Inschriftenkatalog: Stadt Hameln

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 28: Hameln (1989)

Nr. 62 Osterstr. 8 1558

Beschreibung

Hausinschriften vom sogenannten „Stiftsherrenhaus“1). Der traufenständige Bau ist dreigeschossig, im Erdgeschoß acht, im 1. und 2. Obergeschoß neun Gefache breit. Er steht auf den Fundamenten eines gotischen Steinhauses2). Die beiden oberen Geschosse kragen vor. Oberhalb der Schwellbalken des 1. und 2. Obergeschosses jeweils zehn Fächerrosetten im Halbkreis. In den Füllungen Taubänder. Die Knaggen sind mit figürlichen Schnitzereien versehen. Untere Reihe: 1. Petrus, 2. Andreas, 3. Männliche Person in kurzem Umhang, mit Hut und Schwert, eine Blume haltend, zu seinen Füßen ein Hund3), 4. Kaiser Justinian (?) mit Inschrift A, 5. Gott Vater, 6. Paulus, 7. Phillippus, 8. Bartholomäus, 9. Matthäus, 10. Opferung Isaaks. Mittlere Reihe: 1. Nicht näher bestimmte Apostelfigur, 2. Jacobus d. Ä., 3. Salbung Davids durch Saul, 4. Kains Brudermord mit Jahreszahl B, 5. Samson und der Löwe, 6. David mit Harfe, 7. Auferstehung Christi, 8. Joab ersticht Abner, 9. Apostel Simon, 10. Judas Thaddäus, 11. David und Goliath. Obere Reihe: 1. Caritas mit Inschrift C, 2. Judith mit dem Haupt des Holofernes, 3. Luna mit dem Sternbild des Krebses, 4. Merkur mit den Sternbildern Jungfrau und Fische, 5. Saturn mit den Sternbildern des Wassermanns und Steinbocks, 6. Venus mit den Sternbildern der Waage und des Stiers, 7. der Sonnengott Sol mit dem Sternbild des Löwen, 8. Mars, zu seinen Füßen das Sternbild des Widders, 9. Jupiter mit den Sternbildern des Skorpions und des Schützen, 10. Meistertrunk4) mit Jahreszahl D. Bei einigen Figuren handelt es sich um Reproduktionen, die Originale befinden sich im Museum. Die Reihenfolge der Figuren soll nach Meinung Hansens5) nicht mehr der alten Anordnung entsprechen.

Maße: Bu.: ca. 5 cm.

Schriftart(en): Kapitalis.

DI 28, Nr.62 - Hameln, Osterstr. 8 - 1558

 Julia Zech [1/3]

  1. A

    IVSTI

  2. B

    1558

  3. C

    CARITAS

  4. D

    1558

Kommentar

Als Erbauer des Hauses läßt sich aus der ältesten erhaltenen Schoßliste von 1560 der Hamelner Ratsherr und Bürgermeister Friedrich Poppendieck (vgl. Nr. 76) ermitteln6), zumindest war er zwei Jahre nach dem Bau der Inhaber des Hauses. Poppendieck hat das Haus nur kurze Zeit in Besitz gehabt, bereits 1566 hat Heinrich Ryke den Schoß bezahlt. Als weitere Besitzer weisen die Schoßlisten Jobst von Werder (1576−1605) und Johann Fargel jun. (ab 1606) aus. 1616 wohnte der Bürgermeister Gerhard Reiche hier, 1652 erbte Georg Johann Reiche das Haus7).

Anmerkungen

  1. Es konnte noch nicht befriedigend geklärt werden, wie das Haus zu dem Namen „Stiftsherrenhaus“ gekommen ist. Zu den 12 ursprünglichen Stiftskurien gehört es nicht. Wahrscheinlich resultiert diese Bezeichnung daraus, daß ein Stiftsherr im Laufe der Jahrhunderte hier gewohnt hat. Es läßt sich in Hameln beobachten, daß neben den Kurien im engeren Sinn auch die Privathäuser der Stiftsherren als „Stiftsherrenhäuser“ bezeichnet werden (freundliche Auskunft von Petra Rabbe-Hartinger, Hameln).
  2. Vgl. Ernst August Oppermann, Auf der Suche nach Resten verschollener alter Baudenkmäler in Hameln. In: Klüt 1950, S. 91.
  3. Spanuth meint, hier sei der Bauherr als Junker dargestellt, vgl. Spanuth, Stiftsherrenhaus, S. 38 f.
  4. Weitere Darstellungen des Meistertrunks an Fachwerkbauten bei Hansen/Kreft, S. 310.
  5. Vgl. Hansen/Kreft, S. 285. Hansen führt nicht näher aus, wie die alte Anordnung der Figuren zu denken ist. Neuere Untersuchungen zum Bildprogramm des Stiftsherrenhauses fehlen.
  6. Sta Hameln, Schoßliste 1560, S. 15; 1565, S. 18; 1566, Sp. 10; 1569, fol. 3v; 1572, S. 26; 1576, S. 29; 1605, S. 30, 1606, S. 30; 1615, fol. 18v.
  7. Spanuth (wie Anm. 3), S. 20f.

Nachweise

  1. Spanuth (wie Anm. 3), S. 30 (A), Tafel X (C, nur Abb.).
  2. Hansen/Kreft, Abb. 13–24.

Zitierhinweis:
DI 28, Hameln, Nr. 62 (Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di028g004k0006206.