Inschriftenkatalog: Die Inschriften der Stadt Halle an der Saale

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 85: Halle/Saale (2012)

Nr. 192 Marienbibliothek 2. D. 16. Jh.

Beschreibung

Drei porträthafte Brustbilder der Erzbischöfe von Magdeburg, Öl auf Leinwand, 1681 (oder kurz zuvor) aus dem Rathaus übernommen, mehrfach restauriert.1) Die vermutlich nachgedunkelten Gemälde jetzt auf verschiedenartige hölzerne Träger aufgezogen und in unterschiedlicher Weise gerahmt. Neben den in Halbprofil wiedergegebenen Häuptern der Dargestellten Namensbeischriften auf gemalten Zetteln. Die Erzbischöfe tragen verschiedenartige kostbare Kleidung und sind nur an ihren roten Biretten als geistliche Dignitäre erkennbar.

Maße: H.: 50–52,5 cm; B.: 50,5–52 cm;2) Bu.: 0,2–0,4 cm.

Schriftart(en): Schreibschrift.

DI 85, Nr. 192 - Marienbibliothek - 2. D. 16. Jh.

 SAW Leipzig, Inschriftenkommission (Markus Scholz) [1/3]

  1. A

    V(on) [- - -]a) Ernestus / Ertzbischoff zu Magde=/burg Hertzog [- - -] / Sachsen

  2. B

    V(on) G(ottes) G(naden)b) Albertus Cardinal und / Legat zu Rom Ertzbischoff und Chur=/fürst zu Meintz Ertzbischoff zu Magde=/burgk Administrator des Stiffts Halber=/stadt Marggraff zu Brandenburgk

  3. C

    V(on) G(ottes) G(naden)c) Friederich / Ertzbischoff zu Magde=/burgkd) Marggraff zu / Brandenburgk

Kommentar

Einzelne Versalien weisen Zierbögen auf. Worttrenner und Satzzeichen sind nicht mehr zweifelsfrei zu erkennen. Das Formular entspricht dem auf der großen Wappentafel Erzbischof Johann Albrechts von Brandenburg, die nach seinem Tod in der Moritzburg angebracht wurde (Nr. 156).

Die Gemälde zeigen die Erzbischöfe von Magdeburg und Stadtherren von Halle Ernst von Sachsen (1476–1513), Kardinal Albrecht von Brandenburg (1513–1545) und Friedrich von Brandenburg (1550–1552).3) Obwohl die Bildnisse geringfügige Unterschiede aufweisen – das Porträt Ernsts wirkt schematischer als die übrigen – und die Inschriften unterschiedlich plaziert sind,4) handelt es sich wahrscheinlich um Werke ein und desselben Meisters. Seine Bildnisse zeichnet eine hohe Porträtähnlichkeit aus. Physiognomische Charakteristika Albrechts wie die lange, etwas bucklige Nase und das kräftige Kinn sind gut herausgearbeitet. Albrecht ist grauhaarig und in fortgeschrittenem Alter, der im zweiundzwanzigsten Lebensjahr verstorbene Friedrich dagegen als rundgesichtiger Jüngling abgebildet. Die geringere Qualität des Ernst-Porträts ist möglicherweise dem Umstand geschuldet, daß es sich um ein postumes und vermutlich auch fiktives Bildnis handelt. Befremdlich wirkt sein stutzerhafter Oberlippenbart, der eher der Bartmode des 17. Jh. entspricht. Der Bart ist vielleicht das Ergebnis einer fehlerhaften Restaurierung, denn ein vergleichbares Bildnis Ernsts ist bislang nicht bekannt.5)

Ausschlaggebend für die Datierung der Gemälde sind der Bildtypus und modische Details der Kleidung. Das Bildnis des berühmten Kardinals läßt sich einer Gruppe ikonographisch vergleichbarer Porträts der Cranach-Werkstatt von gleichen oder noch kleineren Abmessungen zuordnen, auch wenn diese Albrecht als vergleichsweise jüngeren Mann abbilden. Auf Bildern in St. Petersburg (1526) und Mainz (um 1530) trägt er wie auf dem Gemälde in Halle ein Wams, eine pelzgesäumte Schaube und ein rotes Birett; nur die Hemden bzw. die hochschließenden Hemdkragen sind offenbar anders beschaffen.6) Einen dem vorliegenden Bildnis vergleichbaren Hemdkragen trägt Kaiser Karl V. auf einem datierten Porträt von 1531.7) Die kleine Hemdkrause, wie sie Friedrich trägt, kam um die Jahrhundertmitte in Mode und wurde um 1580 von der immer größer werdenden Halskrause ersetzt.8) Wegen der Porträthaftigkeit und der zeitgenössischen Kleidung ist anzunehmen, daß die mutmaßlichen Porträtvorlagen9) zu Lebzeiten Albrechts und Friedrichs entstanden waren, wenn nicht die Bildnisse selbst schon zu Lebzeiten der Erzbischöfe gemalt wurden, denn aufgemalte Zettelchen wie die vorliegenden sind bereits in der Porträtmalerei des dritten und vierten Jahrzehnts des 16. Jh. anzutreffen.10)

Die drei Gemälde gehörten zu einem Zyklus der hallischen Stadtherren, der außer den Erzbischöfen von 1476 an auch deren Nachfolger, die evangelischen Stiftsadministratoren, und deren Gemahlinnen bis 1680 umfaßte. Die Bildnisse der drei Administratoren führt Gottfried Olearius im einzelnen auf. Es sind Joachim Friedrich (1567–1598) und Christian Wilhelm von Brandenburg (1608–1628) sowie August von Sachsen (1638–1680).11) Ein viertes, 1681 in Besitz der Marienbibliothek befindliches Porträt eines Erzbischofs12) bildete wahrscheinlich Sigismund von Brandenburg (1554–1566) ab.13) Die Porträtgalerie der Stadtherren wäre damit bis auf das Bildnis des Erzbischofs Johann Albrecht von Brandenburg (1545–1550) vollständig gewesen. Heute sind die Porträts bis auf die drei hier vorgestellten verloren.

