Inschriftenkatalog: Stadt Hannover

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 36: Stadt Hannover (1993)

Nr. 25(†) Rathaus 1455, nach 1566, 1576, 1578

Beschreibung

Inschriften an verschiedenen Bauteilen des Rathauses. Die Erbauung des Hannoverschen Rathauses in verschiedenen Etappen zeigte sich auch in den inschriftlich ausgeführten Baudaten, von denen jedoch nur noch das älteste Baudatum (A) erhalten ist. Es befindet sich auf dem Tonfries1) zur Marktseite hin; die Buchstaben sind erhaben geformt. Eine weitere Jahreszahl auf einem Kamin im Innern des Rathauses (B) wird von Mithoff überliefert, eine Jahreszahl mit Initialen und Meistermarke (M1) über der Tür des Treppenaufgangs (C) gibt Redecker wieder.

Eine große Anzahl von Inschriften trug die dem Rathaus 1576 an der Marktseite vorgebaute Auslucht, die schon 1789 wieder beseitigt wurde. Im Giebel der zweigeschossigen Auslucht standen in Nischen Figuren der Lucretia und Judith. Die beiden Geschosse waren auf der Frontseite durch Halbsäulen in je vier Teile mit hohen Fenstern untergliedert. Die Brüstungsplatten unterhalb der Fenster an der Front und den Seiten der Auslucht waren mit Reliefs geschmückt. Die beiden mittleren Brüstungsplatten des Obergeschosses trugen je ein landesherrliches Wappen, an den beiden Seiten des Erkers war das Stadtwappen angebracht. In den anderen zehn Feldern befanden sich Reliefs mit den Taten des Herakles, von denen die Zeichnungen von Friedrich Adolph Hoffmann einen Eindruck geben.2) Die Darstellungen wurden durch Inschriften auf dem Gesims unterhalb der Bildfelder kommentiert. Die Szenen im einzelnen: Herakles kämpft mit dem Nemäischen Löwen (D); Herakles schwingt die Keule gegen den Drachen, der die Äpfel der Hesperiden bewacht (E); Herakles streckt einen eine Weinkanne haltenden Kentauren nieder (F); Herakles zwingt Acheloos in Gestalt eines Stiers zu Boden (G); Herakles zieht den dreiköpfigen Cerberus an der Leine (H); Herakles streckt Cacus nieder (I); Herakles besiegt Antaeus, indem er ihn in die Luft hebt (K); Herakles holt zum Schlag gegen den dreiköpfigen und drei Kronen tragenden Geryon aus (L); Herakles löst Atlas beim Tragen des Olymp ab (M); Herakles erschlägt die Lernäische Schlange (N).

Weitere Inschriften befanden sich am Apothekenflügel des Rathauses. Mithoff überliefert eine Jahreszahl (O) an einer Dachluke. Reiche/Heiliger geben eine weitere – undatierte – Inschrift (P) in Zusammenhang mit einer Darstellung des Hippokrates wieder. Laut Riemer befand sich über dem Portal der Apotheke eine aus der Bauzeit des Apothekenflügels 1565–67 stammende Tafel mit der Inschrift Q. Eine Abbildung des Apothekenflügels bei Mithoff3) zeigt über den beiden Portalen zur Köbelingerstraße Tafeln mit angedeuteten Inschriften in den Türbekrönungen, die aus dem Jahr 1665 stammten. Bei den von Reiche/Heiliger überlieferten Inschriften R–V handelt es sich um die Tafeln einer dieser Türbekrönungen, über den Inschriften nach Reiche/Heiliger eine Darstellung der Justitia.

Inschriften B und O nach Mithoff; C nach Redecker; D–N, P, R–V nach Reiche/Heiliger; Q nach Riemer.

Maße: Bu.: ca. 7 cm (A).

Schriftart(en): Gotische Minuskel (A), Kapitalis (T–V).

DI 36, Nr. 25 - Hannover, Rathaus - 1455

 Sabine Wehking [1/1]

  1. A

    An(n)o · hum(.)a)/ Mcccclv

  2. B

    m.cccc.[...]

  3. C

    D. B. 1578

  4. D

    Ut validum forti superavitb) Marte Leonemc)Cerne cleonaeos qui populavit agrosambitione levi fastuque gravique furorefrenad) tenens populi ne moveare cave.

  5. E

    Invicta vigilem perimit virtute Draconempremiaque ex hortis aurea mala capitSic et avaritiae crimen sapientia damnatat bene divitiis utitur illa suis.

  6. F

    Multate) nubigenas Alcides morte bimembresf)pirithoo Hippodamen dum rapuisse parantSic bonusg) effrenes reprimat Dux pectoris aestuset iuxta leges seque suosque regath).

  7. G

    Prosternit validum miro luctamine taurummutilat et cornu quod bona multa tulitSic et vir prudens meliorem vertit in usumnoxia et oblatum corrigit arte malum.

  8. H

    Cerberon umbrarum custodem traxit ab orcoi)invitum faciens astra videre PoliSic virtus mortis vires fortissima frangij)efficit et vita liberiorek) frui.

