Inschriftenkatalog: Stadt Hameln

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 28: Hameln (1989)

Nr. 60 Bäckerstr. 16 1556/1568

Beschreibung

Hausinschriften. Giebelständiges gotisches Steinhaus mit vorgeblendeter Renaissancefassade1), zweigeschossig, ein Zwischengeschoß und zwei Dachgeschosse. Am rückwärtigen Giebel mit gotischen Spitzbogenfenstern ist die alte Bausubstanz noch erkennbar. – Die Gestaltung der Fassade ist im Stil der frühen Weserrenaissance schlicht und auf die Betonung der Horizontalen gerichtet. Links eine zweigeschossige Utlucht mit giebeltragendem Aufbau, rechts jüngerer Toranbau aus dem Jahr 1781. Das Zwischengeschoß, das von der ursprünglichen Bausubstanz her bereits das unterste Dachgeschoß ist, wurde rechts und links durch Aufbauten mit dreieckigen Giebeln nach Art einer Ädikula optisch verbreitert. Treppengiebel mit Volutenbändern zwischen den Gesimsen. Spitzbogenportal, das rechts und links auf ionischen Pilastern steht. An Zierelementen finden sich Beschlagwerk an der Lucht sowie facettierte Eckquader am Abschluß zum linken Nachbarhaus2) und zwei im holländischen Stil gefertigte Wappenhäuschen in den Zwickeln des Spitzbogenportals, darin Wappen mit Beischriften. – Inschrift A am Giebel unter dem Gesims des Zwischengeschosses. Inschriften B und C an der Lucht in zwei nebeneinanderliegenden Feldern an der Basis des oberen Geschosses, hell auf ockerfarbenem Grund. Beide Inschriften wurden Ende des 19. Jahrhunderts abgeschliffen und erst im Zuge der Fassadenerneuerung 1982 neu hervorgehoben3). Über der Toreinfahrt eine Inschrift von 17814). Ingeborg Rohr-Kropp weist noch auf eine an der rechten Seite des Hauses über dem Fenster befindliche, aber bereits verwischte Inschrift hin, von der sie nur die Jahreszahl zitiert (D)5). „Über dem linken großen Fenster“ – wahrscheinlich der Rückfront – soll sich ebenfalls eine Jahreszahl befunden haben (E)6). Neukirchs Nachzeichnung der Fassade enthält eine Jahreszahl F im Giebel des Aufbaus der Utlucht. Jahreszahl G an der Wetterfahne. Steinmetzzeichen des Cord Tönnies befinden sich an der Utlucht und an der Spitze des Eingangsportals7), vgl. Anhang 2, M 2. Die gesamte Fassade war ehemals farbig gefaßt8).

Inschriften D, E nach Rohr-Kropp. Inschrift F nach Neukirch.

Maße: Bu.: ca. 14 cm (A), ca. 6 cm (B, C).

Schriftart(en): Frühhumanistische Kapitalis (A), Kapitalis (B, C).

  1. A

    SIRACH · I9) · WOLa) · DEN · HEREN · FRVCHTE[T]b) · DEM · WERT · ITc) · WOL · GHAN · VNDE · WEN · HE · TROSTES · BEDARF · SO · WERT ·HE · GESEGENET · SINd) 1568e)

  2. B

    IOHAN 310) · ALSO HEFT GODT DE WERLT GELEVET / DATH HE SINEN ENGNEN SONE GAFT · VP DAT ALLE / DE AN EN LÖVENf) NI[CH]Tg) VORLAREN WER/DEN SVNDERN DATH EWIGE LEVEN HEBBEN / PSALM 3411) · KAMET HER KINDER HORET / MI THO ICH WIL EVCH DI FRVCHTEN / DES HERRN LEREN ·

  3. C

    SIRACH12) · DIE FRVCHTE DES HEREN WERET / DER SVNDE WENTE WOL ANE FRVCHTE / SIE GEFALLET GODT NICHT · / TOB13) ACHh) WI WERDEN DE GVDES HEBBE SO WI GODT WERDEN FRVCHTEN DE SVNDE MI / DE WAD GVDES DAN · JOHAN RIKE / TÖNNIESi) [. . .]k) SONEl) ME FIERI FECIT A(NN)O 1568

  4. D

    [. . .] 1556 [. . .]

  5. E

    1300m)

  6. F

    1569

  7. G

    1568

    Wappen (mit Beischriften):

    TÖNNIES / + RIKE + TESAn) / GIRSWOLL

Wappen:
Rike, Reiche(nach links schräg gestuft, oben blau, unten weiß, vgl. Nr. 90)
Girsewalt(Hut mit Federbusch)

Kommentar

Inschrift A ist in einer sehr dicht gedrängten Kapitalis ausgeführt mit hohen schmalen Buchstaben. Auffällig ist die Gestaltung des C nach Art eines epsilonförmigen E, während E als Kapitalis-E gehauen ist. Das D ist halboffen.

