Inschriftenkatalog: Die Inschriften der Stadt Halle an der Saale

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 85: Halle/Saale (2012)

Nr. 84 Stiftung Moritzburg, Kunstmuseum (1501/02)

Beschreibung

Skulptur der hl. Helena aus Sandstein, 1502 beim Umbau der Rathauskapelle an der Nordwestecke des Rathauses aufgestellt, seit Abbruch des kriegsbeschädigten Gebäudes 1948 im Museum; heute im oberen Kellergeschoß des Westflügels der Moritzburg, dem „Gotischen Gewölbe“, ausgestellt.1) Die s-förmig geschwungene Frauenfigur mit reicher Gewandung, Schleier und Krone umfaßt mit dem rechten Arm das Kreuz und hält in ihrer linken Hand ein aufgeschlagenes Buch (?). Am Innensaum des in kräftigen und tiefen Falten aufgeworfenen Gewandes schwach erhabene Inschrift mit Heiligennamen (?), Initialen (?) und Bitte um Fürbitte (A). Als Figurenkonsole ein Engel, das hallische Stadtwappen haltend. An der rechten Seitenfläche des Quaders, aus dem die Konsole herausgehauen wurde, Initialen (B) und ein zweiter Wappenschild eingehauen. Über der Figur ein reich ausgeschmückter Astwerkbaldachin. Die Figur vielfach beschädigt, ihre Krone und der Querbalken des Kreuzes verloren.2) Die Buchstabenformen von A zusätzlich durch eine goldfarbene Bemalung verunklärt.

Maße: H.: ca. 137 cm (Figur); B.: ca. 55 cm (Figur); T.: 37 cm (Figur); Bu.: 2,5–3,5 cm (A), 4–5 cm (B).

Schriftart(en): Frühhumanistische Kapitalis.

DI 85, Nr. 84 - Stiftung Moritzburg, Kunstmuseum - (1501/02)

 SAW Leipzig, Inschriftenkommission (Markus Scholz) [1/4]

  1. A

    OHANNESa) · / · R · [.] Zb) · I · / · H · M · Ic) / [- - -] · [.]d) · [- - -] · C / A · S · A · N · T · / A / L · E · Ne) · Af) · O · R · A · / · PRO NOBISg)

  2. B

    H W

Übersetzung:

A Johannes (...) Heilige Helena, bitte für uns.

Wappen:
Stadt Halle3)unbekannt4)

Kommentar

Als Buchstaben, die für die Schriftform typisch sind, erscheinen das A mit Deckbalken und gebrochenem Mittelbalken, das innen offene B, das zweibogige E, das H-förmige N und das zweibogige, oben spitze Z. Viele Buchstaben zeichnen sich durch schwach keilförmig verbreiterte Schaft-, Balken- und Bogenendungen aus.

Die Helenaskulptur ist eines der frühen Werke und zugleich das erste von drei signierten und verläßlich datierten Werken des Monogrammisten HW,5) des führenden obersächsischen Bildhauers im Übergang von der Spätgotik zur Frührenaissance.6) Die Anfertigung und Aufstellung der Figur während des Umbaus der zum Rathaus gehörenden Heilig-Kreuz-Kapelle 1501/02 ist durch zeitgenössische Quellen überliefert.7) Sie hatte an der zum Markt hin risalitartig hervortretenden Westseite der Kapelle ihren Platz gefunden. Als legendäre Kreuzauffinderin wurde die römische Kaiserin Helena (gestorben 330) vor allem im Zusammenhang mit dem Kreuz Christi verehrt.8) Auf diesen Zusammenhang weisen auch die Zierelemente des Baldachins hin. Sie gehen „eine Symbiose mit vegetabil anmutenden Ast- und Blattwerkformen ein und geben darin dem heilsgeschichtlich-theologischen Aspekt des lebendigen Holzes einen bildhaften Ausdruck.“9) Die Bedeutung der Buchstaben und des Namens Johannes ist bislang nicht entschlüsselt. Möglicherweise wird auf die Geschichte der Kreuzigung Bezug genommen, wie sie der Evangelist Johannes überliefert.10)

Ob weitere, im hallischen Rathaus überlieferte und heute im Kunstmuseum Moritzburg aufbewahrte Plastiken aus der Werkstatt des Monogrammisten HW stammen, bleibt umstritten.11)

Textkritischer Apparat

  1. OHANNES] Sic! Lies IOHANNES. Der Name retrograd und linksläufig geschrieben.
  2. [.] Z] Buchstabenausfall und Lesung des Z unsicher; auch spitze 3 möglich.
  3. I] Lesung unsicher; davor übergroßes Spatium.
  4. [.] Vielleicht ein S oder ein Zeichen in Form einer 8 zu lesen.
  5. N] Befund: H-förmiges N.
  6. SANTA LENA] Sic! Für SANCTA HELENA.
  7. Die Schrägstriche markieren Unterbrechungen der Schriftzeile durch Faltenbrüche oder -überschläge.

Anmerkungen

  1. Inv.-Nr. MO III 00155.
  2. Die Krone soll nach BKD Prov. Sachsen NF 1, S. 344 bei der Renovierung des Rathauses 1883 verlorengegangen sein.
  3. Siebmacher I, 4, Taf. 110.
  4. Drei leere Wappenschilde 2 : 1. „Das Wappen (...) deutet (...) auf die Berufsbezeichnung der Maler als Schilderer hin“; Schellenberger 2005, S. 103.
  5. Vgl. ebd., S. 4, 9, 103, 195.
  6. Zu HW s. auch Hentschel 1938, hier S. 13–17, 208 f.; Thieme/Becker 36, 1947, S. 131–133 (Walter Hentschel); Stuhr 1985.
  7. Vgl. Wachter 1882, S. 131: „die cappel sancte Crucis under dem rathhausze (...) mit (...) eynem zcierlichen gebille“ meint wahrscheinlich „gebilde“, d. i. die Helenaskulptur. Hünicken/von der Osten 1936, S. 75: „dy Hellena gesacz(t)“. Zur Baugeschichte des Alten Rathauses s. Einleitung, S. XXX f.
  8. LCI 6, 1994, Sp. 485–490 (F. Werner).
  9. Schellenberger 2005, S. 107.
  10. So findet sich der in der Kreuzikonographie verankerte Kreuztitulus nur bei Io 19,19.
  11. Hünicken/von der Osten 1936, S. 76 f. (ein geschnitzter Wappenhalter); von der Osten 1942, S. 101 f. (ein Schlußstein mit Christusbildnis). Siehe dazu Schellenberger 2005, S. 204 (Nr. III. 24); Schellenberger 2007, S. 67–69.

Nachweise

  1. Schellenberger 2005, S. 104 (A unvollständig, B).
  2. Schellenberger 2007, S. 66 f. (A unvollständig, B).

Zitierhinweis:
DI 85, Halle/Saale, Nr. 84 (Franz Jäger), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di085l004k0008409.