  9. I

    Hic raptor cacus prostratus ab Hercule obitl)quod meruit furtism) suppliciumque deditNon cuiquam lucri veniat tam dira cupidout bona non iuste parta tenere velit.

  10. K

    Hic terstratus humi quarta vice in aere victusAntaeus pugnax deficit atque peritSi qua fuitn) diuturna fuit vis nulla malorumcrudeles obitus vir violentus habet.

  11. L

    Geryon ore triplex succumbit ab Hercule caesusunum tergeminus vincere nec potuitSic bonus et fortis vir multis praevalet unuset superat varios marte vel arte dolos.

  12. M

    Pondere cum victus sudaret Olympifer atroxo)Hercules astriferos sustinet ipse PolosSic iunctis operis qui publica jura tuenturSincerae curam Relligionis agant.

  13. N

    Vulnere crescentem ferro et face contudit Hydramet finemp) innumeris jussit adesse malisSic sapiens linguas spargentes falsa retunditq)invidiamque gravem vita modesta premit.

  14. O

    1566

  15. P

    Hippocrates MedicusClarus Apollinea divinus et arte medendiClarus in eois occiduisque plagis.

  16. Q

    Der Herr lässet die Artzeneyr) auß der Erden wachssen und ein Vernunfftiger verachtet sie nicht. Eccles. XXXVIII4)

  17. R

    Wol dem, der sich des / dürftigen annimt, den / wird der Herr erretten / zur bösen Zeit PS. XLI.2.3.5)

  18. S

    Der Herr wird ihn bewah/ren und beym Leben / erhalten und ihm lassen / wohlergehen auf erden und / nicht geben in seiner feinde / willen6)

  19. T

    SEDES REGIS VERE IVDICANTISs) / PAVPERES PERPETVO FORTV/NATA ERIT. PROV. 29.7)

  20. U

    JVSTITIA EXALTAT GENTEM / PERDIT POPVLVM PECCATVM PROV. 14.8)

  21. V

    ANNO D(OMI)NI 1665

Übersetzung:

Siehe, wie er den starken Löwen im tapferen Kampf besiegt hat, der die cleonäischen Felder verwüstete. Hüte dich davor, der du die Zügel des Volkes in Händen hältst, dich verführen zu lassen durch leichtfertigen Ehrgeiz, Stolz und schlimme Unbeherrschtheit. (D)

Mit unbesiegter Tapferkeit tötet er den wachsamen Drachen und nimmt als Beute aus den Gärten die goldenen Äpfel. So verurteilt auch die Weisheit das Verbrechen des Geizes, sie aber verwendet ihre Reichtümer auf rechte Weise. (E)

Der Alcide bestraft die wolkengeborenen Kentauren mit dem Tod, während sie sich anschicken, dem Pirithoos Hippodameia zu rauben. So soll der gute Fürst das zügellose Ungestüm seines Herzens bändigen und gemäß den Gesetzen sich und die Seinen regieren. (F)

Er streckt den starken Stier in bewundernswertem Kampf nieder und stutzt ihm das Horn, das großen Reichtum enthielt. So wendet auch der kluge Mann das Schädliche zum besseren Nutzen und bringt geschickt das sich darbietende Übel in Ordnung. (G)

Er schleppte Cerberus, den Wächter der Schatten, aus der Unterwelt und bewirkte, daß er gegen seinen Willen die Sterne des Himmels sah. So bewirkt äußerste Tapferkeit, daß die Mächte des Todes zerbrechen und daß man ein freieres Leben genießt. (H)

Hier stirbt von Herkules niedergestreckt der Räuber Cacus, und er zahlt die Todesstrafe, die er aufgrund seiner Diebstähle verdient hat. Keiner sollte in sich eine so schlimme Begierde nach Gewinn aufkommen lassen, daß er unrechtmäßig erworbene Güter behalten will. (I)

Hier wird der kämpferische Antäus, der dreimal zu Boden gestreckt und beim vierten Mal in der Luft besiegt worden ist, kraftlos und stirbt. Keine Kraft des Bösen, wenn es eine solche gab, war von Dauer. Der gewalttätige Mann erleidet grausame Todesarten. (K)

Der dreiköpfige Geryon sinkt von Herkules getötet nieder. Der Dreigestaltige konnte nicht den einen besiegen. So vermag ein einziger guter und tapferer Mann mehr als viele und besiegt durch Kampf oder List mannigfache Tücke. (L)

Weil der trotzige Träger des Olymp von dem Gewicht überwältigt sich zu sehr abmühen mußte, hält Herkules selbst den sterntragenden Himmel. So sollen die, die für das Staatswesen sorgen, mit vereinten Kräften für den unverfälschten Glauben Sorge tragen. (M)

Mit Schwert und Fackel vernichtete er die durch Verwundung wachsende Hydra und sorgte für das Ende zahlloser Übel. So bringt der Weise Zungen, die Lügen verbreiten, zum Schweigen, und sein bescheidenes Leben läßt schlimmen Neid nicht aufkommen. (N)

Der Arzt Hippocrates, berühmt und göttlich durch die apollinische Heilkunst, berühmt in Ost und West. (P)

Der Thron eines Königs, der den Armen ehrlich Recht spricht, wird immer gesegnet sein. (T)

Die Gerechtigkeit erhebt ein Volk, die Sünde verdirbt ein Volk. (U)

Versmaß: Elegische Distichen (D–N; P, 2. u. 3. Zeile).

