Inschriftenkatalog: Die Inschriften der Stadt Halle an der Saale

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 85: Halle/Saale (2012)

Nr. 34 Stiftung Moritzburg, Kunstmuseum/Moritztor † 1457

Beschreibung

„Über dem Thore stehet ein Marien-Bild“1) mit einem Bibelzitat als Bildbeischrift (A); darunter eine Bauinschrift (B). Das Moritztor, das sich im Bereich des heutigen Glauchaer Platzes befand, wurde zwischen 1804 und 1829 abgebrochen.2) Der Verbleib der Marienfigur ist unbekannt, ihre Inschrift verloren. Schriftform und Art der Ausführung von A nicht überliefert. Die Platte aus Sandstein mit Inschrift B wird heute im Kunstmuseum Moritzburg aufbewahrt.3) Geteiltes Relief mit schmaler, heute beschädigter Rahmung. In der unteren Hälfte die erhabene Inschrift, in der oberen ein tiefes Relief mit zwei nach innen gelehnten Wappenschilden, zwischen denen sich ein Drache windet.

A nach Olearius.

Maße: H.: 85,5 cm (Platte mit B); B.: 63–64 cm (Platte mit B); Bu.: 9,5 cm (B).

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versal der gotischen Majuskel (B).

DI 85, Nr. 34 - Stiftung Moritzburg, Kunstmuseum/Moritztor † - 1457

 SAW Leipzig, Inschriftenkommission (Markus Scholz) [1/1]

  1. A †

    Ego mater pulc(hrae)a) dilectionis4)

  2. B

    An(n)o · d(omi)ni · m° · cccc° · lvij° / feria · qui(n)tab) · p(ost)c) · bar/tholo(mae)id) · h(ec) · valua · e(st) · i(n)cep(ta)e)

Übersetzung:

A Ich bin die Mutter der schönen Liebe.

B Im Jahr des Herrn 1457, am Donnerstag nach (dem Festtag des hl.) Bartholomäus ist dieses Tor begonnen worden.

Datum: 1457 August 25.

Wappen:
Stadt Halle5)Erzstift Magdeburg6)

Kommentar

Das Wappenrelief (B) ist von hoher künstlerischer und handwerklicher Qualität. Die Schrift weist eine deutliche Neigung zur Ausbildung quadrangelförmiger Schaftabschlüsse innerhalb des Mittellängenbereichs sowie kurze Ober- und Unterlängen auf. Die Oberlängen von b, h, l und t sind spitz ausgezogen. Die Zahlzeichen zeigen Besonderheiten: Die oberen Schaftenden von m und cccc sind zusammengezogen, der jeweils letzte Schaft von m und lvij läuft unter der Grundlinie spitz aus. Als Kürzungszeichen stehen zumeist kurze, schrägrechts geschnittene Kompendienstriche.

Die Lobpreisung Mariae aus dem apokryphen Buch des Jesus Sirach war in leicht geänderter Form in das Formular einer Marienmesse aufgenommen7) und sicherlich als Ehrentitel der Gottesmutter rezipiert worden. Das Marienbild und seine Inschrift ist zweifellos in vorreformatorischer Zeit entstanden, vielleicht beim Neubau des Moritztores 1457.

Textkritischer Apparat

  1. pulchrae] pulcherrimae Neuß.
  2. quinta] Zwischen q und t stehen drei gleichartige, mit einem mittig plazierten Kürzungsstrich überschriebene Schäfte. Da das u in Binnenstellung mit zwei gleichförmigen Schäften (wie in valua) geschrieben werden konnte, ist nicht sicher zu entscheiden, ob u gekürzt und in ausgeschrieben oder die hier vorgeschlagene Schreibung gewählt worden war.
  3. post] Kürzungszeichen in Form einer 9 mit geschwungenem unteren Bogenende.
  4. bartholomaei] Kürzung durch ein kleines hochgestelltes i. Zu ergänzen ist diem bartholomaei oder festum bartholomaei.
  5. incepta] Suspensionskürzung durch zwei überschriebene Quadrangel.

Anmerkungen

  1. Dreyhaupt 1, 1749, S. 668.
  2. Neuß 2, 1935, S. 77; nach Dolgner 2007, S. 191 im Jahr 1830 abgebrochen.
  3. Inv.-Nr. MO III 00144.
  4. Sir 24,24.
  5. Siebmacher I, 4, Taf. 110. Hier allerdings mit fünfstrahligen Sternen.
  6. Siebmacher I, 5, 1, Taf. 171.
  7. AH 49, Nr. 400, v. 4. Die Junktur mater pulchrae dilectionis stand auch am Anfang des Versikels eines Responsoriums, das zum Fest der hl. Anna gesungen wurde; Blume 1897, S. 64.

Nachweise

  1. Olearius 1667, S. 194.
  2. Dreyhaupt 1, 1749, S. 668.
  3. Schultze-Galléra 1920, S. 37 (A) 48 (B).
  4. Schultze-Galléra 1926, S. 100 (B).
  5. Neuß 1, 1934, S. 174 (Anm. 45: B).
  6. Neuß 1955, S. 10 (B).

Zitierhinweis:
DI 85, Halle/Saale, Nr. 34 (Franz Jäger), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di085l004k0003409.