Inschriftenkatalog: Stadt Hannover

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 36: Stadt Hannover (1993)

Nr. 248 Nikolaikapelle 1609

Beschreibung

Epitaph der Familie Meier. Sandstein. Das Epitaph, das sich noch an seinem ursprünglichen Platz an der Nordseite der Nikolaikapelle befindet, hat im Zweiten Weltkrieg Beschädigungen erlitten, die jedoch nur das seitlich angebrachte Rollwerk und den Giebel betreffen. Es zeigt im quadratischen Mittelfeld im Flachrelief die Familie dicht gedrängt unter dem Kreuz kniend, links der Mann mit sieben Söhnen, rechts die Frau mit sechs Töchtern, in der Mitte ein Wickelkind. Der Hintergrund ist durch ein Tuch verhängt. Das Kreuz trägt den Titulus A. Der Bildteil wird seitlich von kannelierten Pfeilern begrenzt, das außen angebrachte Rollwerk fehlt heute auf der rechten Seite. Die Pfeiler tragen einen breiten Fries mit der Inschrift B. Dem weit vorspringenden Gesims war ein von Rollwerk und Obelisken umgebener Dreiecksgiebel aufgesetzt, in dem Gottvater mit der Weltkugel dargestellt war. Unterhalb des Bildteils eine seitlich vorspringende Sockelzone, auf deren flachem Mittelteil eine Kartusche mit der Inschrift C angebracht ist. Darunter eine querrechteckige Tafel mit der Inschrift D, auf den Vorsprüngen links und rechts davon je ein Wappenschild, auf dem rechten eine Hausmarke (H18). Den unteren Abschluß bildet eine von Rollwerk, Masken- und Löwenköpfen umgebene Kartusche mit der vertieft eingehauenen Inschrift E; die – bislang nicht aufzulösenden – Initialen des Bildhauers (F) sind hinter die zweitletzte Zeile gesetzt.

Maße: H.: 255 cm (ursprünglich 285 cm); B.: 148 cm (175 cm); Bu.: 2 cm (A, D), 4 cm (B), 1,7 cm (C, E).

Schriftart(en): Kapitalis (A); Kapitalis mit Versalien (B, C); Kapitalis und Minuskeln mit Versalien (D, E).

DI 36, Nr. 248 - Hannover, Nikolaikapelle - 1609

 Sabine Wehking [1/3]

  1. A

    ·I·N·R·I·

  2. B

    HANS MEIER CA[SPARI]S FILIUS NATUS / ANNO 1593 DIE 24 MARTY DENATUS / ANNO 16〈..〉AETATIS 〈..〉

  3. C

    EPITAPHIVM / D(OMI)N(I) CASPARIS MEIERI REI PVB(LICAE) HANNO[V(ERANAE)] / SENATORIS ANNO 98 DIE 29 IVLY HORA 4 / MATVTINA EX HAC VITA DECEDENTISa)

  4. D

    CASPAR honorato jacet hoc MEIERUS jn antro /Nobile virtutum justitiaeque Decus /Osor et hic pravi constans et amator honesti,/Acer et aethereib) cultor honoris erat /Prae quo temsitc) opes mortales temsitc) honores /Quicquid et in precio splendidus orbis habet /Et regere imperio cives adiuvit et urbis /Extitit egregium, praecipuumque bonum /Hunc igitur merito Respublica lumine cassumd) /Lugeate) hunc lacrumisf) defleatg) usque suish) /

  5. E

    Condita composito cubati) hoc CATHARINA sepulchro /MEIERI COnSORS CASPARIS unA torik),/Cui Genus A GERDEN deductum stirpe vetustA,/Cura fuit propriis amplificare bonis /Seu pudibunda fuit virGo, seu, prole, marita /Facta parensl), viduo secubuitve toro /VirGinis inteGrae specimen, sociaeq(ue) cubilis /Fidae erat, et viduis Gloria prima piis,/VirGo, marita, viro viduata, seqvaris ademptaem) /Vitam sic homini Grata eris atq(ue)n) DEO /OBYT ·II· SEPT(EMBRIS) HORA 6 MATUTINA A(NN)O 1609

  6. F

    MHF

Übersetzung:

Hans Meier, Sohn des Caspar, geboren im Jahr 1593 am 24. März, gestorben im Jahr 16〈..〉im Alter von〈..〉(B)

Epitaph des Herrn Caspar Meier, Ratsherrn der Stadt Hannover, der im Jahr 98 am 29. Juli in der vierten Morgenstunde aus diesem Leben schied. (C)

Caspar Meier liegt in diesem ehrenvollen Grab, edle Zierde der Tugenden und der Gerechtigkeit, dieser war ein standhafter Verächter des Schlechten und ein Freund des Guten und ein eifriger Verehrer der Herrlichkeit des Himmels. Demgegenüber verachtete er die vergänglichen Güter und Ehren und alles, was die glänzende Welt für wertvoll erachtet. Er half, die Bürger zu regieren, und wurde zu einem außerordentlichen und besonderen Segen der Stadt. Um diesen, seines Lebenslichts Beraubten, soll die Stadt also zu Recht trauern und um ihn immerfort ihre Tränen vergießen. (D)

