Inschriftenkatalog: Stadt Hannover

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 36: Stadt Hannover (1993)

Nr. 272(†) Burgstr. 23 † / Historisches Museum / Helmstedter Str. 15 vor 1620, 1620

Beschreibung

Hausinschriften. Traufenständiges Haus, die unteren zwei Geschosse massiv, darüber ein Fachwerkgeschoß. Das Haus wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Teile der Brüstungsplatten und Friese sind erhalten und befinden sich heute im Lapidarium des Historischen Museums. Der steinerne Torbogen ist im Historischen Museum wieder aufgebaut worden. 1620 wurde dem Haus eine zweigeschossige Auslucht vorgebaut, die in vier Feldern der Brüstung im Obergeschoß Inschriften (A–D) trug. Die eine – aus zwei Feldern bestehende – Tafel (A, B) befindet sich im Innenhof der Dietrich-Bonhoeffer-Schule an der Helmstedter Straße, die andere (C, D) steht heute vor dem Historischen Museum an der Burgstraße. Auf dem Fries oberhalb der Fenster verlief die Inschrift E. Darunter auf dem Fries oberhalb der Fenster des Erdgeschosses die Inschrift F (Lapidarium Nr. 54 u. 55). Die die Auslucht bekrönende Figur der Fortuna war namentlich bezeichnet (G). Auf dem Schwellbalken des 2. Obergeschosses verlief über die ganze Hausbreite die Inschrift H, die durch die Auslucht zur Hälfte verdeckt wurde. Die Brüstungsplatten des 2. Obergeschosses trugen reiche Verzierungen. Über der rundbogigen Durchfahrt eine – heute in zwei Teile gebrochene – Wappentafel (Lapidarium Nr. 140 u. 141), die zwei von zwei Nixen und einer Engelsfigur gehaltene Wappenschilde trägt. Unter den Wappen die Namen der Bauherren (I). Auf dem erhaltenen Rundbogen der Einfahrt, der im Bogen durch Zahnschnittleisten verziert ist, die Jahreszahl des Umbaues (K). Nach Angaben von Reiche/Heiliger befand sich „oben“ am Haus eine weitere Inschrift (L), vielleicht unter der Traufe und daher auf den Abbildungen nicht zu erkennen. Mithoff gibt eine weitere, offenbar in gotischer Minuskel ausgeführte Inschrift (M) wieder, die sich möglicherweise auf der Rückseite des Hauses befand, da sie vom Schrifttyp her nicht zu den repräsentativen Kapitalisinschriften der Vorderseite paßt.

Inschrift E und M nach Mithoff, G nach Leonhardt, H und L nach Reiche/Heiliger.

Maße: H.: 61 cm B.: 187 cm; Bu.: 6–6,5 cm (A–D). H.: 25 cm; B.: 337 cm; Bu.: 5,5–6 cm (F). H.: 37 cm; B.: 93 cm; Bu.: 2,5 cm (I).

Schriftart(en): Kapitalis (A–I).

DI 36, Nr. 272 - Hannover, Burgstr.23 / Historisches Museum / Helmstedter Str.15 - vor 1620 / 1620

 Sabine Wehking [1/4]

  1. A

    PROVERB · CAP · 25 · HVNGERT / DEIN FEI/NDT SO SPEISE IHN / MIT BRODT DVRST/ET IHN SO TRENKE / IHN MIT WASSER

  2. B

    DEN DV WIRST / KOHLEN AVF SEIN / HAVPT HEVFEN VND / DER HER WIRT DIRS / VORGELTEN1)

  3. C

    PSALM · 75 · / GOT IST RICHTER / DER DIESEN NIDRI/GET VND IENEN / ERHOET2)

  4. D

    WER GOT · VORTRA/WET ·HAT · WOL GE/BAWET ·IM HIM(M)EL / VND · AVF · ERDEN3)

  5. E

    [PROVERB · CAP · 15 · EHE MAN ZV EHREN KOMPT MVES MAN ZVVOR LEIDEN]4)

  6. F

    SIRACH CAP · 12 · ES KOMPT ALLES VON GOT GELVCK VND VNGELVCK LEBEN VND TOD ARMVT VND [RICHTVM]a)5)

  7. G

    [FORTVNA]

  8. H

    [... HENDEN GEMACHET WIE DIS IRDISCHE DARVM O HERE LEHRE VNS BEDENKEN ...]

  9. I

    IOACHIM SCHVL[TZEN] [MARG]ARETA SCH[...]b)

  10. K

    1620

  11. L

    [Ich wil lieber mit einer friedsamen unterm Tach wohnen als mit einer hassigen im großen Pallast. Anno Domini 1620.]

  12. M

    [Rede nicht hinder rvkkedas sei sere bose tvkkesondern das beste zv den sachendas wirt dir ...]

Wappen:
Schultze (auf einem Kreuz sitzender Vogel zwischen zwei Sternen)
Margaretha Sch(...) (ineinandergeschlungene Initialen)

Kommentar

Den Anbau der Auslucht veranlaßte Joachim Schultze, Amtmann von Marienwerder, 1620 bei seinem Einzug in das Haus, das auf dem Gelände des Marienwerderschen Hofes stand.6)

Textkritischer Apparat

  1. Ergänzung nach Mithoff.
  2. Ergänzungen nach Nöldeke. SCH[...]] Nach Leonhardt und Nöldeke hieß die Ehefrau des Johann Schultze Margaretha Schuts, nach Reiche/Heiliger Margaretha Schups. Dies läßt sich jedoch weder mit den Buchstabenresten in Einklang bringen, die eher auf SCHEIB[...] hindeuten, noch anhand der Kirchenbücher nachweisen, die keine entsprechende Trauung enthalten. Eventuell bezieht sich die Angabe Leonhardts auf die 1672 vorgenommene Trauung eines Joachim Schultze mit einer Dorothea Barbara Schüttze (KBA, Kirchenbuch Ägidienkirche, Trauungen November 1672).

Anmerkungen

  1. Spr. 25, 21–22.
  2. Ps. 75, 8.
  3. Wander, Bd. 2, Sp. 90, Nr. 2200, vgl. Nr. 312.
  4. Spr. 15, 33.
  5. Sir. 11, 14. Die Angabe der Bibelstelle in der Inschrift ist nicht korrekt.
  6. Leonhardt, Straßen und Häuser 1924, S. 75.

Nachweise

  1. Reiche/Heiliger, fol. 27r (A–L).
  2. Mithoff, Kunstdenkmale, S. 94.
  3. Nöldeke, Kunstdenkmäler I, S. 480 (I, K), Abb. 315, S. 479.
  4. Leonhardt, Straßen und Häuser 1924, S. 75 (G).

Zitierhinweis:
DI 36, Stadt Hannover, Nr. 272(†) (Sabine Wehking), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di036g006k0027206.