Inschriftenkatalog: Die Inschriften der Stadt Halle an der Saale

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 85: Halle/Saale (2012)

Nr. 93 Moritzkirche (1511), 1. V. 16. Jh.

Beschreibung

Altarretabel im Hauptchor mit schreinartigen Standflügeln, zwei schwenkbaren Flügelpaaren, Predella und Gesprenge, Holz, farbig gefaßt, Tafelmalerei, alle Teile verändert, restauriert und mit Tafelbildern und Skulpturen fremder Herkunft ergänzt. Auffällig die Tiefe des Predellengehäuses und des Mittelschreins (ca. 62 cm). An der Vorderseite der Predella drei Tafelbilder unbekannter Provenienz mit Kreuzabnahme, Grablegung und Auferstehung (von rechts nach links); darüber dekorative monochrome Malerei vermutlich von der Instandsetzung 1661.1) Auf der Werktagsseite des Retabels die hll. Ursula und Mauritius (Standflügel) sowie die hll. Gregor, Hieronymus, Ambrosius und Augustinus (Außenseite des ersten schwenkbaren Flügelpaares). Auf der Sonntagsseite die hll. Petrus, Augustinus und Paulus sowie Katharina und zwei weitere weibliche Heilige2) auf den Innenseiten des ersten Flügelpaares; Christus Salvator, umgeben von Engeln, die über ihn einen Baldachin halten, sowie eine Mondsichelmadonna im Strahlenkranz, umgeben von Wolken und Engeln, auf den Außenseiten des zweiten Flügelpaares. Die zweite Wandlung zeigt auf den Flügeln die hll. Ursula und Viktoria mit einer Gefährtin (links)3) und Mauritius mit zwei Gefährten der Thebäischen Legion (rechts).4) Im Nimbus der rechts stehenden Märtyrerin ist die Namensbeischrift erhalten (AA); die Namensbeischriften des rechten Flügels vollständig verschwunden (AB). Im Mittelschrein fünf ursprünglich nicht zugehörige Schnitzfiguren von unterschiedlicher Größe (von links nach rechts): Schmerzensmann, Maria mit Kind, der triumphierende Christus (eine Himmelfahrtsfigur), Maria Magdalena und Mauritius. Am Sockel der Maria Magdalena umlaufend eine Bitte um Fürbitte (B). Das bis an die Gewölbeanfänger reichende geschnitzte Gesprenge als Astwerkfiguration gebildet und mit mehreren Schnitzfiguren besetzt, die alle von Baldachinen überfangen werden. Auf der untersten Ebene eine Kreuzigungsgruppe mit Kreuztitulus (C), flankiert von Petrus (links) und Paulus (rechts). In den Baldachinen der Apostel Heiligenstatuetten: Georg und Nikolaus bzw. Katharina (?)5) und Christophorus. Über der Kreuzigungsgruppe Ursula und ein hl. Bischof (Augustinus?);6) zwischen ihnen überhöht nochmals der Kirchenpatron Mauritius. An der Spitze des Gesprenges Maria im Strahlenkranz; zu ihren Füßen ein Wappen mit Initialen (D). Die Heiligen der Werktags- und der Sonntagsseite des Retabels agieren fast durchweg in realistisch dargestellten Innenräumen. Die Festtagsseite hingegen ist fast vollständig vergoldet und mit großen Ornamenten trassiert, die die gemalten Figuren der Flügel aussparen. Die Decke des Mittelschreins blau gefaßt mit goldenen Sternen. Die Inschriften A bis C wurden aufgemalt, D ist (vermutlich) erhaben ausgeführt und farbig abgesetzt.

Ergänzung nach Runde.

Maße: H.: 314 cm (Schrein mit Predella), ca. 900 cm (Gesprenge); B.: 595,5 cm; Bu.: 6 cm (AA), 3,5 cm (B).

Schriftart(en): Gotische Minuskel (D), frühhumanistische Kapitalis.

DI 85, Nr. 93 - Moritzkirche - (1511) 1. V. 16. Jh.

 SAW Leipzig, Inschriftenkommission (Markus Scholz) [1/5]

  1. AA

    [VRSVLA] // [SYBILLA] // VICTORIA

  2. AB

    [- - -] // [- - -] // [- - -]

  3. B

    S(ANCTA) · MARIA · MAGDALENE · ORA · P(RO)a) · NO(BIS) ·

  4. C

    · I(HESVS) · N(AZARENVS) · R(EX) · I(VDEORVM)8) ·

  5. D

    th(eodericus)b) // p(re)p(ositus)c) / MAV(RITII)

Übersetzung:

B Heilige Maria Magdalena, bete für uns.

C Jesus von Nazareth, König der Juden.

D Dietrich, Propst des (hl.) Mauritius.

