Inschriftenkatalog: Die Inschriften der Stadt Halle an der Saale

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 85: Halle/Saale (2012)

Nr. 60 Magdeburg, Wallonerkirche 1488, 17. Jh.

Beschreibung

Altarretabel mit zwei schwenkbaren Flügelpaaren, Predella und Gesprenge, Holz, geschnitzt und farbig gefaßt, Tafelmalerei, aus der Ulrichskirche in Halle, 1978 im Chor der Wallonerkirche aufgestellt.1) Auf den bemalten Außenseiten des äußeren Flügelpaares die vier lateinischen Kirchenväter in einem durch viele Fenster erhellten Raum. Nach der ersten Wandlung, auf der Sonntagsseite des Retabels vier gemalte, mehrfigurige Szenen mit der Verkündigung Mariae, der Geburt Jesu, der Anbetung der Könige und der Darstellung Jesu im Tempel (von links nach rechts). Jede Szene in einem in gleicher Weise wiedergegebenen, vielfach durchfensterten und überwölbten Raum. Auf dem ersten Bild ein Spruchband mit einem Bibelzitat (A) und einzelne Initialen in dem Buch, in dem Maria liest (B). Weitere Inschriften auf der vierten Tafel: ein Bibelzitat am Altar (C), hebräische Buchstaben am Saum eines Tuches, das einer der den Altar Umstehenden als Kopfbedeckung trägt, und eine Jahreszahl an der Vorderseite des Altarpodiums (D). An der Festtagsseite unter prächtigen Maßwerkschleiern Schnitzfiguren der Hll. Katharina und Ursula2) am linken sowie der Hll. Victor (?) und Mauritius am rechten Flügel. Im Mittelschrein die Marienkrönung, flankiert von den hll. Bischöfen Ulrich (links) und Ludger (?) (rechts).3) In dem als Astwerkfiguration gebildeten, filigranen (mehrfach überarbeiteten) Gesprenge fünf Schnitzfiguren unter Baldachinen höhenversetzt plaziert. Neben einer Mondsichelmadonna die Hll. Barbara (links) und Katharina (rechts). Am Baldachin Mariens ein Wappenschild; darüber ein Schmerzensmann und über diesem der triumphierende Christus, eine Plastik aus nachreformatorischer Zeit. Neben dem Gesprenge waren außerdem zwei frühneuzeitliche Schnitzfiguren in eigenen Tabernakeln plaziert, die heute wieder entfernt sind: Moses mit den Gesetzestafeln (E; links) und Johannes der Täufer (rechts). Die bemalte Predella zeigt als Halbfigur Maria mit Kind und fünf heilige Frauen (Agnes, Margareta, Dorothea, Ursula, Barbara). Die Inschriften allesamt aufgemalt, E vielleicht erneuert. Das gesamte Werk 1998 letztmals restauriert.4)

Maße: H.: 931 cm; B.: 562 cm; Bu.: 2–2,2 cm.

Schriftart(en): Frühhumanistische Kapitalis (A–C), Kapitalis (E).

DI 85, Nr. 60 - Magdeburg, Wallonerkirche - 1488, 17. Jh.

 Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Halle (Saale) (Fuchs) [1/3]

  1. A

    AVE · GRA(CIA)a) // PLENAb) // DOMIN(V)//Sc) // TECVM ·5)

  2. B

    E / A // Bd)

  3. C

    NVNC · DIMITTIS · SERVV(M)e)6)

  4. D

    · 1 · 4 · 8 · 8 ·

  5. E

    I / II / III // IV / V / VI / VII / VIII / IX / X

Übersetzung:

A Gegrüßet seist du, Gnadenreiche, der Herr ist mit dir.

C Nun entläßt du (deinen) Knecht.

