Inschriftenkatalog: Die Inschriften der Stadt Halle an der Saale

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 85: Halle/Saale (2012)

Nr. 154† Dom 1550

Beschreibung

„Auff einer alten Taffel unter der Pohrkirche“ im Südseitenschiff1) Inschrift mit biographischen Angaben, Totenlob und Grabbezeugung für Conrad von Ammendorf, heute verloren. Schriftform und Art der Schriftausführung unbekannt.

Nach Olearius 1674.

  1. Hic Conradus ab Amendorf jacet ultimus haetesa)Cum scuto, galea, tectus, (et)b) ense simul.Ultra qvingentos cujus stirps floruit annosFactis, divitiis ac pietate virens.Ipse Rotenburgum, Wettin, Pauchamq(ve) tenebatArces (et)b) pagos haeres agrosq(ve) potens.Et totam super haec sedem aevorum Salis atq(ve)Id census alios sed fine fraude genus.Frugi tamen vixit, monet et sententia Pauli,2)Ac vere veteris relligionis amans.Cujus (et)b) assertor fuit, haud praestantior illo,Haec ex nobilibus qvos plaga tota tulit.Unde novi factus foedi contemtior hujusNec propria tutus in arce fuit.Sed noctu fugiens spoliandus ab hostibus insons,His cum justa fuit causa nec ulla mali.Non [- - -]c) qvi fuerint, verum decuissetHos sic qvo geniti non maculasse genus Nil licet hic passus damni, tantum duo serviLaesi, raptorum tot cecidere qvoq(ve).[- - -]c)Illo qvo tutum censuit esse loco.Et spoliatus ab his decuit qvos jure tueriIpsum, Principibus tunc ubi prisca fides.Omnia sed patiens tulit haec Vir strenuus, istisCommittens meritis reddere digna DEO.Ac reliqvum vitae sic egit, ut ante solebatNe nomen posset carbo notated) suum.3)Donec tertia lux, qvae fulserat ante CalendasMoesta Novembris eum jussit obire diem.Si cum bis septem coelebs sua lustra peregitConditus ad Fratrum hic ossa Patrumq(ve) fuit.Mille (et)b) qvingentos qvinqvagintaq(ve) salutisNostrae annos credens cum numeravit homo.

Übersetzung:

Hier liegt Konrad von Ammendorf, der letzte Erbe, von Schild, Helm und Schwert gemeinsam bedeckt. Mehr als fünfhundert Jahre blühte dessen Geschlecht und war mächtig durch Taten, Reichtümer und Frömmigkeit. Er selbst besaß als vermögender Erbe die Burgen, Herrschaftsbezirke und Ländereien Rothenburg, Wettin und Pouch (?) und überdies die gesamte, jahrhundertealte Salzstätte sowie andere Abgaben, aber dennoch lebte dieses Geschlecht rechtschaffen und ohne Betrug, wie das Wort des Paulus es anmahnt, und liebte den alten Glauben wahrhaftig. Auch er war dessen Verteidiger, und von den Adligen, die diese ganze Gegend trug, gab es keinen tüchtigeren als jenen. Daher wurde er zu einem allzu Verachteten dieser schändlichen Neuerung, und er war in dem eigenen Schloß nicht sicher, sondern wurde als nächtlicher Flüchtling ein unschuldiges Raubopfer seiner Feinde. Zu diesen bestand ein gerechtes Verhältnis und es gab keinerlei Grund für das Unheil. Nicht (...), die es waren, sondern es hätte sich für diese geziemt, das Geschlecht, von dem sie hervorgebracht worden waren, nicht so befleckt zu haben, wenngleich dieser nichts an Schaden davongetragen hat, nur zwei Diener wurden verletzt, auch fielen ebensoviele der Räuber. (...) an jenem Ort, wo er sicher zu sein glaubte. Auch damals wurde er dort, wo der alte Glaube herrschte, von diesen Fürsten ausgeraubt, denen es nach geltendem Recht angestanden hätte, ihn selbst zu beschützen. Aber all dies ertrug der tüchtige Mann geduldig und verstand es, mit diesen Verdiensten Gott Ehre zu erweisen. Und den Rest seines Lebens verbrachte er so, wie er es zuvor zu tun pflegte, damit keine Kohle seinen Namen vermerken könne, bis das dritte Tageslicht, das vor den Kalenden des November traurig aufgeschimmert hatte, ihn hieß zu sterben. Als er so seine zweimal sieben Jahrfünfte ehelos zugebracht hatte, wurde er hier bei den Gebeinen seiner Brüder und Väter bestattet, als der gläubige Mensch eintausend und fünfhundert und fünfzig Jahre unseres Heils zählte.

