Inschriftenkatalog: Die Inschriften der Stadt Halle an der Saale

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 85: Halle/Saale (2012)

Nr. 525 Moritzburg, sog. Talamt 2. V. 17. Jh.

Beschreibung

Fünf farbige Tafelbilder mit Personifikationen der fünf Sinne als Teile einer Wandverkleidung aus Holz, die sich bis zum Abbruch des historischen Talhauses 1882 im sogenannten Festzimmer desselben befand und beim Bau des neuen, Talamt genannten Museumsgebäudes 1903/04 in einen eigens dafür konzipierten Raum eingebaut wurde.1) Im fünfseitigen Erker dieses Raumes Paneele, in die die Tafelbilder eingefügt sind. Auf separierten Inschriftfeldern an den unteren Rändern der Gemälde Bildbeischriften aufgemalt.2)

Maße: H.: 76–76,5 cm (Gemälde); B.: 43–44 cm, 52,5 cm (Gemälde); Bu.: 3–3,5 cm.

Schriftart(en): Kapitalis.

DI 85, Nr. 525 - Moritzburg, sog. Talamt - 2. V. 17. Jh.

 SAW Leipzig, Inschriftenkommission (Markus Scholz) [1/1]

  1. AUDITUS. // OLFACTUS. // VISUS. // GUSTUS. // TACTUS.

Übersetzung:

Das Gehör. Der Geruchssinn. Der Gesichtssinn. Der Geschmackssinn. Der Tastsinn.

Kommentar

Die regelmäßig ausgeführten Buchstaben zeigen Haar- und Schattenstriche, Linksschrägenverstärkung und Bogenschwellung sowie markante, zumeist nur aus einem Pinselstrich gebildete und an Balkenenden oft schrägrechts verlaufende Sporen. Die Cauda des G ist eingestellt. Hervorzuheben ist die Verwendung von unzialem U und kapitalem V. Da sich die durch Lautung begründete Unterscheidung beider Buchstaben in anderen erhaltenen Kapitalisinschriften seit den 1620er Jahren nachweisen läßt (vgl. Nr. 411, 491, 506, 507), gibt die Schreibung einen Hinweis auf die Datierung der Gemälde. Die Erkerverkleidung könnte im Anschluß an die übrige Raumausstattung entstanden sein, die 1607 oder 1616 geschaffen worden sein soll.3) Diese umfaßt noch Wandgemälde, aufwendige Türrahmungen und eine kunstvolle Kassettendecke mit Deckengemälden. Die gemalte, aus der Beschlagwerkornamentik abgeleitete Dekoration der Bilderrahmen, die in vergleichbarer Form auf zwei Epitaphien aus dem Jahr 1642 erscheint (Nr. 493, 495), weitet allerdings den Datierungsrahmen zur Jahrhundertmitte hin aus.

Darstellungen der fünf Sinne erlangten schon seit der zweiten Hälfte des 16. Jh. weiteste Verbreitung und sind auch in der bildkünstlerischen Architekturdekoration und in Raumausstattungen anzutreffen. So wie bildende Künstler Tischgesellschaften oft als Allegorie der fünf Sinne darstellten,4) so wird umgekehrt eine genußfreudige Festgesellschaft die weiblichen Personifikationen als Gleichnis ihres sinnlichen Erlebens wahrgenommen haben. Als Ort regelmäßig wiederkehrender Festakte und festlicher Mahlzeiten ist das Talhaus mehrfach bezeugt.5)

Anmerkungen

  1. Zum Abbruch und Auslagerung der Raumausstattung s. Gründig/Dräger 1997, S. 20, 29 f.; Meißner 2011.
  2. Die Inschriften sind hier von links nach rechts wiedergegeben.
  3. Olearius 1667, S. 32, 362 erwähnt eine Erneuerung und Erweiterung des Gebäudes in diesen Jahren. Die Jahresangaben bei Vogel 1932, S. 5, 1606 und 1617, sind vermutlich auf einen Abschreibefehler zurückzuführen. Zur Baugeschichte des Talhauses s. auch Nr. 172, 291.
  4. LdK 6, 1996, S. 683 f.
  5. Dreyhaupt 1, 1749, Beylage A, S. 82 (Amtseinführung des Salzgrafen), 98 (ein Festmahl 1662); BKD Prov. Sachsen NF 1, S. 412 (Kaffeegesellschaften der Pfänner).

Zitierhinweis:
DI 85, Halle/Saale, Nr. 525 (Franz Jäger), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di085l004k0052505.