Wappen:
unkenntlich

Kommentar

Der Schriftzug von A wird durch die Windungen des Schriftbandes unterbrochen. Die Windungen verdecken scheinbar auch einzelne Buchstaben des Wortes DOMINVS, die hier ergänzt wurden. Durch die Mischung kapitaler und unzialer Buchstabenformen (unter letzteren D und E) sowie den Gebrauch paläographischer Sonderformen, die für die Frühhumanistische Kapitalis typisch sind,7) werden die Inschriften A und C zu frühen und signifikanten Beispielen dieser Schriftform in Halle.

Alfred Stange nimmt an, daß der anonyme Maler des Altarretabels seine stilistische Prägung im Umkreis Bamberger Meister, insbesondere des Meisters des Hersbrucker Altars, empfangen habe. Er habe vier Tafeln eines Altarretabels für die Maria-Hilf-Kirche in Neumarkt (Oberpfalz) geschaffen, inschriftlich datiert 1478, bevor er nach Mitteldeutschland abwanderte. Später sei er wohl wieder in Bamberg tätig gewesen.8) Vielleicht ist ihm auch das Tafelbild mit der Austreibung der Händler aus dem Tempel zuzuschreiben, das in der hallischen Marktkirche aufbewahrt wird (Nr. 67). Denn allen, dem anonymen Tafelmaler zugeschriebenen Werken ist gemeinsam das kräftige Kolorit, die verhaltene Bewegung der Figuren (selbst bei der Austreibung der Händler aus dem Tempel) und das Bemühen, die Bildräume perspektivisch anzulegen. Die Ähnlichkeit der auf allen Gemälden anzutreffenden, durch Spitzbogenfenster geöffneten, überwölbten Räume ist auffällig. Außerdem standen dem Maler bei beiden hallischen Werken Vorlagen zur Verfügung, denen er die hebräischen Schriftzeichen entnahm.

Die Inschrift auf dem heute in Magdeburg befindlichen Retabel „besteht aus vier Buchstaben, die gut voneinander zu unterscheiden sind. Die drei linken sind gut zu erkennen: צטי. Der Buchstabe rechts außen ist leider durch den Kopf der Person im Vordergrund rechts leicht verdeckt, es könnte aber ד (Dalet) oder ר (Resch) sein, möglicherweise auch ein ו (Waw). Die Buchstabenfolge צטי ergibt hier nur wenig Sinn; für Wörter mit anlautendem ד (Dalet) oder ר (Resch) gibt es keine Belege. Das anlautende ו (Waw) ergibt die Folge ועטי, die sich in dem mittelhebräischen Wort מועטים oder מועטין ‚wenige‘ wiederfindet. Aber auch das ist in diesem Zusammenhang wenig sinnvoll. Es ging dem Maler oder Auftraggeber wohl nur um die Kennzeichnung einer Person mittels hebräischer Buchstaben und nicht um eine inhaltliche Aussage. Als Vorlage diente wahrscheinlich eine aschkenasische Handschrift aus dem 14.–15. Jahrhundert.“9) Die Pseudoinschrift an der Kopfbedeckung eines Mannes, der eine Kerze hält, soll in diesem Kontext wahrscheinlich nur das traditionelle jüdische Umfeld veranschaulichen, in dem sich die Szene abspielt.

Inschrift C am Saum der Altarbedeckung soll vielleicht auf den alten Mann hinführen, der ein Gewand in der Form einer Cappa choralis trägt und von rechts an den Altar herantritt. Er wäre mit dem frommen Juden Simeon gleichzusetzen, der in Jesus den Heiland erkannt, ihn auf die Arme genommen und die inschriftlich wiedergegebenen Worte gesprochen hatte (vgl. Lc 2,25–35).

Teile des Bildprogramms weisen Parallelen zum Bildprogramm des Altarretabels in der Moritzkirche auf: die Abbildung der Kirchenväter auf dem äußeren Flügelpaar und die Zuordnung heiliger Jungfrauen zu den Märtyrern der Thebäischen Legion auf der Festtagsseite (vgl. Nr. 93). Die Bilder der Kirchenväter in Magdeburg sind von geringerer Qualität, sie wurden vermutlich von anderer Hand als die übrige Malerei des Retabels ausgeführt. Die Schnitzplastik soll mitteldeutscher Provenienz sein.10) Beide Retabel harren noch einer gründlichen kunsthistorischen Bearbeitung.

