Inschriftenkatalog: Die Inschriften der Stadt Halle an der Saale

Anhang 1: Die baugebundenen Inschriften des Stadtgottesackers

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Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 85 Anhang 1: Stadtgottesacker (2012)

A1, Nr. 19 Bogen 19 1560

Beschreibung

Epigramm (AA) und Bibelzitat (AB) in drei Textblöcken nebeneinander angeordnet; Initialen mit Steinmetzzeichen (B)1) und Stiftervermerk mit Sterbevermerk für Lorenz Gräfe (C). Im Bogenscheitel ein Medaillon mit Vollwappen. An den Bogenzwickeln Steinmetzzeichen.2)

DI 85, Nr. A1_019 - Bogen 19 - 1560

 SAW Leipzig, Inschriftenkommission (Markus Scholz) [1/2]

  1. AA

    MORITVRVS /QVIDQVID · ERIT · TA(N)DEMa) · MEA · SPES · ERIT · VNICA ·CH(RISTV)S /HVIC · VIVO · HVIC · MORIAR · CAETERA · CVRO · NICHIL3) //CHRISTVS / SIC · PRO · TE · MORIOR · REDIMENS · TIBI · MORTE · SALVTEM /NON · QVIA · TV · DIGNVS · SED · QVIA · MITIS · EGO4)

  2. AB

    PHILLIP : I : / CHRISTVS · IST · MEIN · LEBEN · / VND · STERBEN · IST · MEIN · GEWIN5)

  3. B

    N(ICKEL) // H(OFMAN)b)

  4. C

    ANNO . DOM(INI) . 15 . 60 . DEN . 5c) . IVLY . IST. IN . GOT . ENTSCHLAFFEN . DER . ERBARE . VND . WEISE [.] LORENTZ . GREFFE . WEINMEIST//ERd) // IST GEBORENN . IM . IAR . NACH . CHR(IST)I . GEBVRTe) . 1523 . DEN . 23 . IVLY . HAT [.] DISEN . 9 . SCHWIBBOGENN . IHME . [Z]V . EHREN . / IN . SEINEM . LETZTEN . WILL[E]N . ZV . BAVEN . VERORDNETT

Übersetzung:

AA Der dem Tod Verfallene: Was auch immer schließlich sein wird, Christus wird meine einzige Hoffnung sein. Für ihn lebe ich, für ihn will ich sterben, um das übrige sorge ich mich nicht. Christus: So sterbe ich für dich, indem ich im Tod für dich das Heil einlöse, nicht weil du (dessen) würdig bist, sondern weil ich gnädig bin.

Versmaß: Zwei elegische Distichen (AA).

Wappen:
Gräfe6)

Kommentar

Das Z ist zweistöckig und oben spitz. Die Buchstaben der ersten Zeile jedes Schriftblocks sind größer als die übrigen (5–5,3 cm). Als Kürzungszeichen stehen überschriebene Doppelstriche, als Worttrenner dienen Dreiecke auf der Grundlinie.

Die Form eines katechetischen Dialogs, in dem der Mensch vor Christus tritt, ist ungewöhnlich. Das erste Distichon hebt Christus als einzigen Heilsmittler heraus (SPES VNICA CHRISTVS) und schließt eine Rechtfertigung auf anderem Wege aus: CAETERA CVRO NICHIL. Die entscheidende Aussage aber, Rechtfertigung allein aus der Gnade Gottes, ist im zweiten Pentameter enthalten: NON QVIA TV DIGNVS SED QVIA MITIS EGO. Christus trägt in aller Deutlichkeit das von Luther postulierte Prinzip des „Sola gratia“ der reformatorischen Rechtfertigungslehre vor. Allein darauf gründe sich die Seligkeit der Verstorbenen. Es ist sicherlich nicht zu gewagt, in den aus verschiedenen Quellen zusammengestellten Versen auch eine Zurückweisung der altkirchlichen Werkgerechtigkeit, d. h. der vermeintlichen Heilsnotwendigkeit von Fürbitten und Bußleistungen, zu erkennen.

Den Bau des Bogens hat Lorenz Gräfe (1523–1560) offensichtlich testamentarisch verfügt. Gräfe war 1550 Talschöffe, 1556 und 1559 Oberbornmeister und seit 1557 Ratsverwandter gewesen.7)

Textkritischer Apparat

  1. TANDEM] Kürzungszeichen fehlt.
  2. Zwischen den Initialen ein Steinmetzzeichen.
  3. 5] Ein gespiegeltes Z.
  4. WEINMEISTER] Die beiden letzten Buchstaben auf den seitlichen Rand des Medaillons geschrieben.
  5. GEBVRT] Anstelle des R ursprünglich irrtümlich ein T eingehauen, das dann umgearbeitet wurde.

Anmerkungen

  1. Siehe Anhang 2, Nr. 14.
  2. Ebd., Nr. 15, 31, 32.
  3. Nach einem Epigramm des Johannes Stigel; Stigel 1566, fol. N8r.
  4. Der Pentameter nach Ovid, Epistolae Heroidum 6, 148.
  5. Phl 1,21.
  6. Mühlstein; Hz.: wachsender Mann mit Mühlstein.
  7. StAH H B 2, S. 80, 82; ebd., fol. 83v, 85r, 86r; Dreyhaupt 1, 1749, Beylage A, S. 89; Hünicken 12, 1936, S. 68.

Zitierhinweis:
DI 85 Anhang 1, Stadtgottesacker, A1, Nr. 19 (Franz Jäger), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di085l004a1001901.