Im Vergleich mit anderen Hamelner Steinhäusern fällt die verhältnismäßig umfangreiche Ausstattung dieser Fassade mit Inschriften auf, die einer sparsamen Verwendung anderer schmückender Elemente gegenübersteht. Inhaltlich lassen die Inschriften ein Programm erkennen, das den Themen Gottesfurcht und Gottesliebe verpflichtet ist. Die Auswahl dieser Texte dürfte auf Johann Reiche zurückgehen, der den Umbau des gotischen Hauses und die Errichtung der Renaissancefassade vollendet hat. Zusammen mit seiner Frau Dorothea Leist hat er das schon seit mehreren Generationen im Besitz der Familie Reiche befindliche Haus bis zu seinem Tode im Jahr 1584 bewohnt (vgl. Nr. 104). Unter der Vorraussetzung, daß Johann Reiche den Umbau, jedenfalls aber die Arbeiten an der Fassade allein veranlaßt hat, sind die Wappenhäuschen am Portal mit den Wappen seiner Eltern als Gedächtniswappen aufzufassen.14)

Textkritischer Apparat

  1. WOL] Wol (wer) Rothert, Meissel, Rohr-Kropp.
  2. FRVCHTE[T] ‚fürchtet‘.
  3. IT] et Meissel, Rohr-Kropp.
  4. SIN] W Meissel, Rohr-Kropp.
  5. Ziffern hochgestellt.
  6. LÖVEN] ‚glauben‘.
  7. NI[CH]T] Buchstaben in der Klammer nicht sicher zu lesen.
  8. ACH] Lesung unsicher. Der Sinn dieser drei Buchstaben ist fraglich.
  9. TÖNNIES] Geo Meissel, Beschreibung; Rohr-Kropp; Gev Ortwein.
  10. Textlücke, möglicherweise bei Restaurierungsmaßnahmen entstanden.
  11. SONE] DONE Rohr-Kropp.
  12. Die Inschrift in arabischen Ziffern war sicher nicht original, da arabische Ziffern erst im 13. Jahrhundert verbreitet wurden, also wohl kaum mit einem so frühen Beleg in Norddeutschland zu rechnen ist. Zur Verbreitung der arabischen Ziffern vgl. Cappelli, S. LV.
  13. Alfred Sander, Bibelsprüche in Niederdeutsch. In: DWZ vom 4.9.1982 geht von einem Vornamen Gesa aus, der auch sonst urkundlich belegt ist.

Anmerkungen

  1. Eingehende Beschreibung der Fassade mit Abbildungen bei Kreft/Soenke, S. 281 f., Abb. 86. – Ingeborg Rohr-Kropp, Der Rattenkrug in Hameln, In: Jahrbuch 1977, S. 20−25 (Abb.). – Ursula Feige-Blohm, Cord Tönnis und seine Rustica-Quadern. In: Jahrbuch 1969, S. 69−73.
  2. Vgl. Feige-Blohm (wie Anm. 1), pass.
  3. Vgl. Annemarie Ostermeyer, Die Inschriften am „Rattenkrug“. In: DWZ vom 4.9.1982.
  4. A[nton] W[ilhelm] K[leinschmidt] den 16. mey A(nn)o 1781 THUE RECHT UND SCHEUE NIEMAND 1781.
  5. Rohr-Kropp (wie Anm. 1), S. 23.
  6. Wie Anm. 5.
  7. Ein drittes von Ursula Feige-Blohm (wie Anm. 1), S. 71 am südlichen Hoffenster im Zusammenhang von Inschrift D genanntes Steinmetzzeichen konnte ich nicht nachweisen.
  8. Bühring, S. 197 f.
  9. Sir. 1,13.
  10. Joh. 3,16.
  11. Ps. 34,12.
  12. Sir. 1,26 f.
  13. Tob. 4,22.
  14. Zur Anbringung von Wappen als Totengedächtnis am Wohnhaus der Familie vgl. Klaus Alpers, Die lateinischen Inschriftentafeln der Garlopenhäuser. In: Lüneburger Blätter 21/22 (1970/71), S. 49−84, spez. S. 65.

Nachweise

  1. Rothert, S. 17 (A).
  2. Mithoff, Kunstdenkmale, S. 61 (A).
  3. Meissel, Inschriften, S. 19 (A).
  4. Ortwein, Blatt 1 und Erläuterungen zu Blatt 1 (A, F).
  5. Meissel, Beschreibung S. 28 (C).
  6. Neukirch, S. 73 ( A bis BEDARF, F).
  7. Rohr-Kropp (wie Anm. 1), S. 22f. (A, C Johan bis 1568, D).
  8. Ostermeyer (wie Anm. 3), (C Johan bis 1568).
  9. Sander (wie Anm. n), (C Johan bis 1568).

Zitierhinweis:
DI 28, Hameln, Nr. 60 (Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di028g004k0006002.