Inschriftenkatalog: Die Inschriften der Stadt Halle an der Saale

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 85: Halle/Saale (2012)

Nr. 266 Marktkirche (1589–1593)

Beschreibung

Rahmen eines Gemäldes mit bogenförmigem Abschluß, geschnitzt und farbig gefaßt, den gesamten oberen Bereich der Ostwand des Mittelschiffs einnehmend (H.: ca. 1000 cm; B.: ca. 1200 cm). Am prächtigen Rahmen eine vielgestaltige plastische Dekoration, insbesondere aus Roll- und Beschlagwerk. Zwei Säulen tragen den oberen bogenförmigen Rahmenteil, in dessen Scheitel ein Vollwappen angebracht ist. Über den Säulen sind zwei weitere Vollwappen plaziert. Dem unteren horizontalen Rahmenteil ist eine breite und tiefe Voute unterlegt, die den Abstand zu der etwas zurückstehenden Stirnwand des Mittelschiffs überbrückt. Darauf zwei abgesetzte gerahmte Felder, auf denen je ein gerahmtes Inschriftfeld mit Bibelzitaten steht (A, B). Die Rahmen der Inschriftfelder mit Roll- und Beschlagwerk sowie Buckeln verziert; die Inschriften erhaben.

Maße: H.: 20 cm; B.: 129,5 cm (Schriftfeld von A), 126 cm (Schriftfeld von B); Bu.: 6–6,5 cm, 7 cm (Versalien).

Schriftart(en): Kapitalis.

DI 85, Nr. 266 - Marktkirche - (1589–1593)

 SAW Leipzig, Inschriftenkommission (Markus Scholz) [1/1]

  1. A

    ESAa) LXb) HEBEc) DEINE AVGEN AVF VND SIHEd) VMB/HER DIESEe) ALLE VERSAMLET KOMEN ZV DIR1)

  2. B

    DEVTf) 32 · FREVTg) EVCH IR HEIDNh) MITi) SEIM VOLCKj)2) / MATTHk) 28 · GEHETl) HIN VND LERET ALLE HEIDNm)3)

Wappen:
Stadt Halle4)
Drachstedt5)Barth6)

Kommentar

Die Schäfte der unregelmäßig gebildeten Buchstaben berühren oft einander, ohne aber – bis auf drei Ausnahmen – Nexus litterarum zu bilden. Der K-Buchstabe hat gerade, aber auch geschwungene bzw. gebogene Schrägschäfte, das M zeichnet sowohl gerade als auch schräge Schäfte aus. Auf dem Schrägschaft des Z liegt ein Mittelbalken. Die Buchstaben weisen eine gleichmäßige Strichstärke und keilförmige Sporen auf. Als Worttrenner stehen Quadrangel.

Obwohl die Bibelzitate wörtlich der Lutherschen Bibelübersetzung entnommen sind, wurde in Mt 28,19 (B) nicht das von Luther verwendete „Völcker“, sondern eine andere Übersetzung des lateinischen „gentes“ gewählt, die der intendierten Aussage des biblischen Textes näher steht und zugleich den unmittelbaren gedanklichen Anschluß an das voranstehende Zitat herstellt. Die Hervorhebung von Anfangsbuchstaben in den ersten beiden Bibelzitaten entspricht zumeist auch der Lutherschen Bibelausgabe von 1545.