Kommentar

Die Jahreszahlen stellen die wesentlichen Baudaten des Rathauses dar: 1454/55 wurde der Hauptflügel am Markt erbaut, 1565–1568 wurde das Rathaus durch den Anbau des Apothekenflügels wesentlich erweitert.9) Die Initialen der Inschrift C am Apothekenflügel sind als D(irk) B(erndes) aufzulösen; bei der Marke handelte es sich um sein Meisterzeichen, das sich noch einmal an der Sakristei der Kreuzkirche findet10). Der Baumeister Dirk Berndes war 1565 vom Rat mit der Bauleitung des Apothekenflügels betraut worden.11) 1665 nahm man am Apothekenflügel bauliche Veränderungen vor, wobei u.a. die beiden Portale in den Formen der Spätrenaissance errichtet wurden.

Textkritischer Apparat

  1. An(n)o hum(.)] Die Lesung ist unsicher. Es handelt sich um eine lange Haste, die unten nach rechts umgebrochen ist und fünf kürzere Hasten, die bis auf die zweite ebenfalls unten nach rechts umgebrochen sind. Die beiden ersten kürzeren Hasten bilden unten einen spitzen Abschluß. Rechts über dem letzten Buchstaben befindet sich ein Kürzungsstrich. Eventuell ist hum(.) als humanae salvationis (im Jahr der Errettung der Menschheit), oder auch als humanitatis (im Jahr der Menschwerdung), aufzulösen. Die Überlieferungen lesen hier übereinstimmend An(n)o d(omi)ni.
  2. superavit] superaret Reiche/Heiliger.
  3. Leonem] Leoni Redecker.
  4. frena] frenat Redecker, Regua Reiche/Heiliger.
  5. Multat] mulctat Redecker, Reiche/Heiliger.
  6. bimembres] bina res Redecker.
  7. bonus] bonis Reiche/Heiliger.
  8. regat] regit Reiche/Heiliger.
  9. orco] orca Redecker.
  10. frangi] frangit Reiche/Heiliger.
  11. liberiore] liberiori Redecker.
  12. obit] opni Redecker, fehlt Reiche/Heiliger.
  13. furtis] furti Redecker.
  14. fuit] fehlt Reiche/Heiliger.
  15. Olympifer atrox] Olympi ferat Redecker.
  16. finem] fidem Redecker.
  17. falsa retundit] falcare tundit Redecker.
  18. Artzeney] Erznei Reiche/Heiliger.
  19. IVDICANTIS] IVDICANS Reiche/Heiliger, praedicans Riemer.

Anmerkungen

  1. Auf eine Beschreibung des Tonfrieses kann hier verzichtet werden. Eine ausführliche Beschreibung bei P. Tack, Der Tonfries am alten Rathaus. In: HG 23, 1920, S. 43–59.
  2. Gedr. bei Jugler, Hannovers Vorzeit, Tafel 19 u. 20. Eine Zeichnung Hoffmanns, die dem Marktflügel mit der Auslucht zeigt, bei Nöldeke, Kunstdenkmäler I, S. 352, Abb. 229. Die von Friedrich Adolph Hoffmann gezeichneten Originale, die sich unter der alten Signatur C 39 im Staatsarchiv Hannover befanden, sind nach Auskunft des Hauptstaatsarchivs im Zweiten Weltkrieg zerstört worden.
  3. Mithoff, Archiv, Tafel XXIV.
  4. Sir. 38, 4.
  5. Ps. 41, 2.
  6. Ps. 41, 3.
  7. Nach Prv. 29, 14.
  8. Nach Prv. 14, 34.
  9. Auf eine Darstellung der Baugeschichte des Rathauses kann hier verzichtet werden, da diese schon mehrfach ausführlich behandelt wurde. Vgl. u.a. Nöldeke, Kunstdenkmäler I, S. 345–369; Horst Masuch, Das Alte Rathaus in Hannover. In: HG NF 35, 1981, S. 135–157.
  10. Winkelmüller, Meisterzeichen, S. 63, Nr. 52.
  11. Nöldeke, Kunstdenkmäler I, S. 364.

Nachweise

  1. Mithoff, Kunstdenkmale, S. 85 (A–C, O).
  2. Redecker, Bd. 1, fol. 194v-197r (A, D–N), fol. 275r (C).
  3. Reiche/Heiliger, fol. 21r-22r (D–N, R–V), 23r (P, Q).
  4. Riemer, Baugeschichte, S. 123 (Q).

Zitierhinweis:
DI 36, Stadt Hannover, Nr. 25(†) (Sabine Wehking), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di036g006k0002507.