Inschriftenkatalog: Stadt Hannover

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 36: Stadt Hannover (1993)

Nr. 94(†) Historisches Museum (1551)

Beschreibung

Steintafeln des ehemaligen Marktbrunnens, des sogenannten „Piepenborns“. Der 1551 errichtete Brunnen wurde bereits 1619 wieder abgebrochen. Teile des Piepenborns waren rechts und links über der Eingangstür des Sodenschen Klosters (vgl. Nr. 159) sowie auf der Leineseite des Ratsklosters vermauert. Die Zeichnung Redeckers zeigt noch drei Platten, während eine Photographie des Sodenschen Klosters nur noch zwei Platten erkennen läßt.1) Weitere Teile des Brunnens, fünf Kantenstücke und drei Wasserspeier, wurden 1952 bei Bauarbeiten am Klostergang gefunden. Die erhaltenen Stücke, die sich heute im Innenhof des Historischen Museums befinden und die den Brunnen betreffenden Akten lassen recht genaue Rückschlüsse auf dessen Gestaltung zu.2) Diese entsprach in großen Zügen dem 1540 errichteten Marktbrunnen in Hildesheim. Das achtseitige Brunnenbecken setzte sich aus Platten und Eckstücken zusammen. In der Mitte des Beckens erhob sich eine Säule, daran vier Wasserspeier in Form von Löwenköpfen. Auf der Säule ein weiteres Becken, in dessen Mitte erhöht eine Figur. Der Brunnen war farbig gefaßt.

Auf den sechs erhaltenen, teilweise aber beschädigten Platten Reliefs mit je zwei einander zugewandten Halbfiguren biblischer Personen vor landschaftlichem Hintergrund, die durch Beischriften unterhalb der Reliefs namentlich gekennzeichnet sind. Oberhalb der Personen ist die Bibelstelle inschriftlich vermerkt, auf die sich die jeweilige Darstellung bezieht. Die Tafeln im einzelnen: Eleaser und Rebekka, Rebekka hält einen Krug in der Hand (A); Moses und Josua, Moses weist mit einem Stab auf die Namensbeischrift Josuas, dieser legt Moses die Hand auf den Arm (B); Gideon und Simson (C); Elisa und Naeman (D); Tobias und Raphael (E), die Tafel (Lapidarium, Nr. 377) ist stark zerstört, die obere Kante und die rechte Seite fehlen; Christus wird von Johannes getauft (F). Eine der beiden heute verlorenen Platten ist bei Redecker in einer Zeichnung wiedergegeben, sie zeigte David und Bathseba (G); über die andere lassen sich keine Aussagen treffen3). Auf den fünf noch vorhandenen Eckstücken des Brunnens Figuren im Flachrelief, die durch Inschriften auf den Sockeln namentlich bezeichnet sind: Luna (H), Sol (I), Merkur (K), Saturn (L), Venus (M). Alle Inschriften sind erhaben und stehen in vertieften Feldern.4)

Inschrift G nach der Zeichung bei Redeker.

Maße: Tafeln (mit Gesims): H.: 80,5 cm; B.: 65 cm; Bu.: 5 cm (Namensbeischriften), 3,5 cm (Stellenangaben).Eckstücke: H.: 82 cm; B. (Sockel): 32 cm; Bu.: 4,5 cm.

Schriftart(en): Kapitalis (Namensbeischriften), gotische Minuskel mit Versalien (Stellenangaben).

  1. A

    Ge(nesi)s · 245)ELASER. REBECKE.

  2. B

    [....] 264 Josua6)MOSES. JOSVA.

  3. C

    Judi(ce)s. 6 Ju(dice)s. 1[.]7)GIDEON. SIMSON.

  4. D

    2. Regum 58)ELISA. NAEMAN

  5. E

    TO[B]IAS RAP[HA]EL

  6. F

    MATTHEI 3 ·9)CHRISTVS JOHANNIS

  7. G

    [2. Regum 11.a)DAVID. BERSABEA.]

  8. H

    LVNA

  9. I

    SOL

  10. K

    MARCVRIVS

  11. L

    SATTVRNVS

  12. M

    VENVS

Textkritischer Apparat

  1. 2. Regum 11.] 3. Regum 11. Redecker.

Anmerkungen

  1. Redecker, Bd. 2, fol. 3r, und Nöldeke, Kunstdenkmäler I, S. 671; Abb. 473, S. 668.
  2. Zum Bildprogramm des Piepenborns: Ulrich Stille, Der Piepenborn von 1551. In: HG NF 8, 1955, S. 128–139.
  3. Die Angabe Nöldekes (Nöldeke, Kunstdenkmäler I, S. 731), laut Redecker seien auf dieser Platte Josua und das Hannoversche Stadtwappen abgebildet gewesen, läßt sich anhand der Handschrift nicht verifizieren.
  4. Eine Inschrift, die sich nach Nöldeke (Kunstdenkmäler I, S. 733) und Riemer (Baugeschichte, S. 259) ebenfalls am Piepenborn befunden haben soll, stammt vermutlich aus späterer Zeit. In ihr wurde die noch heute in Hannover gebräuchliche Bezeichnung des Bieres als ‚Broyhahn‘ von dem Namen seines Erfinders abgeleitet. Der Text lautet: Sodeniana domus Broehanam prima coquebatBroehanus coctor nomina fecit ei.Secula si quindena super numeraveris annumVicenum hoc anno prima Broehana fuit.Johann Broehan, Inventore Volksmaro ab Anderten.Reiche/Heiliger, auf die Nöldeke und Riemer Bezug nehmen, überliefern die Inschrift im Zusammenhang mit acht weiteren Distichen vom Kunstbrunnen am Markt, bei dem es sich um den 1620 errichteten und 1719 umgebauten Aktäonbrunnen handelt. Daß die Inschrift sich am Piepenborn befunden hat und später auf den Nachfolge-Brunnen übernommen wurde, ist unwahrscheinlich, weil die Gestaltung des Piepenborns keinen Platz für eine weitere Tafel mit Inschrift bot. Außerdem erscheint die inhaltliche Bezugnahme auf die Erfindung des Hannoverschen Bieres als Brunneninschrift nur dann sinnvoll, wenn die Verse im Kontext weiterer historischer Notizen standen.
  5. Gn. 24, 16–18.
  6. Dt. 31, 23.
  7. Idc. 6–8 u. 13–16.
  8. Die Stellenangaben in den Inschriften sind hier nicht konsequent. Während diese Angabe auf der Zählung zweier Bücher Samuel und zweier Bücher Regum beruht, zählt Inschrift G vier Bücher Regum.
  9. Mt. 3, 13–17.

Nachweise

  1. Redecker, Bd. 2, fol. 3r (A, D, G; Zeichnung).

Zitierhinweis:
DI 36, Stadt Hannover, Nr. 94(†) (Sabine Wehking), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di036g006k0009409.