Inschriftenkatalog: Stadt Hannover

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 36: Stadt Hannover (1993)

Nr. 111† Nikolaikapelle 1558

Beschreibung

Grabplatte des Georg Scharnekau, genannt „Scarabäus“. Die Hannoversche Chronik berichtet, das Epitaphium des Scarabäus habe sich sowohl in der Marktkirche als auch in der Kirchhofsmauer der Nikolaikapelle befunden.1) Damit dürften allerdings zwei unterschiedliche Inschriftenträger – Grabplatte und Epitaph (vgl. Nr. 112) – gemeint sein, auch wenn es von der Grabplatte zwei Versionen gab. Redecker bietet dazu zwei voneinander abweichende Angaben. Nach der ersten2) wurde die Grabplatte 1717 aus der Kirchhofsmauer entfernt, aber im Jahr 1731 an die Kirche S.Nicolai, und zwar an dem Thurm-Ende, auf der Seite nach der Stadt hin, angeheftet und mit Farben geziert. Nach der zweiten war die Grabplatte in zwei Teile zerbrochen und daraufhin eine Copey auff einem Stein erhöhet gehauen, die Schrift schwartz angestrichen und dieser neue Stein an dem Leichen-Baarhause bey der Capelle S.Nicolai auff der Seite nach der Stadt hin, angeheftet.3) Dieser Stein befand sich noch im letzten Jahrhundert an der Nikolaikapelle, über den Verbleib des zerbrochenen Originals ist nichts bekannt. Die Zeichnung der originalen Grabplatte bei Redecker zeigt eine auf dem Rand umlaufende Inschrift (A) und eine weitere Inschrift (B) im Innenfeld, darunter zwei Wappenschilde und ein nicht ausgefülltes Feld. Aus der Zeichnung der Kopie ist ersichtlich, daß in dieses Feld eine Inschrift über die Renovierung der Platte eingetragen wurde.4)

Inschrift nach der Zeichnung bei Redecker.

Schriftart(en): Kapitalis.

DI 36, Nr. 111 - Hannover, Nikolaikapelle - 1558

 Sabine Wehking [1/1]

  1. A

    ANNO · D(OMI)NI · 1558 · DIE · 15 · / APRIL(IS) · DECESSIT · VENERABILISa) · VIR · D(OMI)N(V)S · / GEORGIVS · SCARABAEVS · / CVIVS · ANIMA · REQVIESCITb) · IN · PACE ·

  2. B

    QVI · FVIT · EXIMIIS · SCARA=/BAEVS · DOTIBVS · AVCTVS · /SYNCERA · DOCVIT · QVI · / PIETATE · FIDEM /HVIC · CVM · LVSTRA · DECEM · / CVM · TERNIS · VIXERAT · ANNIS · /ABRVPIT · VITAE · STAMINA / LAXA · DEVS · /ILLIVS · HOCc) · TVMVLO · MORTA=/LIA · MEMBRA · TEGVNTVR ·/PARS · MELIOR · COELI · SYDERA · / LAETA · COLIT ·

Übersetzung:

Im Jahr des Herrn 1558 am 15. April starb der ehrwürdige Mann, Herr Georg Scarabäus. Seine Seele ruht in Frieden. (A)

Scarabäus, der mit herausragenden Gaben ausgestattet war, der den Glauben in reiner Frömmigkeit lehrte, diesem zerriß Gott, als er 53 Jahre gelebt hatte, die losen Fäden des Lebens. Seine sterblichen Glieder werden durch dieses Grabmal bedeckt, der bessere Teil wohnt selig bei den Sternen des Himmels. (B)

Versmaß: Elegische Distichen (B).

Wappen:
Scharnekau (Flammenschwert)
Lauenkopp (geteilt, oben gezungter Löwenkopf, unten zwei Balken)

Kommentar

Georg Scarabäus wurde 1505 in Hannover – vermutlich in dem seiner Familie gehörenden Haus Dammstr.2 (vgl. Nr. 181) – geboren. Im Sommersemester 1522 immatrikulierte er sich an der Universität Leipzig.5) 1532 wurde der inzwischen zum Anhänger Luthers gewordene Prediger an die Marktkirche berufen.6) Als erster lutherischer Geistlicher spielte er bei der Einführung der Reformation in Hannover eine bedeutende Rolle. Das Amt des 1. Pfarrers an der Marktkirche bekleidete er bis zu seinem Tod 1558. Kurz vor seinem Tod heiratete Scarabäus Anna Lauenkopp, die nach Auskunft des Wäskenboks bis dahin als Begine gelebt hatte7). Der Löwenkopf im zweiten Wappen der Grabplatte läßt vermuten, daß es sich um ihr Familienwappen handelte.

Textkritischer Apparat

  1. VENERABILIS] venerandus Kirchenbuch Marktkirche.
  2. REQVIESCIT] requiescat Kirchenbuch Marktkirche.
  3. HOC] HIC Jürgens.

Anmerkungen

  1. Jürgens, Chronik, S. 198.
  2. Redecker, Bd. 1, fol. 261r.
  3. Redecker, Bd. 2, fol. 211r.
  4. Ebd. Die Kopie trug zusätzlich noch den Vermerk: IN MEMORIAM / VIRI DE ECCLESIA PROTESTANTIUM MAXIME MERITI / MONUMENTUM HOC / INCURIA ALIORUM COLLAPSUM / RESTAURARI CURARUNT / DIACONI AD AEDEM SANCTAE CRUCIS / 1731.
  5. Matrikel Leipzig, Bd. 1, S. 585.
  6. Vgl. hierzu Bahrt, Reformation, S. 28ff.
  7. Berkhusen, Wäskenbok, S. 158, Nr. 266.

Nachweise

  1. Redecker, Bd. 1, fol. 264v (Zeichnung) u. Bd. 2, fol. 211r (Zeichnung).
  2. Wüstefeld, Nikolaikirche, fol. 5 (Zeichnung der Grabplatte von 1731).
  3. Mithoff, Kunstdenkmale, S. 78 (A).
  4. Kirchenbuch Marktkirche, S. 20 (Hs., p. 51).
  5. Scheibe, Marktkirche, S. 45.

Zitierhinweis:
DI 36, Stadt Hannover, Nr. 111† (Sabine Wehking), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di036g006k0011108.