In diesem wohlgebauten Grab beigesetzt ruht Katharina, die einzige eheliche Gefährtin des Caspar Meier. Ihre Sorge war es, das Geschlecht von Gehrden, das sich aus einer alten Wurzel herleitet, durch ihre eigenen Güter zu erhöhen: Sowohl als keusche Jungfrau, wie auch als durch Nachkommenschaft Mutter gewordene Ehefrau, wie auch als sie allein im verwitweten Ehebett lag, war sie das Muster einer unberührten Jungfrau und einer treuen Ehegefährtin und den frommen Witwen der höchste Ruhm. Als Jungfrau, als Gattin, als Witwe strebe dem Leben der Verstorbenen nach, so wirst du dem Menschen und Gott willkommen sein. Sie starb am 2. September in der 6. Morgenstunde im Jahr 1609. (E)

Versmaß: Elegische Distichen (D, E).

Wappen:
Meier (Baum mit hochgestellter Sense)

Kommentar

Die Inschriften D und E zeichnen sich durch die eigenwillige Ausführung der Buchstaben – vor allem durch die unregelmäßige Verwendung von Majuskelbuchstaben – aus. Während die Inschrift D erhaben ist, wurde die Inschrift E eingehauen. Beiden Inschriften gemeinsam sind die P, die nur in wenigen Fällen unter die Zeile reichen und dadurch als Majuskelbuchstaben erscheinen. Diese Ausformung entspringt dem Bemühen, Buchstaben mit Unter- oder Oberlängen – vor allem auch d – in ein Zwei-Linien-Schema zu pressen, wodurch ein unruhiger Schriftcharakter entsteht. In E wird durchgehend ein Majuskel-G anstelle der Minuskel verwendet, an einigen Stellen auch ein Majuskel-A. Insgesamt kann die Schrift weder der Fraktur noch der humanistischen Minuskel zugewiesen werden, da sie Merkmale beider Schriften aufweist und Buchstabenformen beider Schriftarten nebeneinander stellt. Schuchhardt geht davon aus, daß das Epitaph im Todesjahr des Caspar Meier 1598 angefertigt und die Inschrift für die Ehefrau 1609 nachgetragen worden sei.1) Die Ähnlichkeit der Buchstaben beider Inschriften spricht aber dafür, daß das Epitaph erst nach dem Tod der Katharina von Gehrden 1609 – vermutlich von dem in der Inschrift B genannten Sohn Hans Meier – in Auftrag gegeben wurde.

Caspar Meier war von 1590 bis 1598 Ratsmitglied. Er starb an der 1598 grassierenden Pest.2) Sein Sohn, Hans Meier, der nach der Hannoverschen Chronik den Beruf eines Weißgerbers ausübte und Mitglied des Krameramts war, gehörte dem Rat in den Jahren 1599 bis zu seinem Tod am 28. März 1612 an.3) Das Todesdatum wurde auf dem Epitaph nicht nachgetragen.

Textkritischer Apparat

  1. Die Inschrift lautet bei Wüstefeld: Epitaphium Dr. Casparis Meier civitatis Hannoverae Senatoris anno 98 die 12 9br. hora 4 matutina ex hac vita decedentis.
  2. aetherei] aetheriei Mahrenholtz.
  3. temsit] tempsit Mahrenholtz.
  4. lumine cassum] lumine lassum Wüstefeld, bei Schuchhardt und Mahrenholtz unvollständig.
  5. Lugeat] Luceat Wüstefeld.
  6. lacrumis] saeculis Schuchhardt, Mahrenholtz, bei Wüstefeld Lücke.
  7. defleat] desseat Wüstefeld.
  8. suis] uis Mahrenholtz.
  9. cubat] curat Mahrenholtz.
  10. tori] toti Schuchhardt, Mahrenholtz.
  11. parens] Lücke bei Wüstefeld.
  12. seqvaris ademptae] sequacis adempt. Mahrenholtz.
  13. atq(ue)] [e]ti[am] Schuchhardt, etiam Mahrenholtz.

Anmerkungen

  1. Schuchhardt, Bildhauer, S. 60f.
  2. Jürgens, Chronik, S. 265–287.
  3. Ebd., S. 291–330. KBA, Kirchenbuch Ägidienkirche, Todesfälle, März 1612.

Nachweise

  1. Schuchhardt, Bildhauer, S. 65, Nr. 37, Abb. S. 64.
  2. Wüstefeld, Nikolaikapelle, fol. 10.
  3. Mahrenholtz, Grabsteininschriften, S. 74f.

Zitierhinweis:
DI 36, Stadt Hannover, Nr. 248 (Sabine Wehking), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di036g006k0024800.