Das in Öl auf Leinwand ausgeführte Gemälde stellt Szenen der Apostelgeschichte dar.7) Im Vordergrund ist die letzte Weisung Jesu Christi an die Apostel zu sehen (Apg 1,8), die den früher erteilten Aussendungsbefehl bekräftigt, u. a. Mt 28,19: GEHET HIN VND LERET ALLE HEIDN „VND TEUFFET SIE IM NAMEN DES VATERS VND DES SONS VND DES HEILIGEN GEISTS“. Und das ist auf dem Bild dargestellt. Im ersten Obergeschoß eines Gebäudes am rechten Bildrand geschieht das Pfingstwunder, das die Jünger mit allen Sprachen begabt und zur Mission befähigt (Apg 2,1–13). Die erste erfolgreiche Predigt Petri, die Pfingstpredigt in Jerusalem (Apg 2,14–47), ist in der Bildmitte zwischen dem Haus am rechten Bildrand und der Ruine in der linken Bildhälfte dargestellt. Vor dem Prediger, der auf einem hohen Podium steht, hat sich eine Zuhörerschar versammelt; selbst in einer Nische der gegenüberstehenden Ruine haben Leute Platz genommen.8) Aus der Ferne (dem Hintergrund) kommen noch mehr, teils berittene Leute hinzu, um Petrus zu hören. Im Bild erfüllt sich, was bei Jesaja 60,3–4 geschrieben steht: „VND die Heiden werden in deinem Liecht wandeln vnd die Könige im Glantz, der vber dir auffgehet. (...)“ DIESE ALLE VERSAMLET KOMEN ZV DIR. Die alttestamentliche Prophezeiung bezieht sich auf Zion als den mythischen Ort, an dem Gläubige jeglicher Abkunft in Erwartung des nahenden Messias zusammenkommen werden.9) An dessen Stelle tritt das neutestamentliche Jerusalem, wo die Prophezeiung Jesajas durch das Wirken Jesu und seiner Jünger erfüllt wird.

Am rechten Bildrand, unter dem Pfingstbild ist zu sehen, wie Petrus und Johannes einen Gelähmten heilen und damit das erste Wunder im Namen Jesu Christi vollbringen (Apg 3,1–8). Es veranschaulicht die Kraft des heiligen Geistes, die Jesus seinen Jüngern für das Verkündigungswerk verheißen hat (Apg 1,8). Vergleichbare Wunderheilungen vollbringt Philippus in Samaria, „denn die unreinen Geister fuhren aus mit großem Geschrei aus vielen Besessenen“ (Apg 8,5–7). Im Untergeschoß einer Ruine hat sich eine Menschengruppe versammelt, in deren Mitte zwei Männer einen dritten, halbnackten halten. Zwischen ihm und einem Mann, der ihm entgegentritt und auf ihn weist, entfliegt ein kleiner Dämon, dessen Gestalt an eine Fledermaus erinnert.10) Im Vordergrund links unterweist und tauft Philippus den orientalischen Kämmerer, einen Heiden, im Namen Jesu Christi (Apg 8,26–40). In den Bildhintergrund entrückt ist die Bekehrung des Christenverfolgers Saulus (Apg 9,3–7), den ein vom himmlischen Herrscher ausgesandter Strahl zu Boden wirft. Das Beispiel demonstriert, daß die Kraft zur Heilung und Bekehrung von Gott selbst kommt.

Das Zitat aus dem Deuteronomium, FREVT EVCH IR HEIDN MIT SEIM VOLCK, beschwört die Sieghaftigkeit des Gottesvolks, die durch Jesu und seine Jünger Lebenswirklichkeit geworden ist. 5 Mo 32,43 (B) und Jes 60,4 (A) lassen sich wahrscheinlich am ehesten als alttestamentliche Komponenten einer Typologie verstehen, die ihre neutestamentliche Entsprechungen im Bild findet, wie oben beschrieben.11)

Durch die Auswahl der Hauptakteure scheint aber eine auf die zeitgenössische Kirche zielende Aussage beabsichtigt: Petrus erhielt unter den Aposteln eine Sonderstellung, indem ihn Jesus das Fundament der Gemeinde („ecclesia“) nannte und anwies, die Gemeinde zu führen, und ihm das geistliche Richteramt verlieh.12) Zudem war er der erste erfolgreiche Prediger der Lehre Jesu Christi. Alles das würde Petrus zum Prototyp des Pfarrers machen, neben dem der biblische Diakon Philippus als Prototyp des zeitgenössischen Diakons dargestellt sein könnte. Philippus – er ist nicht mit dem gleichnamigen Apostel zu verwechseln – gehörte nach dem hl. Stephanus zur Gruppe der ersten Gemeindediakone und war der Akteur der abgebildeten Episoden aus der Apostelgeschichte.13) Sein Wirken veranschaulicht die Verpflichtung des Diakons zur Katechese, wie sie in der hallischen Kirchenordnung von 1573 festgeschrieben ist. Den Diakonen oblag es, an Sonn- und Feiertagen den Katechismus Luthers zu lehren und die Kinder und Jugendlichen nach dem Katechismus zu examinieren.14) Außerdem scheint es so, als seien die hallischen Diakone auch zur Taufe berechtigt gewesen.15) Petrus und der Diakon Philippus verkörpern die von Gott der christlichen Gemeinde gestifteten Ämter und begründeten jene Tradition, in der nach eigenem Verständnis die Geistlichen der erneuerten evangelischen Kirche stehen.16)

