Inschriftenkatalog: Die Inschriften der Stadt Halle an der Saale

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 85: Halle/Saale (2012)

Nr. 507 Stadtgottesacker (1646)

Beschreibung

Epitaph aus Sandstein für Margareta Krause mit Weiheformel (A) und Grabbezeugung (A, B), biographischen Angaben (B), Stiftervermerk (C), heute in den Boden der Bogenkammer 83 eingesenkt. Auf einem querrechteckigen, schlichten Sockel mit religiöser Spruchdichtung (D) und Initialen in der untersten rechten Ecke des Sockels (E) ein Aufbau, der zwei übereinandergesetzte, mit großflächigem, lappigen Knorpelwerk gerahmte Inschriftkartuschen umschließt (B, C). Eine Maske verklammert beide Kartuschenrahmen. An den Ecken des Reliefs vier Vollwappen. Beide Teile heute in ursprünglicher Anordnung im Boden liegend. Ein zugehöriger Aufsatz in Form einer ebenfalls mit Knorpelwerk eingefaßten Inschriftkartusche (A) an anderer Stelle in den Boden eingelassen. Über A und B Engelsköpfchen. Sockel und Aufsatz partiell verwittert.

D ergänzt nach Olearius.

Maße: H.: 291,5 cm (alle Teile); B.: 104 cm (Sockel), 99 cm (Hauptteil), 100 cm (Aufsatz); Bu.: 2,2–3,8 cm (A, B), 3 cm (C), 2,5 cm (D).

Schriftart(en): Kapitalis (A, C, E), kursive Kapitalis (B), Fraktur (D).

DI 85, Nr. 507 - Stadtgottesacker - (1646)

 SAW Leipzig, Inschriftenkommission (Markus Scholz) [1/1]

  1. A

    C(HRISTO) R(EDEMPTORI) S(ACRUM) / MARG[A]RITA CAESAREA, / PATRE / CHRISTOPHORO CAESARE, / MATRE / MARG(ARITA) MA[TT]HIAE KELLERIA SEXHa) F(ILIA) / ORIU[NDA] / AUGUS[T]INI CRUSII / UXOR ET VIDUA / RESURR[E]CTIONEM HEIC E[X]/SPECTAT

  2. B

    CAESARIS HEIC RECU=/BAT NATA ET KELLERIA, NATA / MARGARIS, UT TERQVINA, ANNOS / POST SESQVI - ROTATOS - / MILLE, RECURRERUNT LUSTRA.b) AT DUM / SECULA DENA / SEXTAQUE DECEDUNT, UNIIT SIBI / CRUSIUS ISTAM / AUGUSTINUS; ET HANC, ANNO QVA=/TUORQVE PERACTIS / IN THALAMO LUSTRIS, SUBOLEM SENAM/QVE PRAEIVIT; / PRAEMISSA AD SUPEROS, CHRISTO / REVOCANTE, QVATERNA. / ELUCTIS QVATUOR LUCTUI BI=/NISQVE RELICTIS, / QVINA VBI LVSTRA ABIERE / [POL]VM VIDVATA SVBIVIT

  3. C

    MATRI DESIDERATISSMAE, / QUAE SUIS HOC UNO GRAVIS, / QUOD VEL SENIO DEFESSA / IMMATURE DECEDERET / AFFECTUS ETAE=/TERNIT(ATIS) MEMORES / P(ONI) C(URAVERUNT) / LIBERI SUPERSTITES

  4. D

    [Weil Fr]omc) und Ehrlich leben /[Den Tod] auch untergeben; /[So bleibet] e[s] darbeyd) /[Daß a]lles sterblich sey.e)

  5. E

    f(ecit) CSRf)

Übersetzung:

A Christus, dem Erlöser, geweiht. Margareta Caesar, die vom Vater Christoph Caesar, der Mutter Margareta Keller, der Tochter des Matthias, als sechste Tochter abstammende Ehefrau und Witwe des Augustin Krause erwartet hier die Auferstehung.

B Hier ruht eine Tochter Caesars und eine Keller, als Margareta geboren, als dreimal fünf Lustren nach dem Kreislauf von anderthalb tausend Jahren verronnen waren. Und als zehn und ein sechstes Jahrhundert verflossen waren, vereinte sich mit ihr Augustin Krause. Er aber ging dieser und seiner sechsköpfigen Nachkommenschaft, als ein Jahr und vier Lustren im Ehestand verstrichen waren, voran. Vier von den Kindern wurden vorausgeschickt, weil Christus sie zurückrief. Als die vier ausreichend betrauert und zwei zurückgelassen worden waren, stieg die Verwitwete, sobald fünf Lustren vorüber waren, zum Himmel empor.

C Der sehr vermißten Mutter, die den Ihrigen allein dadurch Sorge bereitete, daß sie – vielleicht vom Alter verzehrt – vor der Zeit dahinginge, haben die hinterbliebenen Kinder eingedenk (ihrer) Liebe und der Ewigkeit (dieses) setzen lassen.

