005)

Nr. 3 St. Marienberg M. 13. Jh.

Beschreibung

Zwei Fragmente einer Stola. Gold- und Seidenstickerei auf Leinen. Die beiden Teile seit ihrer Restaurierung 1982/83 getrennt1). Im größeren Fragment a in vier unterschiedlich farbigen Feldern übereinander dreimal ein Apostel, stehend, darunter auf Thron sitzend Christus mit segnender Rechten und Buch in der Linken. Alle Figuren jeweils unter halbkreisförmigem Bogen. Unter dem Thron verkleinerte, nach der schleierartigen Kopfbedeckung wohl weibliche Stifterfigur, im Gebetsgestus mit zu Christus erhobenem Haupt kniend, neben einem Altar. Auf dem kleineren Fragment b stehend ein weiterer Apostel, nach dem Attribut Schlüssel wohl Petrus, in gleicher Größe und Einfassung wie die Figuren auf Fragment a. Auf den angesetzten seitlichen Randstreifen Inschriften A1 und A2 auf dem größeren, B1 und B2 auf dem kleineren Fragment, jeweils von innen zu lesen. Inschrift A3 auf Fragment a im Bildfeld selbst, links neben der Stifterfigur. Inschriften gewebt (A1, A2, B1, B2), silbern, ursprünglich vergoldet, jetzt oxydiert, bzw. gestickt (A3), hellgrün, auf goldgelbem Grund.

Maße: L.: 69,5 cm (Fragment a), 16,5 cm (Fragment b); B.: 7,8–9,2 cm (Fragment a), 8,3 cm (Fragment b); Bu.: 0,5–0,7 cm (A1, A2, B1, B2), 1,7 cm (A3).

Schriftart(en): Romanische Majuskel.

DI 61, Nr. 3 - St. Marienberg - M. 13. Jh.

 Jutta Brüdern, Braunschweig [1/1]

  1. A1

    [P]VRIFICA · MENTES · BONE · PRESUL · PRESBITERORVMa) · [Q]UI · DEL[ – – – ]

  2. A2

    [ – – – ]M · ECCLESIE · UOTUM · FUNDVNT · REGIb) · [..]c) · PEDVM · TANGENS · SUd)[ – – – ]

  3. A3

    F

  4. B1

    [ – – – ] MANVALEM · SIGNe)[ – – – ]

  5. B2

    [ – – – ] CVRUEMVRf) · EIg) · LAUS · [ – – – ]

Übersetzung:

Reinige die Herzen, guter Fürst der Priester, der du(?) [...]. (A1)

Sie breiten das Gebet der Kirche (vor) dem König aus. – [...] den Hirtenstab berührend [...]. (A2)

[...] den Diener(?) [...]. (B1)

[...] wir wollen uns demütig beugen. Ihm Lob [...]. (B2)

Versmaß: Hexameter (A1) bzw. Teile von Hexametern.

Kommentar

Die romanische Majuskel der Inschriften bietet überwiegend kapitale Formen. Als Doppelformen treten auf: A sowohl trapezförmig wie unzial, im zweiten Fall mit senkrechtem rechten Schaft und ohne Mittelbalken, V im Wechsel mit U, unziales neben kapitalem E, ebenso rundes N und symmetrisches unziales M neben den entsprechenden kapitalen Formen. Als Schriftcharakteristika sind weiterhin festzuhalten: die eckige Ausführung der Bögen von D (PEDVM) und G (TANGENS) im Unterschied zu den runden Bögen des B (BONE, PRESBITERORVM) sowie auffallend breite rechtwinklige Sporen an den oberen und unteren Enden der senkrechten Schäfte. Unter der Voraussetzung, daß kapitale und eckige Formen sticktechnisch leichter auszuführen sind als Rundungen, ist der eher konservative Schriftbefund mit der von Kroos vorgeschlagenen Datierung „gegen Mitte des 13. Jahrhunderts“2) vereinbar.

