Inschriftenkatalog: Die Inschriften der Stadt Halle an der Saale

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 85: Halle/Saale (2012)

Nr. 42 Roter Turm 1470

Hinweis: Die vorliegende Online-Katalognummer ist im Vergleich zum gedruckten Band mit Ergänzungen und Korrekturen versehen. Sie finden diese am Ende des Artikels. [Dorthin springen]

Beschreibung

Quader aus Sandstein mit Bauinschrift und dem Namen eines Werkmeisters, unterhalb des Südfensters des obersten Turmgeschosses in ca. 30 m Höhe (A). Zwischen dem Vornamen und dem folgenden Worttrenner in A ein flach eingehauenes und mit Bleimennige ausgelegtes Steinmetzzeichen.1) Unter der untersten Schriftzeile von A eine zweite Inschrift mit einem Namen (B). Beide eingehauen, 2008 konserviert und teilweise restauriert.

Maße: H.: 41 cm; B.: 103,5 cm; Bu.: 9,5 cm (A), 1,5 cm (B).

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalien der gotischen Majuskel (A), Kleinbuchstaben (B).

DI 85, Nr. 42 - Roter Turm - 1470

 Corinna Grimm, Magdeburg [1/1]

  1. A

    Anno · do(mi)nia) · Mo · / cccco · lxxo · locatvs · est · / lapis · iste · p(er) · ioh(annem)b) · rod(er)c) ·

  2. B

    [...]d) oldenborg

Übersetzung:

A Im Jahr des Herrn 1470 ist gesetzt worden dieser Stein durch Johannes Roder.

Kommentar

An den Schaft-, Bogen- und Balkenenden einzelner Buchstaben von A befinden sich Zierlinien und Zierhäkchen. Auffällig sind die vielgestaltigen Worttrenner von zumeist floraler Form. Die Buchstaben der Inschrift B sind nach links geneigt, ihre Bögen gebrochen.

Die Restaurierung des Roten Turmes war mit einer Reinigung und Konservierung dieser Inschrift verbunden, die zwar vielfach belegt, aber nahezu unzugänglich ist. Bei der jüngst möglichen Nahbetrachtung fielen zwei Dinge ins Auge, die bislang nicht sichtbar waren bzw. unbeachtet blieben. Diese sind die Marke in der untersten Schriftzeile und das letzte Kürzungszeichen von A. Sie regen neue Überlegungen zur Identifizierung und Tätigkeit des inschriftlich Genannten an, der in der älteren Forschung „Johannes Rod“ heißt.

Die Aufgaben des „Rod“ beim Turmbau wurden unterschiedlich eingeschätzt. Man sah in ihm den Werkmeister2) oder einen Kirchvater der Marienkirche, der für den Turmbau verantwortlich war, oder gar einen Stifter.3) Er könnte der seit dem 13. Jh. in Halle nachweisbaren, ratssässigen Familie Rode angehört haben, die im frühen 16. Jh. tatsächlich das Amt des Ratsbaumeisters versah.4)

Ein Steinmetzzeichen derselben Form tritt in Zusammenhang mit dem Namen „Hans Roder“ an einem anderen, fast zeitgleich geschaffenen Bauwerk auf. Es handelt sich um eine Bauinschrift aus dem Jahr 1480, die im Gewölbe des spätgotischen Chores der Dorfkirche von Großkorbetha (südlich von Halle) angebracht ist. Die auf einem Quader in gotischer Minuskel eingehauene Inschrift lautet bei Auflösung der Kürzungen: „Anno domini Mo cccco lxxxo cunfirmatum est hoc opus per magistrum hans roder.“ (Im Jahr des Herrn 1480 ist dieses Werk errichtet [oder: verstärkt] worden durch den Meister Hans Roder.) Auf einem historischen Foto ist links neben der Inschrift das Steinmetzzeichen zu sehen, das heute vermutlich übertüncht ist. Es ist – neben anderen Steinmetzzeichen – auch an mehreren Rippen des Chorgewölbes eingehauen und dokumentiert, daß der inschriftlich genannte Hans Roder als Steinmetz unmittelbar am Bau beteiligt gewesen ist. Man darf in ihm wohl den führenden Meister sehen.5)