E (Das) fertigte CSR.

Versmaß: Neun Hexameter (B), vier Reimverse (D).

Wappen:
Krause1) Keller2)
Kost (?)3) Bauße4)

Kommentar

Die Inschriften sind sehr sorgfältig eingehauen. Die kursiven Kapitalis-Buchstaben haben geschwungene Schäfte und T-Balken sowie gebogene oder eingerollte Schaft- und Bogenenden. Das E ist nicht kapital, sondern zweibogig ausgeführt. Die Satzzeichen sind nicht immer sicher bestimmbar; Kürzungen erfolgten durch Punkte auf der Grundlinie.

In den Inschriften A und B sind die Versalien sämtlicher Namen sowie die Versalien weiterer, hier durch Anmerkungen gekennzeichneter Worte überhöht. In B sind außerdem fast alle Zeilenanfänge und alle als römische Zahlzeichen in Frage kommenden Buchstaben des letzten Hexameters überhöht. Diese Buchstaben bilden ein Chronostichon der Jahreszahl 1646. Die Namen sind in B zudem in größerem Schriftgrad als alle übrigen Worte geschrieben. Die Buchstabengröße aber reduziert sich allmählich von oben nach unten.

Inschrift D gehört in den Kreis der Sterbedichtung oder des Memento mori und hatte allem Anschein nach in verschiedenen Varianten Verbreitung gefunden.5)

Der Vater Margaretas, Magister Christoph Caesar (1540–1604), stammte aus Eylau in Ostpreußen, studierte in Wittenberg und wirkte seit 1564 an der Leipziger Universität. Von dort berief ihn der hallische Stadtrat 1572 als Konrektor des Stadtgymnasiums, dem er seit 1582 (oder 1583) als Rektor vorstand. Er sorgte sich um die Überarbeitung der Schulordnung und veröffentlichte erstmals sogenannte Schulprogramme mit einer Übersicht des Lehrstoffs.6) Seine Tochter Margareta (1575–1646) heiratete 1600 den Ratsverwandten Augustin Krause, einen Sohn von Augustin Krause d. Ä. und Martha Kost, der 1621 starb. Die Leichenbegängnisse ihrer Söhne Christoph (s. Nr. 455), Joachim und Augustin gehörten wahrscheinlich zu jenen QVATUOR, die Margareta noch vor ihrem eigenen Tod betrauern mußte (B). Nach Johann Christoph von Dreyhaupt lebten nur ein Sohn und eine Tochter länger als die Mutter.7)

Das Epitaph ist eine qualitätvolle Bildhauerarbeit, deren Schöpfer (s. E) noch anonym ist.

Textkritischer Apparat

  1. SEXH] Sic! Wohl für SEXTA. Der erste Buchstabe überhöht.
  2. LUSTRA.] Der erste Buchstabe überhöht.
  3. From] In Analogie zu Ehrlich mit einem Großbuchstaben als Versal geschrieben.
  4. darbey] Über dem letzten Buchstaben zwei Punkte. Danach zwei versetzte Quadrangel mit je einem geschwungenen Zierstrich.
  5. sey] Über dem letzten Buchstaben zwei Punkte. Danach vielleicht ein Punkt.
  6. CSR] Die Reihenfolge der miteinander verschränkten Initialen nicht gesichert. R erheblich größer als die anderen beiden Buchstaben.

Anmerkungen

  1. Dreyhaupt 2, 1750, Beylage B, Taf. XXVII.
  2. Gespalten; vorn ein Löwe, ein Schwert haltend, hinten ein halber Adler; Hz.: offener Flug mit wachsendem Löwen, ein Schwert haltend.
  3. Sparren, begleitet von drei bestielten Tulpen; Hz.: Büffelhörner. Nicht mit dem bei Dreyhaupt 2, 1750, Beylage B, Taf. XXVII abgebildeten Wappen der Familie Kost identisch.
  4. Dreyhaupt 2, 1750, Beylage 2, Taf. XXVI; dort „Bausse“ genannt.
  5. Vgl. z. B. Michaelis 1714, S. 369, eine Grabinschrift in der alten Dresdner Frauenkirche, die außerdem eine Variante jener vierzeiligen Reimdichtung bietet, die auf dem Epitaph für Christoph Krause geschrieben steht; vgl. Nr. 455B.
  6. Olearius 1667, S. 91; Mittag 2, 1747, S. 19–21; Dreyhaupt 2, 1750, S. 197 f., 599 f.; Eckstein 1850, S. 6 f.
  7. Die BINI RELICTI der Inschrift B? Vgl. Dreyhaupt 2, 1750, Beylage B, S. 80 („Geschlechts-Register derer Krausen“); dort nur fünf ihrer sechs Kinder verzeichnet.

Nachweise

  1. MBH Ms 319, 2, o. S. (Nr. 82 A, B unvollständig, D).
  2. Olearius 1674, S. 92 f. (A–D).

Zitierhinweis:
DI 85, Halle/Saale, Nr. 507 (Franz Jäger), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di085l004k0050707.