Inschriftenkatalog: Die Inschriften der Stadt Halle an der Saale

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 85: Halle/Saale (2012)

Nr. 273 Stiftung Moritzburg/Stadtgottesacker 1591

Beschreibung

Grabplatte aus Sandstein für Joachim Büttner, ehemals auf dem Stadtgottesacker in der Bogenkammer 73, seit 1911 unter den Ostarkaden der Moritzburg aufgestellt.1) Am alten Standort war das Grabmal „mit Thüren verwahret“, auf denen Bibelverse standen (B, C).2) Deren Schriftform und Art der Ausführung sind nicht bekannt. Die Grabplatte umläuft eine erhöhte Schriftzeile mit Sterbevermerk und Segenswunsch (A). Im reliefierten Binnenfeld eine flache Muschelnische mit verzierter Bogeneinfassung: Sockel mit Beschlagwerk und Masken, darauf Hermenpilaster; in den Bogenzwickeln Engelsflüchten. Der Verstorbene, ein Mann reiferen Alters mit gepflegtem Vollbart, trägt spanische Hoftracht mit kurzem Mantel und Halskrause und hat seine Hände im Gebetsgestus aneinandergelegt. Bei seinem rechten Fuß ein Vollwappen. Die Platte samt eingehauener Inschrift restauriert.

B nach Olearius.

Maße: H.: 195,5 cm; B.: 98 cm; Bu.: 4 cm.

Schriftart(en): Kapitalis.

DI 85, Nr. 273 - Stiftung Moritzburg/Stadtgottesacker - 1591

 SAW Leipzig, Inschriftenkommission (Markus Scholz) [1/1]

  1. A

    A(NN)O 1591 · 19a) · [- - -]b) CIRCA · XI · NOCTIS / HONEST(VS) ET DOCT(VS)c) VIR · IOACHIM(VS) · BVTNER · PHARMACOBOE(VS)d) I(VRIS) C(ONSVL)T[V](S) LETALI(TER) · A · / [P]HILIP(PO) · BV[C]HA[MER]e) [VV]LNERAT(VS) · STATIMf) / IN C(HRIS)TO OBYT · DE(VS) IPS[E L]AETA(M) RESVRRECTIONE(M) (ET)g) VITA(M)AETERNA(M) CO(N)CEDETh) ·

  2. B †

    Rom. 14. Unser keiner lebt ihm etc.3)

  3. C †

    Rom. 8. Ich bin gewis etc.4)

Übersetzung:

A Im Jahr 1591, am 19. (November?) etwa um 11 (Uhr) nachts, wurde der ehrsame und gelehrte Mann Joachim Büttner, Apotheker und Rechtsgelehrter, von Philipp Buchhammer tödlich verwundet und starb sogleich in Christus. Gott selbst wird eine fröhliche Auferstehung und das ewige Leben schenken.

Wappen:
Büttner5)

Kommentar

Haar- und Schattenstriche der Buchstaben sind nur angedeutet, die Bögen weisen eine schwache Schwellung auf. An den Schaftenden ist eine deutliche Neigung zur Serifenbildung zu verzeichnen; an einzelnen Bogen- (C) und mehreren Balkenenden (E, T) setzen weit ausgezogene Sporen an. Die Bögen des B sowie Bogen und Cauda des R setzen getrennt voneinander am Schaft an und sind ein Stück parallel geführt, bevor sie sich auseinanderbiegen. Die quadrangelförmigen Satzzeichen stehen meist in der unteren Hälfte der Schriftzeile oder auf der Grundlinie.

Über Joachim Büttner ist gegenwärtig kaum mehr bekannt, als seine Grabinschrift überliefert.6) Die Tat geschah am Abend auf dem Markt, und der Täter, Dr. Philipp Buchhammer, wurde nach Gefängnishaft für zehn Jahre der Stadt verwiesen. Er starb 1603 außerhalb von Halle und wurde auf dem Stadtgottesacker beigesetzt. Der Eintrag im Totenregister der Marktkirche läßt nicht erkennen, ob er noch in der Verbannung lebte.7) Nach anderer Überlieferung soll Buchhammer 1603 von einem Joachim Büttner getötet worden sein,8) der ein Sohn desjenigen gewesen sein könnte, dem das Grabmal gewidmet ist. Auf diesen sind sicherlich die Nachrichten zu beziehen, die Erich Neuß gesammelt hat: Joachim Büttner habe 1589 als Bürgersohn das hallische Bürgerrecht erhalten, Anna, die Witwe Thomas Strobergers, geheiratet und die Ratsapotheke übernommen (s. Nr. 258).

Die Berufsbezeichnung „Pharmacopoeus“ soll aus den griechischen Worten ϕάρμακον, das Heilmittel, die Arznei, und ποιέω, etwas machen, gebildet worden sein9) und – wahrscheinlich – den Verstorbenen als Gelehrten würdigen. Denn die „Pharmacopaea“ war „die Lehre oder Beschreibung aller Artzneyen, welche in den Apothecken gehalten werden, die Kranckheiten zu beheben“.10)

Textkritischer Apparat

  1. 19] Darüber Kürzungsstrich?
  2. [- - -] Befund nach Restaurierung: 2 · Ursprünglich stand jedoch, wie noch erkennbar, ein Buchstabe oder eine Zahl mit geschlossener Bogenlinie bzw. eingerolltem unteren Bogenende (= 9 für Novem[ bris]?). Nov. Olearius, Städtisches Museum.
  3. ET DOCTVS] D. Doctor Städtisches Museum.
  4. PHARMACOBOEVS] Sic! Für PHARMACOPOEVS.
  5. BVCHAMER] Auf der unteren Zeilenhälfte noch Fragmente der letzten drei Buchstaben erkennbar.
  6. STATIM] statim piè Olearius, Städtisches Museum.
  7. ET] Befund: et-Ligatur.
  8. CONCEDET] T in kleinerem Schriftgrad geschrieben. concedat Olearius, Städtisches Museum.

Anmerkungen

  1. Olearius 1674, S. 80; Städtisches Museum 1911, S. 13.
  2. Olearius 1674, S. 80.
  3. Rö 14,7–8 nach Luther; vgl. Volz 1972, S. 2291.
  4. Rö 8,38–39.
  5. Geteilt: oben gekreuzte Schlegel (?), darüber und darunter je ein fünfstrahliger Stern; unten dreifach gespalten.
  6. Vgl. Mehlow/Richter 2000. Außerdem war J. Büttner 1590 Talschöffe; StAH H B 2, fol. 93v.
  7. Mehlow/Richter 2000, S. 88.
  8. Olearius 1667, S. 325 f. Zu Ph. Buchhammer s. Dreyhaupt 2, 1750, Beylage B, S. 24 („Geschlechts-Register der Buchhammer“); zum mutmaßlichen Vater Ph. Buchhammers s. Nr. 202.
  9. Zedler 27, 1741, Sp. 1760; vgl. ebd. 2, 1732, Sp. 928.
  10. Ebd. 27, 1741, Sp. 1759 f.

Nachweise

  1. Olearius 1674, S. 80 f.
  2. Städtisches Museum 1911, S. 13 (mit Abb.).
  3. Mehlow/Richter 2000, S. 85 (Anm. 15: A).

Zitierhinweis:
DI 85, Halle/Saale, Nr. 273 (Franz Jäger), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di085l004k0027306.