Die Inschrift scheint nach den wenigen greifbaren Begriffen – PRESUL, PRESBITER, ECCLESIA – thematisch durch das Amt bestimmt zu sein, für dessen Ornat sie entworfen war. In Gebetsform wendet sich der Priester an den obersten Hirten und König Christus. Die Deutung der zu Christi Füßen knienden Figur als weiblich verbietet es, in dieser Figur auch den die Stola tragenden Priester zu sehen. Inschrift und Bild lassen sich also nicht in der Art verbinden, daß die Worte der Inschrift als Vollzug des dargestellten Anbetungsaktes gedeutet werden können. Hinter der Initiale der Inschrift A3 dürfte sich der abgekürzte und nicht bekannte Name der Stifterin verbergen3).

Kroos hält die Helmstedter Fragmente „nach Maßen und Form“ und im Vergleich mit einer Stola aus Halberstadt, Domschatz Inv.-Nr. 147, für den Rest einer Stola4). Beginn der Inschrift und gleichzeitig hierarchisch wichtigstes Bild der Helmstedter Folge ist zweifellos der thronende Christus. Nach den Maßen der Halberstädter Stola (278 cm lang) bekäme dieses Feld der Helmstedter Fragmente in einer Stola einen Platz im unteren Beinbereich. Dagegen befindet sich Christus auf der genannten Halberstädter Stola im obersten und achten Feld, also in Blickhöhe, über sieben Apostelfeldern. Korrespondierend zu Christus erscheint auf der anderen Seite Maria, unter der sieben weibliche Heilige angeordnet sind. Der Vergleich mit der Halberstädter Stola zeigt, daß im Blick liegende Plätze des Ornats durchaus als vornehmere empfunden und entsprechend vergeben wurden. Dem würden die Helmstedter Fragmente, deutet man sie als Stola, nicht folgen. An die Kunsthistoriker stellt sich die Frage, ob es sich bei diesen Stücken nicht auch um Teile von Kaselstäben handeln könnte.

Textkritischer Apparat

  1. PRESBITERORVM] PRESBITERI AUMENTI Kroos, Römer ohne Erklärungsversuch. PRESBITERORUM bereits Vorschlag des von Römer konsultierten Professors Dr. F. Brunhölzl, München, vgl. Römer, Paramente, S. 12, Anm. 2.
  2. UOTVM · FUNDVNT · REGI] donum fundunt rogo Kroos, Römer.
  3. Hier Naht. Das hier ursprünglich vorhandene Wort nicht zu erkennen. Das nach unten folgende Stück der Schriftleiste ist breiter, hat höhere Buchstaben und ist wesentlich besser erhalten. Die darauf befindlichen Worte lassen sich grammatisch und inhaltlich nicht mit dem vorangehenden Text verbinden und enden am Stolaende, das durch [P]VRIFICA auf der anderen Seite festliegt, mitten im Wort. Hier ist möglicherweise eine spätere unsachgemäße Anstückelung eines Stückes Borte aus den heute nicht mehr erhaltenen Teilen der Stola vorgenommen worden. Die beigegebene Übersetzung geht davon aus.
  4. SU] sc Kroos, Römer.
  5. SIGN] sic Kroos, Römer.
  6. CVRUEMVR] cruemur Kroos, Römer.
  7. EI] Lesung unsicher.

Anmerkungen

  1. Römer, Paramente, S. 10. Ebenda auch eine ausführliche Beschreibung. Zu Materialverteilung, Farben und Stickereitechnik vgl. Kroos, Bildstickereien, S. 131.
  2. Kroos, Bildstickereien, S. 35.
  3. So Kroos, wie Anm. 2, mit leicht bedauerndem Zusatz, die Figur nicht auf den zwischen 1222 und 1242 nachweisbaren Marienberger Propst Friedrich beziehen zu dürfen. Zu ihm: UB Marienberg, Nr. 15, Nr. 21, Nr. 22, Nr. 24, Nr. 27. Über Stifterinschriften auf liturgischer Gewandung ist bisher wenig bekannt. Ein einigermaßen gesichertes Beispiel, zwei ausgeschriebene Namen auf einem Kaselkreuz wohl aus der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts, in DI 26 (Stadt Osnabrück), Nr. 74.
  4. Kroos, Bildstickereien, S. 131. Die Halberstädter Stola ebenda, S. 39 und 122 vorgestellt.

Nachweise

  1. Kroos, Bildstickereien, S. 131.
  2. Römer, Paramente, S. 10f. (Abb.).

Zitierhinweis:
DI 61, Stadt Helmstedt, Nr. 3 (Ingrid Henze), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di061g011k0000307.