Inschriftenkatalog: Die Inschriften der Stadt Halle an der Saale

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 85: Halle/Saale (2012)

Nr. 117 Stiftung Moritzburg, Kunstmuseum 1525

Beschreibung

Portal aus Sandstein, ehemals an der Südseite des Domes, 1910 durch eine Kopie ersetzt und ins Museum verbracht, heute im oberen Kellergeschoß des Westflügels, dem „Gotischen Gewölbe“, eingebaut.1) Rahmung aus hohen und schmalen Postamenten mit je drei gebündelten, reich ornamentierten Säulchen, die ein vielgliedriges, verkröpftes Gebälk mit einer erhabenen Inschrift (Bibelzitat, Jahreszahl) tragen. Teile der Portalumrahmung wahrscheinlich 1883 oder 1885 erneuert;2) der zweite Teil der Inschrift ebenfalls vollständig neu gefertigt. Der Lünettengiebel des Portals und zwei flankierende Figuren schon vor dieser Instandsetzung verloren.

Maße: H.: ca. 325 cm; B.: ca. 290 cm; Bu.: 9,3–9,4 cm.

Schriftart(en): Kapitalis.

DI 85, Nr. 117 - Stiftung Moritzburg, Kunstmuseum - 1525

 SAW Leipzig, Inschriftenkommission (Markus Scholz) [1/1]

  1. [1]525a) · // DOMV(M) · TVA(M) · DECETb) [ · S(ANC)TITVDO · // D(OMI)NE · ]3)

Übersetzung:

1525. Deinem Haus geziemt Heiligkeit, Herr.

Kommentar

Die Buchstaben zeichnet eine Linksschrägenverstärkung aus. Das M weist einen bis zur Grundlinie geführten Mittelteil und schräge Schäfte auf. Die Sporen sind unregelmäßig, gelegentlich aber als Serifen ausgebildet und an den Balken von E und T rechtsschräg angesetzt. Eine vollkommen regelmäßige Buchstabenbildung, durchgängig mit Serifen, hebt den erneuerten Teil der Inschrift vom originalen ab. Die ersten beiden Kürzungen sind durch überschriebene Striche, die übrigen durch Gleichheitszeichen zwischen den Buchstaben markiert. Die seltsame Art der Kontraktionskürzung muß vor 1886 entstanden sein, weil Gustav Schönermark diese bereits beschrieben hat.4)

Das Südportal und das im Dom befindliche Sakristeiportal, das zwar keine Inschriften trägt, aber sicherlich gleichzeitig entstand, wurden bei Umgestaltung der ehemaligen Dominikanerkirche in den 1520er Jahren eingebaut. Sie gehören zu den frühesten und reichsten Portalen der Frührenaissance in Mitteldeutschland. Ihre pittoreske, kleinteilige Gesamtgestaltung korrespondiert mit der nur ein Jahr später vollendeten und zumindest teilweise von den gleichen Bildhauern geschaffenen Domkanzel (Nr. 120)5) und hat in Halle sonst keine Entsprechung. Die Portaleinfassungen waren sicherlich durch italienische Vorbilder angeregt; Details der Ornamentik und architektonischen Gliederung könnten aber auch flämischen und nordfranzösischen Vorbildern entlehnt sein.6) Als Vermittler architektonischer und ornamentaler Details kommt Buchschmuck in Betracht.7) Herkunft und Vermittlungswege der Architekturformen verdienen besondere Beachtung, weil der Bauherr nie selbst in Italien gewesen ist.8)

Textkritischer Apparat

  1. 1525] Beide 5-Ziffern spiegelverkehrt und retrograd.
  2. DECET] Das sehr kleine T auf die Höhe des Mittelbalkens des E gestellt und an diesen herangeschoben.

Anmerkungen

  1. Städtisches Museum 1910, S. 8 f.; Inv.-Nr. MO III 00137.
  2. Vgl. Albertz 1888, S. 121, 124.
  3. PsG 92,5.
  4. BKD Prov. Sachsen NF 1, S. 237.
  5. Den Steinmetzzeichen zufolge war ein Bildhauer sowohl am Sakristeiportal als auch an der Kanzeltreppe tätig gewesen (Wolf 1957, S. 33, 113).
  6. Sponsel 1924, S. 137–141.
  7. Hildebrand 1914, S. 87–91.
  8. Zur Jugend Albrechts s. Heinrich 1991, S. 17–23; das Itinerar Albrechts ab 1514 bei Scholz 1998, S. 358–387.

Nachweise

  1. Prov. Sachsen NF 1, S. 237.
  2. Albertz 1888, S. 24, 38.
  3. Redlich, Cardinal 1900, S. 131 f. und Anm. 2.
  4. Steffen 1911, Sp. 333 f. (Abb.).
  5. Hildebrand 1914, S. 76.
  6. Neuß 1955, S. 27.

Zitierhinweis:
DI 85, Halle/Saale, Nr. 117 (Franz Jäger), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di085l004k0011703.