Diese Erkenntnis lenkt den Blick zurück auf die Inschrift am Roten Turm in Halle und wirft erneut die Frage auf, ob es sich bei „Johannes Rod“ um einen Baumeister des Stadtrats oder um einen Werkmeister bzw. Steinmetzen handelt. Der Einwand, der Hallenser führe einen zwar ähnlichen, dennoch anderen Namen, läßt sich durch eine genauere Untersuchung und Lesung der Inschrift am Roten Turm ausräumen. Über dem Schaft des d von rod setzt ein aus zwei gegenläufigen Bögen oder Haken bestehendes Zeichen an, das isoliert steht und nicht mit der die Inschrift beschließenden vegetabilen Zierform verbunden ist. Das eingehauene Zeichen gleicht jenem geläufigen epigraphischen Kürzungszeichen, das die Kürzung der mit r gebildeten Silben markiert, z. B. „ur“ oder „er“. Bei Auflösung der Kürzung ist hier der gleiche Nachname roder zu lesen wie in der Bauinschrift in Großkorbetha. Der Vorname Hans ist bekanntermaßen die Kurzform von Johannes.

Derselbe Name und dasselbe Steinmetzzeichen in zwei zeitlich nahestehenden Inschriften berechtigt sicherlich, von ein und demselben Meister auszugehen, der an der Ausführung beider Bauwerke maßgeblich beteiligt war. Der Umfang der Arbeiten Hans oder Johannes Roders am Roten Turm ist an den Steinmetzzeichen zu ersehen, die am Turmoktogon erhalten sind.6) Eine Auswertung aller Steinmetzzeichen des Roten Turms würde sicherlich seinen Anteil am Turmbau aufzeigen. An dem obersten achtseitigen Turmgeschoß, das sich auf dem von Johannes Roder versetzten Stein erhebt, hat man von 1470 bis 1474 gearbeitet.7)

Die dritte bislang bekannt gewordene mutmaßliche Wirkungsstätte des Steinmetzen Johannes Roder ist der Groß- und Leitbau der spätgotischen Profanarchitektur Mitteldeutschlands, die Albrechtsburg in Meißen, die Residenz der Herzöge von Sachsen. Das Schloß Albrechtsburg entstand von 1470 bis 1489, der Innenausbau wurde erst im 16. Jh. abgeschlossen. Im Jahr 1477 wird in den Baurechnungen ein Steinmetz „Hanns Roder“ erwähnt, der nach den aus den Archivalien erkennbaren Vertragsbedingungen eine Vorzugsstellung innehatte, indem er ein „Geding“ ausführte, wie Cornelius Gurlitt im Inventar der Stadt Meißen schreibt.8) Wie lange Roder in Meißen tätig war, ist nicht bekannt. Das Jahr 1477 fügt sich aber in die bezeugten Schaffensjahre 1470(–1474) und 1480 so gut ein, daß Hans Roder von Meißen sicherlich mit dem Steinmetzen von Halle und Großkorbetha gleichgesetzt werden kann. An der Albrechtsburg findet sich auch ein Steinmetzzeichen der bekannten Form; es ist aber an einem Bauteil eingehauen, der erst im 16. Jh. entstanden sein soll.9)

Die ungewöhnliche inschriftliche Würdigung Roders legt die Schlußfolgerung nahe, daß dieser eine den Werkmeistern vergleichbare, leitende Stellung beim Bau des Roten Turmes innehatte. Um aber diese Stellung bei seinem ersten nachweisbaren Werk zu erhalten, mußte sich Roder schon bei großen Bauvorhaben bewährt haben. Auf den zahlreichen hallischen Baustellen vor und nach 1470 ist er jedoch bislang nicht nachgewiesen;10) auch am größten Bauwerk in der Stadt, der 1484 begonnenen erzbischöflichen Residenz Moritzburg, ist sein Steinmetzzeichen nicht zu finden.11)

Roders Weggang nach Meißen ist in Anbetracht der umfangreichen und anhaltenden Bautätigkeit in Halle kaum erklärlich, wenn ihn nicht eine bessere Entlohnung gelockt haben sollte. Ob er der Meißner Bauhütte verbunden blieb, als er in Großkorbetha baute, ist nicht bekannt. Die ländliche Kirchengemeinde war, nach ihrem stattlichen Kirchenbau zu urteilen, offenkundig wohlhabend und konnte sich einen Werkmeister mit besten Referenzen leisten. Vielleicht ist Roder nicht nur in Meißen, sondern auf allen Baustellen auf Geding tätig gewesen, was eine leitende Stellung zumindest innerhalb der verdingten Bauabschnitte und den Wechsel auf entferntere Baustellen (Halle, Meißen, Großkorbetha) erklären könnte. Klarheit wäre jedoch nur dann zu gewinnen, wenn eingehendere Archivforschungen zum Roten Turm in Halle, zur Kirche in Großkorbetha und insbesondere zur Albrechtsburg in Meißen aufgenommen würden.