Der einst im Rathaus aufgehängte Bildniszyklus war einerseits eine Geste untertänigster Huldigung der hallischen Stadtherren; andererseits veranschaulicht er in personis eine Herrschaftstradition, die der Stadt Rechte und Freiheiten gewährt und dauerhaft verbürgt hatte.14) Die Porträts der Stadtherren waren Teil eines umfangreichen Bildnisprogramms, das noch Kaiser-, Kurfürsten- und Superintendentenporträts umfaßte (Nr. 310, 510) und offenbar 1680 oder 1681 auf einen Schlag aus dem Rathaus entfernt wurde.

Textkritischer Apparat

  1. Von [- - -] Unleserlich; vermutlich G(ottes) G(naden) zu ergänzen; vgl. B und C.
  2. Von Gottes Gnaden] Schreibung nach moderner Gepflogenheit. W. B. B. Katalog Halle 2002, Nr. 227.
  3. Von Gottes Gnaden] Schreibung nach moderner Gepflogenheit.
  4. Magdeburgk] Die Worttrennung durch ein komma-ähnliches Zeichen auf der Grundlinie markiert.

Anmerkungen

  1. Siehe auch Einleitung, S. XXX f. Die erste Restaurierung erfolgte nach der Übernahme der Porträts, wie Entlohnungsnachweise aus dem Jahr 1681 dokumentieren; vgl. Nickel 2002b, S. 205. Das Porträt Erzbischof Albrechts von Brandenburg wird bei Dreyhaupt 2, 1750, S. 219 als Besitz der Marienbibliothek erwähnt.
  2. Gemessen wurde die Rückseite der Bildträger.
  3. Zu den Erzbischöfen s. Einleitung, S. XV–XVII.
  4. Der gemalte Zettel befindet sich auf Albrechts Bildnis über der Schulter, auf den Bildnissen der anderen Erzbischöfe über Stirnhöhe.
  5. Markus Leo Mock stellte ein Bildnis Ernsts vor, das um 1580 als Kopie eines älteren, heute verlorenen entstanden sein soll und in Wien aufbewahrt wird; Mock 2007, S. 207 f. und Abb. 77. Es weist kaum Ähnlichkeiten mit dem vorliegenden auf. Auf zwei im Auftrag Erzbischof Ernsts von Hans Baldung Grien 1506/07 geschaffenen Altarretabeln (s. Nr. 89) sollen sich Kryptoporträts des Auftraggebers befinden, die aber auch keine signifikanten Ähnlichkeiten mit dem hallischen Bild erkennen lassen; vgl. ebd., S. 235 f., 241, 248–251; Abb. 91 f.; Taf. 7 f., 10 f.
  6. Zum Petersburger Porträt s. Temme 1997, S. 263 (Nr. 20); Katalog Halle 1, 2006, S. 186 f. (Nr. 89; Berthold Hinz). Die Datierung des Mainzer Porträts ist umstritten; doch dürfte es wegen des offenkundigen Altersunterschieds zum Hallenser Porträt schon um 1530 (vgl. Katalog Mainz 1990, S. 139 f., Nr. 45) und nicht erst zwei Jahre vor Albrechts Tod 1543 entstanden sein, wie Temme 1997, S. 266 (Nr. 23) annimmt. Das hallische Bildnis war Karsten Temme offenbar nicht bekannt.
  7. Vgl. Katalog Hamburg 1983, S. 80 f. (Nr. 23; Gisela Hopp).
  8. Vgl. Thiel 1973, S. 316. Zur kleinen Hemdkrause vgl. Thiel 1973, S. 315 (Abb. 274; um 1560), 325 (Abb. 284; um 1550), 330 f. (Abb. 288 f.; 1564); Katalog Hamburg 1983, S. 126 f. (Nr. 48; Eckhard Schaar: vor 1570); zur großen Halskrause vgl. Thiel 1973, S. 319 (Abb. 277; um 1578), 321 (Abb. 278; 1581).
  9. „Als Vorbild diente dem Maler ein Albrechtporträt der Cranachwerkstatt, das seinerseits auf Kupferstiche Dürers von 1519 und Cranachs d. Ä. von 1520 zurückging“; Katalog Halle 1996, S. 16 (Nr. 1).
  10. Vgl. Katalog Berlin 1983, S. 236 (Nr. D 5; Bettina Georgi), 238 f. (Nr. D 7; Irene Geismeier). Im Katalog Halle 1996, S. 16 f. (Nr. 1) wird B auf das Ende des 17. Jh., im Katalog Halle 2002, S. 269 (Nr. 226, 227) werden A und B in das zweite Viertel des 17. Jh. datiert.
  11. Olearius 1667, S. 29. Zu den Administratoren s. Einleitung, S. XVIII f.
  12. MBH, PfA Unser Lieben Frauen, Belegungen zur Kirchenrechnung von Cantate 1681 biß dahin 1682, W 13, W 14.
  13. Vgl. Stiebritz 2, 1773, S. 294
  14. Siehe Einleitung, S. XIII.

Nachweise

  1. Katalog Halle 1996, S. 16 f. (Nr. 1; B unvollständig).
  2. Katalog Halle 2002, S. 269 (Nr. 226–228; unvollständig).

Zitierhinweis:
DI 85, Halle/Saale, Nr. 192 (Franz Jäger), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di085l004k0019201.