Wappen:
Propst Dietrich von Oppershausen9)

Kommentar

Zum Buchstabenbestand der Inschriften gehören das A mit weit überstehendem Deckbalken und geknicktem Mittelbalken (zumindest in B, vielleicht auch in D), unziales D und eingerolltes G, das zweibogige E sowie ein I mit Ausbuchtung am Schaft (in C). Auch die Schrägschäfte von M und N weisen (in B und C) Ausbuchtungen auf. Der breite Strich ihrer senkrechten Schäfte kontrastiert wirkungsvoll mit dem sehr schmalen der Schrägschäfte. Das untere Bogenende und die Cauda berühren den Schaft des R (in B und C) nicht. In Inschrift C sind die einander berührenden Enden von Bogen und Cauda des R eingerollt. Als Worttrenner stehen Quadrangel, die in B einmal mit zwei und in C durchweg mit vier Zierhäkchen versehen sind.

Wann die Schreinfiguren, die alle im frühen 16. Jh. gefertigt worden sind und z. T. eine beachtliche künstlerische Qualität aufweisen, im Altaraufsatz Aufstellung fanden, ist nicht überliefert. Vor der großen Kirchenrestaurierung 1839–1841 waren sie schon vorhanden, wie die 1835 abgeschlossene Chronik Christian Gottlieb August Rundes bezeugt.10) Schon bald nach Aufstellung des Retabels 1511 könnte es notwendig geworden sein, den Skulpturenschrein neu auszustatten. Einen Hinweis darauf geben die Standflügel, die von einem Handwerker ebenfalls im ersten Viertel des 16. Jh. bemalt wurden und die noch hinter den ohnehin schwachen Gemälden der Kirchenväter zurückstehen. Sie wurden offenbar nachträglich angefertigt, um die Vorderseite der schreinartigen Standflügel abzudecken. Diese seitlich angebrachten etwa 40 cm tiefen Schreine haben verschließbare Türen auf der Rückseite, die es ermöglichten, Gegenstände, die in den Schreinen deponiert waren (vielleicht Reliquiare oder Reliquienstatuen), herauszunehmen. Die Gegenstände könnten an der Vorderseite sichtbar und durch Gitter vor Diebstahl geschützt gewesen sein. Als Zeitpunkt ihrer Entfernung käme die Einführung des lutherischen Kultus 1542 in Betracht, doch hätte man dann die leeren Schreine wohl nicht mehr mit traditionellen Heiligenbildern abgedeckt. Zwei Jahrzehnte zuvor aber wurden schon einmal Reliquiare sowie liturgische Geräte und Paramente aus der Kirche entfernt, als 1519 das Moritzstift aufgelöst und sein Vermögen dem Neuen Stift des Kardinals Albrecht übereignet wurde.11) Zu diesem Zeitpunkt war es noch ohne weiteres möglich, die leeren Flächen mit Darstellungen jener Heiligen zu schmücken, die in der Kirche oder am Hauptaltar Verehrung genossen. Trifft diese Annahme zu, dann wurden bald danach sicherlich auch jene lebensgroßen, vermutlich rundplastischen Skulpturen entnommen, die ursprünglich in dem über 220 cm hohen und 62 cm (!) tiefen Mittelschrein ihren Platz hatten. Daß diese von besonderem Wert waren, zeigt sich darin, daß die schwenkbaren Flügelpaare des Retabels, die den Mittelschrein verdeckten, mit Schlössern zu sichern waren.

Für den Markustag, den 25. April, des Jahres 1520 ist überliefert, daß 234 „Bilder und Capsulen“ aus der Moritzkirche verbracht wurden, um später im Neuen Stift Aufstellung zu finden.12) Darunter befanden sich „ein grosses silbernes und übergüldetes Salvatoris-Bild wie auch ein silbern Brust-Bild Mauricii“. Die beiden „Bilder“ waren vielleicht mit jenen identisch, die im hallischen Heiltumsbuch, das nach dem 25. Oktober 1520 gedruckt worden ist, beschrieben sind: „Der gröste silbern vbergulte Saluator“ umschloß einige Herrenreliquien des Neuen Stifts, „ein silbern brustbil(d) sancti Mauricij“ enthielt Märtyrerreliquien.13) Sie könnten ursprünglich ihren Platz in dem Altarschrein gehabt haben.

Auch an der Vorderseite der Predella, die rückseitig mit drei abschließbaren Türen versehen ist, wurden wohl Veränderungen nötig, als die Gegenstände (Reliquiare?), die hier ursprünglich zur Schau gestellt, abhanden gekommen waren. Zur Schließung der Predella wurden möglicherweise die bemalten Flügel eines anderen Retabels aus dieser Zeit geopfert. So spricht vieles dafür, daß sich der Aufsatz des Hauptaltars heute im wesentlichen in dem Zustand präsentiert, in den er 1520 versetzt wurde. Das könnte auch heißen, daß die beschriftete Figur der Maria Magdalena seit dieser Zeit den Altaraufsatz ziert.