Leider weiß man nichts über den Anlaß zur Ausführung des Gemäldes, aus dem sich eine vertiefende Deutung des Bildes ableiten ließe. Ob konfessionelle Auseinandersetzungen mit der reformierten Kirche den Anstoß gaben, wie Jutta Jahn vermutet,17) bedarf noch näherer Untersuchungen. Das Thema des Bildes und die Rahmeninschriften hat möglicherweise der Pfarrer der Marktkirche und Superintendent, der ehemalige Universitätstheologe Johannes Olearius, ausgewählt, der in den konfessionellen Auseinandersetzungen seiner Zeit sehr engagiert war (s. Nr. 421).

Der Maler des Bildes, Heinrich Lichtenfelser, soll aus Leipzig stammen und war seit 1585 wiederholt für die Marktkirche in Halle tätig gewesen. Bereits 1589 hatte er einen Abschlag auf das Gemälde erhalten, für das er 1593 abschließend entlohnt wurde. 1596 ist er gestorben.18) Hans (Johann) Drachstedt und Kaspar Barth, deren Wappen am Rahmen angebracht sind, waren von 1590 an Kirchväter der Marktkirche (s. Nr. 302, 388) und als solche für die Anfertigung und Anbringung des Gemäldes verantwortlich.

Die untere Rahmenleiste mit Voute ist hinter der auf der Ostempore stehenden sogenannten ReichelOrgel unterbrochen. Als das Gemälde Lichtenfelsers angebracht wurde, mußte dieser Platz für eine hier befindliche kleine Orgel ausgespart werden, die aber schon 1597 durch ein neues Instrument ersetzt wurde. 1663/64 errichtete der Hallenser Orgelbauer Georg Reichel an derselben Stelle die noch vorhandene Orgel.19)

Textkritischer Apparat

  1. ESA] Der erste Buchstabe überhöht; das S in den Raum zwischen E und A geschoben.
  2. LX] Der rechte Schrägschaft des X setzt auf dem Balken des L an. Der erste Buchstabe überhöht.
  3. HEBE] Der erste Buchstabe überhöht.
  4. SIHE] Der erste Buchstabe überhöht.
  5. DIESE] Der erste Buchstabe überhöht.
  6. DEVT] Das V in kleinerem Schriftgrad ausgeführt und zwischen E und T geschoben. Der erste Buchstabe überhöht.
  7. FREVT] Der erste Buchstabe überhöht.
  8. IR HEIDN] Die Versalien überhöht.
  9. MIT] Das I unter den Balken des T gestellt.
  10. VOLCK] Der erste Buchstabe überhöht.
  11. MATTH] Der erste Buchstabe überhöht.
  12. GEHET] Der erste Buchstabe überhöht.
  13. ALLE HEIDN] Die Versalien überhöht; kein Kürzungszeichen.