Datum: 1550 Oktober 30.

Versmaß: Siebzehn elegische Distichen.

Kommentar

Das Suffix -qve ist bei Olearius durch ein Semikolon gekürzt.

Conrad von Ammendorf war der letzte Sproß des alten, einst im gleichnamigen Dorf südlich von Halle ansässigen Geschlechts, das 1271 an der Gründung des hallischen Dominikanerklosters beteiligt gewesen sein soll4) und offensichtlich über Generationen in der Klosterkirche beigesetzt worden war (vgl. Vers 32). Conrad wurde 1514 vom Magdeburger Erzbischof Albrecht von Brandenburg mit den in Familienbesitz tradierten Gütern Rothenburg und Wettin (beide nördlich von Halle) sowie Paucha (Pouch bei Bitterfeld?) belehnt.5) Vers 28, Ne nomen posset carbo notare suum, ist ein antikes Gleichnis, das bedeutet, daß Conrad nichts Schlechtes nachgesagt oder zu seinem Nachteil angerechnet werden kann.6) Über den Überfall auf ihn und seine Flucht, die von der Inschrift überliefert werden, ist sonst nichts bekannt.

Hervorhebenswert ist das inschriftliche Bekenntnis zum alten Glauben („vetus relligio“, Vers 10) inmitten einer Stadt, die sich seit 1541 durch die große Mehrheit ihrer Einwohner zur lutherischen Lehre bekannte. Sie wird auf dem Epitaph als „novum foedum“, schändliche Neuerung, bezeichnet (Vers 13). Es ist das einzige epigraphische Zeugnis jener Minderheit, die trotz eines erheblichen öffentlichen Drucks beim alten Bekenntnis blieb. Zu ihr gehörten unter anderem der hochangesehene Ratsmeister Kaspar Querhammer (s. Nr. 139) und der erzbischöfliche Leibarzt Dr. Philipp Novenianus (s. Anhang 1, Nr. 30). Sie konnten neun Jahre nach Einführung der Reformation in Halle und dem Saalkreis7) nur noch in den Klosterkirchen der Dominikaner und Franziskaner in Halle selbst sowie in der Kirche der Zisterzienserinnen in der Vorstadt Glaucha die Messe hören und nach altkirchlichem Ritus beerdigt werden. Nachdem die Dominikaner 1520 den Kapitularen des Neuen Stifts hatten weichen müssen, waren sie nach der Aufhebung des Stifts 1541 in ihr altes Kloster zurückgekehrt und lebten hier bis zu ihrer endgültigen Vertreibung aus Halle nach 1561.8)

Textkritischer Apparat

  1. haetes] Sic! Für haeres; offensichtlich ein Satzfehler.
  2. et] Olearius: et-Ligatur.
  3. [- - -] Als Textverlust bei Olearius kenntlich gemacht.
  4. notate] Sic! Für notare; offensichtlich ein Satzfehler (vgl. Anm. a).

Anmerkungen

  1. Olearius 1674, S. 163.
  2. Anspielung auf 1 Kor 15,34.
  3. Paraphrase auf Horaz, Satiren 2, 3, 246; freundlicher Hinweis von Dr. Ilas Bartusch, Heidelberg.
  4. Vgl. Dreyhaupt 1, 1749, S. 781.
  5. Dreyhaupt 2, 1750, Beylage B, S. 6 („Geschlechts-Register derer von Amendorff“).
  6. Vgl. Wander 1, 1867, Sp. 499 („Buch“, Nr. 52).
  7. Siehe Einleitung, S. XVI f.
  8. Zur Geschichte der heute Dom genannten ehemaligen Klosterkirche s. Einleitung, S. XX–XXII.

Nachweise

  1. Olearius 1674, S. 164.

Zitierhinweis:
DI 85, Halle/Saale, Nr. 154† (Franz Jäger), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di085l004k0015406.