Der hohe Rang des Ordenspatrons Augustinus wird durch mehrmaliges Abbilden zusammen mit den Apostelfürsten und anderen lateinischen Kirchenvätern herausgestellt. In Aufsatz und Gesprenge erscheinen auch mehrmals die Altarheiligen Mauritius und Ursula. Die Identifizierung anderer Heiliger, insbesondere der heiligen Jungfrauen in der ersten und zweiten Wandlung ist allerdings umstritten. Durch die noch schemenhaft erkennbare Namensbeischrift VICTORIA (A) konnte eine zweite der auf der Festtagsseite abgebildeten hll. Jungfrauen bestimmt werden. Die seltene Abbildung der Victoria deutet auf ein Heiligenprogramm hin, das nur frühchristliche Märtyrer umfaßte. Victoria soll wie Mauritius zur Zeit des Kaisers Diokletian das Martyrium erlitten haben.14)

Das Retabel hat Georg Jhener aus Orlamünde (Thüringen) 1511 vollendet,15) wie ein während der Restaurierung der Kirche 1841 im Altar aufgefundenes Dokument belegt.16) Ob er aber als Maler oder als Bildschnitzer tätig war, geht daraus nicht hervor. Die Skulpturen des Gesprenges sind stilistisch uneinheitlich, was wohl auf die Mitwirkung mehrerer Bildschnitzer zurückzuführen ist. Das Wappen des Propstes des Moritzstifts, Dietrich von Oppershausen (1483–1516), hält den Auftraggeber im Gedächtnis fest. Das gleiche Wappen ist an einem der Gewölbeanfänger des Chores zu sehen (Nr. 92), dessen Einwölbung unter Propst Dietrich begann.17)

Textkritischer Apparat

  1. PRO] Silbenkürzel mit stark gekrümmten und zum Schaft zurückgeführten Balken.
  2. theodericus] Schreibung nach zeitgenössischer Gepflogenheit. Ein Kürzungsstrich ist nicht mit Sicherheit erkennbar. Nach dem Wort unterbricht das Wappenbild den Schriftzug.
  3. prepositus] p mit zwei Schäften deutet wohl die Abbreviatur pp an, die häufig in Nexus litterarum geschrieben wurde (vgl. Nr. 99); danach ein Kürzungszeichen für die Endung -us. Schreibung nach zeitgenössischer Gepflogenheit.

Anmerkungen

  1. Siehe dazu Runde 1933, S. 75.
  2. Die beiden anderen bei Dehio 1999, S. 265 mit Vorbehalt als Maria Magdalena und Margareta, bei Weise 1824, S. 88 aber als Maria Magdalena und Ottilia bezeichnet. Die mittlere Heilige mit Haube und einer Taube, die von ihrem Haupt aufsteigt, könnte mit der Schwester des hl. Benedikt, Scholastica, gleichzusetzen sein; vgl. Wimmer/Melzer 2002, S. 733 f.
  3. Die dritte Heilige, deren Name bei Hesekiel 1824, S. 125 und Runde 1933, S. 75 überliefert wird, ließ sich trotz ihres Attributs, einer Gebetsschnur (Rosenkranz), nicht identifizieren. Die Bezeichnung einer Heiligen als Barbara bei Schadendorf 1958, S. 26 ist unzutreffend.
  4. Da sich in Halle außer Mauritius keiner der zahlreichen thebäischen Märtyrer einer besonderen Verehrung erfreute, ist eine sichere Identifzierung kaum möglich. Bei Hesekiel 1824, S. 125: Moritz, Viktor, Rupertus.
  5. Bei BKD Prov. Sachsen NF 1, S. 147 und Dehio 1999, S. 265 f. als Barbara identifiziert.
  6. Bei Soffner 1994, S. 15: Achatius.
  7. Die Inschriften C und D sind ohne technische Hilfsmittel nicht vermessbar.
  8. Nach Io 19,19.
  9. Vgl. Nr. 92; hier der zum Wappenbild gehörende rechtsschräge Pfeil verloren.
  10. Runde 1933, S. 75.
  11. Zum Vorgang s. Einleitung, S. XV, XXIV.
  12. Olearius 1667, S. 235.
  13. Nickel 2001, fol. 22v, 56v; zum Drucktermin siehe ebd., S. 294 f.
  14. LCI 8, 1994, Sp. 559 (L. Schütz).
  15. Zu G. Jhener s. Thieme/Becker 18, 1925, S. 553.
  16. Eckstein 1856, S. 58 f. (Anm. zu Zeile 24 der S. 58).
  17. Zu D. v. Oppershausen s. Nr. 92, 99.

Nachweise

  1. BKD Prov. Sachsen NF 1, S. 146 (B).
  2. Runde 1933, S. 75 (AA, D unvollständig).

Zitierhinweis:
DI 85, Halle/Saale, Nr. 93 (Franz Jäger), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di085l004k0009304.