Der ursprüngliche Standort des Retabels ist nicht bekannt. Es könnte sich wegen des mariologischen Bildprogramms um den Hauptaltar der 1527 verlassenen Klosterkirche der Serviten oder Marienknechte oder aber – wegen der prominenten Stellung des hl. Ulrich – um den Hauptaltar der aufgegebenen Ulrichskirche handeln. Die Ulrichsgemeinde war 1531 in die Servitenkirche umgezogen.11) Die heute wieder entfernten Schnitzfiguren Moses’ und Johannes’ des Täufers sind vielleicht 1661 zusammen mit der Figur des triumphierenden Christus für das Gesprenge dieses Retabels geschaffen worden. In diesem Jahr wurde die Predella mit drei Bildern verdeckt, auf denen das Abendmahl, die Kreuzigung und die Auferstehung Jesu abgebildet waren. Diese Gemälde sind schon vor 1840 wieder entfernt worden.12) Die Anbringung der Gemälde und Skulpturen war ein Versuch, das vollständig erhaltene vorreformatorische Bildprogramm in den Kontext evangelischer Ikonographie einzubinden.

Textkritischer Apparat

  1. GRACIA] Auf der Grundlinie noch das untere Bogenende des C und der Ansatz des I sichtbar.
  2. PLENA] Von P und A nur die oberen Buchstabenteile sichtbar.
  3. DOMINVS] Von N noch das obere Ende des linken Schafts, von S nur der obere Bogen sichtbar.
  4. E A B] Initialen zweier Spalten auf einer Buchseite.
  5. SERVVM] domine Ulrichskirche 1939.

Anmerkungen

  1. Berger 1983, S. 146. Zu den Gründen der Translozierung s. Einleitung, S. XXVII.
  2. Nach BKD Prov. Sachsen NF 1, S. 193 f. Katharina und Genoveva.
  3. Die Benennung Victors und Ludgers nach BKD Prov. Sachsen NF 1, S. 193 f. und Dehio 2002, S. 569.
  4. Ebd., S. 568 f.
  5. Lc 1,28. Vermutlich liturgischer Text; vgl. CAO III, Nr. 1539.
  6. Lc 2,29.
  7. Das sind das zweibogige E (in A) und das N mit seinen breiten Schäften und strichförmigem Schrägschaft. Bemerkenswert auch die Verwendung von rundem und eckigem C.
  8. Stange 1958, S. 109 und Abb. 228 f.; Stange 1978, S. 125 (Nr. 306).
  9. Herrn Jens Kotjatko-Reeb M. A., Halle (Saale), sei für die Lesung und Kommentierung der hebräischen Schriftzeichen herzlich gedankt.
  10. Dehio 2002, S. 569.
  11. Zur Geschichte der ehemaligen Klosterkirche s. Einleitung, S. XXVI f.
  12. Vgl. Dreyhaupt 1, 1749, S. 1054; Kugler 1854, S. 31.

Nachweise

  1. Dreyhaupt 1, 1749, S. 1054 (C, D).
  2. Stiebritz 2, 1773, S. 57 (C, D).
  3. Büsching 1819, S. 396 (C, D).
  4. vom Hagen 1, 1867, S. 253 (C, D).
  5. BKD Prov. Sachsen NF 1, S. 190–192 (A, C, D).
  6. Thiede 1927, S. 117 (C, E).
  7. Ulrichskirche 1939, S. 11 (C, D).
  8. Soffner 2005, S. 13 (D).

Zitierhinweis:
DI 85, Halle/Saale, Nr. 60 (Franz Jäger), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di085l004k0006009.