Die Bedeutung der Inschrift B ist unklar. Überliefert sie den Herkunftsort des Johannes Roder oder den Namen des Steinmetzen, der diese qualitätvolle Inschrift ausführte? Obwohl ihre paläographischen Eigenarten einem größeren Zeitraum angehören, ist Inschrift B sicherlich mit A entstanden. Eine nachträgliche Ausführung an dem hochgelegenen Ort wäre nur bei kostspieliger Einrüstung des Turmes möglich gewesen.

Textkritischer Apparat

  1. domini] Der Kürzungsstrich bei der letzten Restaurierung beseitigt.
  2. iohannem] Kürzung durch überschriebenen Strich und durch ein Strich-Punkt-Zeichen nach dem letzten Buchstaben.
  3. roder] Kürzung der letzten Silbe durch eine wellenförmige Linie (siehe auch Kommentar).
  4. [- - -] Die drei hier befindlichen Zeichen oder Buchstaben sind schwer zu deuten; Vorschlag Dr. Hans Fuhrmann, Halle (Saale): via.

Anmerkungen

  1. Siehe Anhang 2, Nr. 1. Für Erläuterungen zur technischen Ausführung danke ich der Restauratorin Frau Corinna Grimm, Magdeburg.
  2. Eckstein 1845, S. 1711 und BKD Prov. Sachsen NF 1, S. 292: „Baumeister“; Neuß 1946, S. 8: „bauausführender Architekt“; Neuß 1947, S. 6: „Haupt-Steinmetz“.
  3. Krause/Voß 1983, S. 292 (Anm. 26): vielleicht „rector ecclesie“, „magister“ oder „procurator fabrice“; Dolgner/ Dolgner/Kunath 2001, S. 28: „verantwortliche(n) Position im Auftrag des Rates oder der Mariengemeinde oder (...) herausragender Stifter“.
  4. Neuß 1946, S. 8; Krause/Voß 1983, S. 292 (Anm. 25). Zur Familie Rode vgl. Dreyhaupt 2, 1750, Beylage B, S. 133 („Geschlecht derer Roden“); Schwarze-Neuß 2006, insbesondere S. 39; siehe auch Nr. 195.
  5. DI 62 (Lk. Weißenfels), Nr. 52.
  6. Sein Zeichen findet sich u. a. an einer der Fialen, die den Ecken des obersten Turmgeschosses aufgeblendet sind; freundliche Mitteilung von Herrn Marco Dittwe, Halle (Saale).
  7. Zur Baugeschichte s. Nr. 22.
  8. BKD Sachsen 40, S. 398. Zum „Geding“ s. Binding 1993, S. 151–170.
  9. BKD Sachsen 40, S. 437.
  10. Seit den 1440er Jahren wurde insbesondere an den Stifts- und Klosterkirchen der Stadt und der Vorstädte (Nr. 31, 52, 53, 55, 58, 65) sowie an der Stadtbefestigung in großem Umfang gebaut (Nr. 34, 36, 37, 44).
  11. Vgl. Schwetschke 1852, Taf.

Nachweise

  1. Olearius 1667, S. 31, 202 (A).
  2. Dreyhaupt 1, 1749, S. 1015 (A).
  3. Stiebritz 2, 1773, S. 32 (A unvollständig).
  4. Eckstein 1845, S. 1711 (A).
  5. Puttrich 1845, S. 7 (A).
  6. vom Hagen 1, 1867, S. 239 (A).
  7. BKD Prov. Sachsen NF 1, S. 291 (A).
  8. Neuß 1946, S. 8 (A).
  9. Krause/Voß 1983, S. 291 (Anm. 10: A).
Addenda & Corrigenda (Stand 28. Oktober 2015):
    1. Anno [- - -] ioh(anne)mb) · rod(er)c) ·

  • (Kürzung d. Red.)

    Textkritischer Apparat

    1. iohannem] Dem dritten Buchstaben folgt ein sogenanntes Schluß-m.

    Zitierhinweis:
    DI 85, Halle/Saale, Nr. 42 (Franz Jäger), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di085l004k0004201.