Inschriftenkatalog: Stadt Hameln

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 28: Hameln (1989)

Nr. 39 Museum 1517

Beschreibung

Hausinschrift. Querrechteckige Steintafel vom ehemaligen Haus Kupferschiedestraße 8/91), heute im Lapidarium des Museums. Die Tafel trägt im linken Viertel ein Wappen, rechts davon die dreizeilig erhabene Inschrift, die sich an der rechten Kante im rechten Winkel abgeknickt nach oben fortsetzt. In ihrer Gestaltung wirkt die Steinplatte unausgewogen. Die Raumaufteilung ist unproportioniert, links neben dem Wappen ist eine große freie Fläche, während rechts aus Platzmangel die Inschrift nach oben fortgesetzt werden mußte. Die Buchstaben der ersten Inschriftenzeile sind größer als die der zweiten und dritten Zeile.

Maße: H.: 85,5 cm; B.: 140 cm; Bu.: 6,2–7,8 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel.

DI 28, Nr.39 - Hameln, Museum - 1517

 Christine Wulf [1/1]

  1. · int iar · 1517 · haf ich / jan · fan · fargela) samt · min(er)b) / frowe alitc) fa(n) mo(n)strd) dit hose) afge/koff) Suck g) · [....]h)

Wappen:
Fargel(Schild quergeteilt durch Wellenband, darüber zwei sechszackige Sterne, darunter ein Querbalken)2)

Kommentar

Aufgrund des doppelstöckigen a wird die Schrift als gotische Minuskel bestimmt. Die übrigen Buchstaben sind ebenfalls Minuskeln, unterscheiden sich aber von den typischen Formen der gotischen Minuskel. h ist mit einer unter die Zeile reichenden Unterlänge versehen; c besteht nur aus einer geraden Haste und einem Bogen oben, der untere Bogen fehlt; r ist mit einem caudaähnlichen Strich verziert, der den Minuskelbuchstaben in die Nähe eines kapitalen R stellt; e ist ähnlich dem r gehauen, im Unterschied zur r aber ohne Anstrich; l ist als gerade Haste mit Abschlußstrichen oben und unten ausgeführt. Das w in frowe ist in seinem ersten Abschnitt nach Art eines kapitalen V ausgeführt, an das sich ein rundbogiger zweiter Abschnitt anschließt. Insgesamt macht die Inschrift den Eindruck einer unregelmäßigen, laienhaft ausgeführten Schrift.

Die wenig fachmännische Ausführung der Schrift ist vor allem deshalb merkwürdig, weil der Besitzer des Hauses, Johann von Fargel, zu den „wohlhabendsten und angesehensten Bürgern Hamelns zählte“3). Die Familie Fargel stammt wahrscheinlich aus dem Ort Groß-Vargula bei Langensalza. Ein Johannes Fargel hat sich im Jahr 1505 an der Universität Wittenberg immatrukuliert und bis 1508 dort Rechtswissenschaften studiert4). Einen akademischen Grad hat er in Wittenberg nicht erworben. Die Gründe, warum sich Johann von Fargel gerade in Hameln niederließ, sind unbekannt. Er heiratete hier die verwitwete Tochter des Bürgermeisters Friedrich von Münster (1451–1499), Adelheid, mit der er das Anwesen in der Kupferschmiedestraße erwarb. Bünte, der das Haus offenbar noch kannte, beschrieb es als Steinbau „aus gewaltigen Quadern errichtet mit hohen gotischen Fensterbögen“ (S. 7). Diese Beschreibung, insbesondere die Erwähnung der gotischen Fensterbögen, legt nahe, daß das Haus älter als die Inschrift war, Johann von Fargel also nicht als Erbauer gelten kann. Aus seiner ersten Ehe mit der in der Inschrift genannten Adelheid von Münster ging eine Tochter hervor. Nach dem Tod der ersten Frau heiratete er Katharina Bulle. Aus dieser Ehe stammt ein Sohn mit Namen Johannes. Von 1527–1529 war Fargel Amtmann in Hannoversch-Münden, 1544 Amtsschreiber der Witwe Herzog Erichs I. von Braunschweig-Lüneburg. Seit 1540 bekleidete er das Amt eines Hofrichters am calenbergschen Vierzeitengericht, das er auch nach der Verlegung des Gerichts nach Pattensen bis 1559 behielt. In der Zeit von 1553–1557 war er Kanoniker am Stift St. Bonifatii5). In Hameln und Umgebung verfügte er über stattliche Besitztümer, unter anderem kam er durch den Tod seines kinderlosen Schwagers Friedrich von Münster im Jahr 1536 in Besitz eines erblichen Mannlehens von zwei Hufen Land im Osterfeld vor Hameln6). Zusätzlich zu seinem Landeigentum hatte er als Gläubiger Herzog Erichs I. das Schloß und 1540 das Dorf Hastenbeck als Pfandbesitz erhalten7). Im Jahr 1536 wurde die Präpositur in Wennigsen frei und Johann von Fargel vom Herzog als Nachfolger des Johann Leye bestimmt8). Fargel starb im Juni 15609).

Textkritischer Apparat

  1. fargel] farget Rothert, Mithoff.
  2. min(er)] Die Endung er ist unsicher, da sich die oberhalb des Worttrenners befindlichen Erhebungen nicht sicher als er-Kürzel deuten lassen.
  3. frowe alit] Frow catie Mithoff, Frow catrie Rothert, Meissel.
  4. fa(n) mo(n)str] fainostr Mithoff, Rothert, Meissel.
  5. hos] hof Rothert, Meissel.
  6. afgekof] Fehlerhaft für afgekoft (?); afgebot Mithoff, Rothert, Meissel, Bünte. Für die Lesung afgekof spricht die Beschreibung Büntes, die auf ältere gotische Bausubstanz hindeutet.
  7. Suck] Der Sinn bleibt dunkel, ick l Rothert.
  8. [....]] Reste von vier Buchstaben erkennbar.

Anmerkungen

  1. Rothert hat die Inschrift noch am Haus Kupferschmiedestr. 8 gesehen, vgl. Rothert, S. 26.
  2. Wappen nicht nachgewiesen.
  3. Bünte, S. 2b. – Die folgenen Angaben nach Bünte.
  4. Matrikel Wittenberg Bd. 1, S. 18.
  5. Vgl. Naß, Diss., S. 360.
  6. Bünte (S. 11) entnimmt dies der Akte HSTA Hannover, Hann. Cop. III, 99, fol. 271.
  7. Vgl. Bünte (S. 37), der in diesem Zusammenhang die Akten HSTA Hannover, Cal. Br. A., Des 22. XXXI. II. F, Nr. 1 und Hann. Des 27bM, Nr. 4303 ausgewertet hat.
  8. Vgl. Bünte, S. 36.
  9. (Wie Anm. 5).

Nachweise

  1. Rothert, S. 26.
  2. Mithoff, Kunstdenkmale, S. 59.
  3. Meissel, Inschriften, S. 7.
  4. Bünte, S. 7.
  5. Spanuth, Hamelner Gotik. In: Klüt 1949, S. 66 (Zeichnung).

Zitierhinweis:
DI 28, Hameln, Nr. 39 (Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di028g004k0003904.