Inschriftenkatalog: Die Inschriften der Stadt Halle an der Saale

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 85: Halle/Saale (2012)

Nr. 134 Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie 1532

Beschreibung

Wappentafel aus unglasierter Terrakotta, ehemals im Giebel des Portals am Saalbau des Gehöfts „Kühler Brunnen“ (Kühler Brunnen 1) eingelassen, jetzt im Depot des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt verwahrt.1) Profilierter Rahmen aus Platten und Karnies, das mit einem antikisierenden Blattfries bedeckt ist. Das untere Fünftel des reliefierten Binnenfeldes durch einen profilierten Steg abgetrennt; darin eine Inschriftkartusche mit Devise (C), flankiert von zwei Wappen. Im Hauptfeld ein Vollwappen, gehalten von einem Wilden Mann und einer Wilden Frau mit geschuppten Unterleibern und Helmen, die üppigen Blattranken entwachsen. Diese bedecken fast das gesamte Hauptfeld. Als oberer Abschluß des Binnenfeldes zwei Eckmasken, deren Münder die Enden eines mehrfach überschlagenen Schriftbandes mit Wappenbeischrift halten (B). Darüber die Jahreszahl (A). Sämtliche Inschriften erhaben. Die Oberfläche der Platte stellenweise beschädigt, die Platte mehrfach gebrochen und restauriert.

Maße: H.: 82,5 cm; B.: 53,5 cm; Bu.: 2,5 cm (A), 2–2,2 cm (B), 1,8 cm (C).

Schriftart(en): Kapitalis.

DI 85, Nr. 134 - Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie - 1532

 Heiko Brandl, Halle (Saale) [1/1]

  1. A

    · 1 · 5 · // · 3 · 2 ·a)

  2. B

    HANSb) · / · V(ON)c) · / SCHENITZd)

  3. C

    FROM · VVYLLYG · VND / ZVVIL · VERTRAVEN /SCHWECHT · KRENCKT / · VND · BRYNGT · / GROSSEN · RAVEN

Versmaß: Zwei Reimverse (C).

Wappen:
Schönitz2)
unbekannt3)Walther4)

Kommentar

Die Buchstabenformen der Inschrift C zeigen eine Neigung zur Serifenbildung. Eine schwache Linksschrägenverstärkung durch Differenzierung von Haar- und Schattenstrichen wurde nicht konsequent durchgeführt. Als Worttrenner in Inschrift C stehen vierblättrige Blüten, wie sie auch die Ziffernfolge von A einfassen. Die übrigen Worttrenner in A sind Punkte, in B Rauten.

Die fast übereinstimmenden Maße, die gleiche Binnengliederung, die Ähnlichkeit der Rankenornamentik und andere Gemeinsamkeiten lassen nur den einen Schluß zu, daß für die Platten Nr. 134 und 135 ein und dieselben Vorlagen oder gleiche Modeln verwendet wurden. Die bis in kleine Schriftdetails hinein übereinstimmende Ausführung des Schriftbandes mit Inschrift B bekräftigt das, auch wenn die Buchstabenformen der Inschrift C geringfügig von ihrem Pendant abweichen. Die Cauden von K und R sind bei Inschrift Nr. 135 geschwungen, hier aber z. T. gerade geführt, z. T. auswärts gebogen. Die vorliegende Platte unterscheidet sich von der anderen auch durch ihre rechtwinklig ansetzenden Schmalseiten.

Da an dem in etwa vier Meter Höhe gelegenen und zudem eingenischten, ursprünglichen Standort die Feinheiten des Reliefs und die Inschriften kaum erkennbar waren, wird diese Terrakottaplatte sicherlich nicht ursprünglich für das Portal, sondern ebenso wie das glasierte Pendant für die Innenausstattung bestimmt gewesen sein. Die Wappentafel wurde vermutlich im unglasierten rohen Zustand belassen, weil ihre Verwendung durch den Auftraggeber in Frage stand. Die vorliegende Fassung der Schenitz’schen Devise ist mißverständlich: Sie besagt, daß eine Tugend (FROM VVYLLYG, frommer Wille) Ursache individuellen Leids sein könne. Die geänderte Formulierung der zweiten Inschrift (Nr. 135B) setzt den Akzent richtig, daß nämlich bei fehlendem Maß auch tugendhaftes Verhalten („ZVV FROM WILLIK“) zu Schaden führe und RAVEN auslöse. Das ist gleichbedeutend mit „(be)reuen“ und heißt, Schmerz über etwas Selbstverschuldetes, also Reue empfinden.5) Die auf der anderen Platte wiedergegebene Fassung entspricht sinngemäß auch jener Devise, die auf dem Porträt des Hans von Schenitz von 1533 geschrieben steht (Nr. 136): „ZV FROM WILFAERIG VND ZV FIL VERTRAWEN SCHWECHT KRENCKT VND BRINGT GROS RAWEN.“

Die vorliegende Platte wurde letztlich aber doch verwendet und am Portal des sogenannten Saalbaus des „Kühlen Brunnens“ eingebaut. Die Hofanlage „Kühler Brunnen“ hat Hans von Schenitz in den 1520er Jahren erworben und bis zu seiner Inhaftierung 1534 schrittweise zu einem prächtigen Stadtpalais ausgebaut.6)

Textkritischer Apparat

  1. Der Schriftzug vom Schriftband der Inschrift B unterbrochen.
  2. HANS] Das A mit rechtsseitigem Deckbalken.
  3. VON] Kein Kürzungszeichen.
  4. SCHENITZ] Die Groß- oder Kleinschreibung der beiden letzten Buchstaben unsicher. Das I hat einen Punkt; T ist als Kleinbuchstabe aus Schaft mit rechtsseitigem Balken und gebogenem unteren Schaftende und Z zweistöckig mit spitzem oberen Abschluß wiedergegeben.

Anmerkungen

  1. Die Wappentafel hat keine Inventarnummer.
  2. Dreyhaupt 2, 1750, Beylage B, Taf. XXIX; Siebmacher VI, 6, Taf. 99.
  3. Mit unten gezinntem, schrägrechten Balken geteilt; oben zwei achtstrahlige Sterne.
  4. Eichenbaum mit Wurzel ohne Wipfel; an jeder Seite ein Blatt und eine Frucht sprießend. Vgl. das Wappen am Erker von „Barthels Hof“, Magdalena Walthers Elternhaus in Leipzig; Dehio 1998, S. 522 f.
  5. Vgl. DWB 8, 1, 1893, Sp. 830–841, insbesondere 831 und 837.
  6. Zur Geschichte des „Kühlen Brunnens“ s. Einleitung, S. XXXI f.

Nachweise

  1. Knauth 1855, S. 1171 f.
  2. Knauth 1857, S. 737 (C).
  3. vom Hagen 1, 1867, S. 185 f. (A, C).
  4. BKD Prov. Sachsen NF 1, S. 388 (B, C).

Zitierhinweis:
DI 85, Halle/Saale, Nr. 134 (Franz Jäger), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di085l004k0013404.