Anmerkungen

  1. Jes 60,4 nach Luther; vgl. Volz 1972, S. 1258.
  2. Rö 15,10 nach Luther; vgl. Volz 1972, S. 2293. Inschriftlich verwiesen wird aber auf die Parallelstelle 5 Mo 32,43, die im Brief des Apostels Paulus an die Römer zitiert ist.
  3. Mt 28,19.
  4. Siebmacher I, 4, Taf. 110.
  5. Dreyhaupt 2, 1750, Beylage B, Taf. XXVI; linksgewendet.
  6. Ebd., Taf. XXX.
  7. Einem Hinweis bei BKD Prov. Sachsen NF 1, S. 83 folgend, ordnete Jutta Jahn 2004 erstmals einzelne Bildszenen Episoden aus der Apostelgeschichte zu.
  8. Die Deutung von Jahn 2004, S. 34 und Brecht 2008, S. 128, daß es sich um die Darstellung einer Gerichtsszene aus der Apostelgeschichte handelt (Paulus vor Agrippa bzw. Stephanus vor dem Hohepriester), ist wenig wahrscheinlich. Trotz aller ikonographischen Vielfalt der Gerichtsdarstellungen ist ein Bildaufbau wie dieser, bei dem der Angeklagte als Einzelner stark erhöht und durch das Publikum vom Richter getrennt diesem gegenübersteht, kaum vorstellbar. Auf Gerichtsbildern ist der Standort des Angeklagten nicht in der abgebildeten Weise separiert; üblicherweise steht dieser auf einem niedrigeren oder dem niedrigsten Niveau des Bildraums dem sitzenden, gar erhöht sitzenden Richter unmittelbar gegenüber, wie es den realen Verhältnissen entsprach; zur Gerichtsikonographie des 15. bis 17. Jh. vgl. Troescher 1939, S. 169, 171 (Abb. 124 f.), 172 f. (Nr. 36 f.; Abb. 126), 175 (Abb. 128), 198 (Nr. 106), 201 f. (Nr. 113); Pleister/Schild 1988, S. 73 (Abb. 106), 141 (Abb. 212), 151–153 (Abb. 239–241), 156 (Abb. 244).
  9. Guthrie/Motyer 1992, S. 761.
  10. Jahn 2004, Brecht 2008 und Herrfurth 2009 haben die an sich typische Ikonographie der Heilung eines Besessenen nicht erkannt; zur Ikonographie im 17. Jh. vgl. Schmidt 1962, S. 477 (Abb. 395 f.).
  11. In ähnlichem Sinn hat erstmals Klaus Herrfurth 2009 versucht, die Inschriften zum Bildgeschehen in Beziehung zu setzen.
  12. Vgl. Wimmer/Melzer 2002, S. 654–656.
  13. Ebd., S. 673 f.
  14. Sehling I, 2, 1904, S. 438.
  15. „Diejenigen, so unser lieber gott im ehestand segnet, dass sie kindelein zur taufe zu bringen haben, sollen sie (...) in ihrer pfarr dem wöchentlichen diacono (...) anzeugen, und um die taufen ansuchen (...)“; ebd., S. 440.
  16. Es sei hier zumindest angedeutet, daß das ekklesiologische Thema des sogenannten Lünettengemäldes auch als Gegenentwurf zu dem vorreformatorischen Altarretabel der Marktkirche gedacht gewesen sein könnte, auf dem wahrscheinlich in Gestalt der Kirchenpatrone die tief gestaffelte Hierarchie des Erzbistums Magdeburg abgebildet ist, an dessen Spitze der Erzbischof und Kardinal Albrecht von Brandenburg steht (Nr. 127). Das Altarretabel hat vom 16. bis zum 19. Jh. auf dem Altar der Marktkirche gestanden (und steht heute wieder dort).
  17. Jahn 2004, S. 34–37; zu den konfessionellen Auseinandersetzungen im späten 16. Jh. s. Einleitung, S. XVII f. Dieser Hintergrund wird von Brecht 2008, S. 130 bezweifelt.
  18. Herrfurth 2009, S. 179 f. nach einem Manuskript Heinrich L. Nickels von 1993. Zur Datierung s. auch Olearius 1667, S. 327; siehe auch Nr. 295.
  19. Runowski 2004, S. 47 f., 51 f.

Nachweise

  1. Herrfurth 2009, S. 184 (A unvollständig, B).
  2. Rüger 2009, S. 17 f.

Zitierhinweis:
DI 85, Halle/Saale, Nr. 266 (Franz Jäger), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di085l004k0026601.