Inschriftenkatalog: Die Inschriften der Stadt Halle an der Saale

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 85: Halle/Saale (2012)

Nr. 50 Moritzkirche 1478 (?)

Beschreibung

Grabplatte aus Sandstein für einen Propst, ursprünglich im Chor, heute in der äußersten Nordwestecke der Kirche in den Fußboden eingelassen. Breiter umlaufender Rand mit breiter Schriftzeile (H.: 11,5 cm), darauf Sterbevermerk und Fürbitte. Im Binnenfeld reliefierte Ganzfigur des Verstorbenen mit Almutie und Birett, ein Buch in der rechten und einen Wappenschild (?) in der linken Hand haltend. In den oberen Ecken des Binnenfeldes derbes Astwerkornament. Die Buchstaben eingetieft und mit einer Paste ausgelegt, die am Anfang der Inschrift erhalten ist. Der rechte Plattenrand durch den Bodenbelag der Kirche partiell überdeckt; die gesamte Platte stark abgetreten.

Maße: H.: 197,5 cm; B.: mindestens 99,5 cm; Bu.: 7 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versal der gotischen Majuskel.

DI 85, Nr. 50 - Moritzkirche - 1478 (?)

 SAW Leipzig, Inschriftenkommission (Markus Scholz) [1/3]

  1. Anno · d(omi)nia) // m° · cccc° · lxxb) / viij · i(n) · die · s(anc)ti · m[at]hie · ap(osto)li · obijt · ven[erabilis]c) [- - -] / [- - -] / [- - -]d) h(vivs) [ · ]e) mo(na)ste(r)ij [ · ]e) p(re)p(ositvs)f) · c(vivs) [ · ] a(n)i(m)a · r(e)q(vie)statg)

Übersetzung:

Im Jahr des Herrn 1478, am Tag des heiligen Apostels Matthias starb der ehrwürdige (...) Propst dieses Klosters, dessen Seele (in Frieden) ruhen möge.

Datum: 1478 (?) Februar 24.

Kommentar

Der dritte Schaft des Zahlzeichens m wurde mit einem Häkchen bis unter die Grundlinie verlängert. Der Steinmetz verwendete verschiedenartige Kürzungszeichen, u. a. waagerechte und kurze, keilförmig zugespitzte gebogene Striche, die mitunter auch im Mittellängenbereich stehen, soweit man das in Anbetracht der vielen kleinen Beschädigungen beurteilen kann. Die Worttrenner haben die Form einer Raute.

Wegen der lesbaren Jahreszahl vermutet Gustav Schönermark, daß es sich bei der Grabplatte um die des Propstes Dr. Paul Busse handelt, die Johann Christoph von Dreyhaupt 1749 noch im Chor der Moritzkirche liegen sah.1) Dem Formular vergleichbarer Texte folgend, stand der Name des Verstorbenen vermutlich an der unteren Schmalseite der Platte und ist heute vollständig verloren. Paul Busse stammte aus einer hallischen Pfännerfamilie und wurde 1429 als Student in Leipzig und 1436 als Magister in Erfurt immatrikuliert.2) Von 1445 bis etwa 1472 war er Propst des Moritzstifts. In seiner Amtszeit wurde der Chor der Kirche (ohne Gewölbe) vollendet und 1472 geweiht.3) Dreyhaupt schreibt: „Paulus Bussius, auch Bussenius, Decretorum Doctor (...) war bey Ertzbischoff Johanne (von Magdeburg; Anm. d. Bearb.) in grossen Ansehen und dessen Rath; wurde von Cardinal Nicolao de Cusa nebst Johann Buschio, Probst zum Neuen Werck, zum Päbstlichen Commissario, Visitatore und Reformatore der Clöster Canonicorum regularium dieser Gegend bestellet, resignierte endlich wegen vieler Geschäffte die Verwaltung der Probstey,“ erhielt „aber mit Beybehaltung des Tituls in einem zum Closter gehörigen Hause auf dem Kirchhofe die Wohnung auf Lebenszeit sammt Speise und Tranck vor sich und 2 Diener nebst 60 Rfl. baaren Geldes alle Jahre zu seiner Versorgung“.4)

Die Familie Busse (oder Bauße), die Dreyhaupt 1415 erstmals nachweisen kann und deren Männer vor allem im 15. und 16. Jh. als Ratsmeister und Worthalter, Oberbornmeister und Schöffen höchste öffentliche Ämter innehatten, blühte noch zu Dreyhaupts Zeiten.5)

Textkritischer Apparat

  1. domini] Danach Unterbrechung der Schriftzeile durch das Birett des Verstorbenen.
  2. lxx] Da unmittelbar nach dem zweiten x der überlappende Fußbodenbelag ansetzt, ist ungewiß, ob nicht noch weitere Zahlzeichen folgen.
  3. venerabilis] Lesung und Ergänzung unsicher.
  4. [- - -] Einzelbuchstaben und Buchstabenfragmente, die sich aber nicht in einen sinnvollen Zusammenhang bringen lassen.
  5. [ · ] Worttrenner analog ergänzt.
  6. prepositvs] Die beiden Buchstaben als Nexus litterarum.
  7. reqviestat] Sic! Für reqviescat. Diese Schreibung ist offenbar auch anderswo nachgewiesen; vgl. DI 57 (Stadt Pforzheim), Nr. 39, 51, 52, 114; DI 75 (Dom Halberstadt), Nr. 184. Als Kürzungszeichen stehen über den ersten beiden Buchstaben gebogene Striche. Zu ergänzen ist „in pace“.

Anmerkungen

  1. Dreyhaupt 1, 1749, S. 746; siehe auch BKD Prov. Sachsen NF 1, S. 138.
  2. Nissen 1938, S. 56–58.
  3. Krause 1983, S. 233–237 und Anm. 26–31.
  4. Dreyhaupt 1, 1749, S. 745 f., 756. Johannes von der Pfalz-Simmern war von 1466 bis 1475 Erzbischof von Magdeburg (s. Nr. 45). Zu Johannes Busch, Propst des Neuwerkstifts, s. auch Einleitung, S. XII.
  5. Dreyhaupt 2, 1750, Beylage B, S. 10 f. („Geschlechts-Register der Baußen“). Außer Busse und Bauße bietet Dreyhaupt noch die Namensvarianten Buße und Bause. Zu den Ämtern s. Einleitung, S. XIII–XV.

Zitierhinweis:
DI 85, Halle/Saale, Nr. 50 (Franz Jäger), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di085l004k0005003.