Inschriftenkatalog: Die Inschriften der Stadt Halle an der Saale

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 85: Halle/Saale (2012)

Nr. 201 Marktkirche 1571 (1647)

Beschreibung

Farbiges Tafelbild mit halbfigürlicher Darstellung des Superintendenten M. Sebastian Boëtius, in der Sakristei angebracht. Bärtiger Geistlicher im Talar, mit der rechten Hand ein Tuch haltend. Links und rechts über dessen Haupt Jahres- bzw. Altersangabe (A); die Altersangabe mit einer Namensbeischrift und einem Sterbevermerk übermalt (B) und daher nur noch partiell lesbar. Am unteren Bildrand ein grüner Balken (H.: 2,2 cm), wohl eine Tischplatte darstellend. Das Gemälde restauriert.1)

Maße: H.: 38,1 cm; B.: 25,4 cm;2) Bu.: 0,7–0,8 cm (A), 1–1,1 cm (B).

Schriftart(en): Kapitalis.

DI 85, Nr. 201 - Marktkirche - 1571 (1647)

 SAW Leipzig, Inschriftenkommission (Markus Scholz) [1/1]

  1. A

    ANNO 1571 AETATISa) [- - -]b)

  2. B

    M(AGISTER) SEBASTIANUS BOETIUS / o(bijt)c) 1573.

Übersetzung:

A Im Jahr 1571, des Alters (...).

B Magister Sebastian Boëtius starb 1573.

Kommentar

Die Buchstaben der Inschrift A weisen eine Rechtsschrägenverstärkung und strichförmige Sporen auf. Die Schriftform der Inschrift B entspricht der der jüngeren Pfarrerporträts in der Marktkirche (Nr. 510); sie ist wie diese erst 1647 entstanden.

Magister Sebastian Boëtius (1515–1573) kam 1547 noch unter Justus Jonas als Diakon an die Marktkirche und wurde 1548 Jonas’ Amtsnachfolger als Oberpfarrer der Marktkirche. Er tat viel zur Durchsetzung und Festigung der lutherischen Lehre, konnte aber erst 1552 zum Superintendenten von Halle berufen werden (s. Nr. 203). Sein Bildnis ist das mutmaßlich älteste eines Porträtzyklus, der die hallischen Superintendenten vom ersten, Justus Jonas, an (Nr. 211, 510) bis zum 20. Jh. abbildet und der nachweislich seit 1647 in der Sakristei der Marktkirche aufbewahrt wird.3) Dem Gemälde wurden vermutlich im späten 16. Jh. die vergleichsweise schematischen Bildnisse der Erzreformatoren Luther und Melanchthon vorangestellt.4) Der Schöpfer des ausdrucksstarken Boëtius-Porträts ist unbekannt.

Das Tuch in Boëtius’ Hand ist vielleicht eines der Tücher, die schon in der vorreformatorischen Liturgie in Gebrauch waren (Corporale, Palla oder Velum) und noch bei der evangelischen Abendmahlsfeier gebraucht wurden.5) Dazu gehörten sogenannte Vorhaltetüchlein, die nachweislich auch in Halle bei Darreichung der Abendmahlselemente Verwendung fanden.6) Das Tuch könnte einen Hinweis geben auf Boëtius’ Haltung im sogenannten Abendmahlsstreit, der im Jahr 157– als das Bildnis gemalt wurde – mit einer Stellungnahme des hallischen Superintendenten gegen den neuen Katechismus der Wittenberger theologischen Fakultät zugespitzt wurde. Boëtius polemisierte u. a. gegen vermeintlich calvinistische Tendenzen im Abendmahlsverständnis, die das lutherische Dogma von der Realpräsenz Christi im Abendmahl in Frage stellten.7) Durch Vorweisen eines der Tücher, die den sakramentalen Leib Christi vor Verunreinigung schützen sollten, bekennt er sich zur Abendmahlslehre Luthers.

Textkritischer Apparat

  1. AETATIS] Großer Abstand zum Voranstehenden.
  2. [- - -] Als erstes Zeichen vielleicht das S von SVAE (vgl. Nr. 211) oder eine 5.
  3. obijt] Das o ist kleiner als die übrigen Buchstaben und wird deshalb als Gemeine ediert. Schreibung in Anlehnung an Nr. 211 C.

Anmerkungen

  1. Zuletzt wahrscheinlich 1952; Rüger 1983, S. 280 (Anm. 47).
  2. Vermessen wurde die Rückseite des Bildträgers.
  3. Olearius 1667, S. 433.
  4. Die beiden Gemälde allerdings im Katalog Halle 1996, S. 29 (Nr. 30 f.) in die Mitte des 16. Jh. datiert.
  5. Freundlicher Hinweis von Dr. Ruth Slenczka, Berlin/Glienicke. Vgl. Beck 1906, S. 8; Goldammer 1960, S. 37.
  6. Dreyhaupt 1, 1749, S. 1106 (1669); Knuth 1891, S. 49 (Georgenkirche in Halle-Glaucha, 17. Jh.).
  7. Vgl. Hund 2006, S. 223–227. Boëtius’ Schrift wurde noch 1571 als Stellungnahme der hallischen Pfarrerschaft gedruckt.

Nachweise

  1. Jäger 2011b, S. 195.

Zitierhinweis:
DI 85, Halle/Saale, Nr. 201 (Franz Jäger), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di085l004k0020100.