Inschriftenkatalog: Die Inschriften der Stadt Halle an der Saale

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 85: Halle/Saale (2012)

Nr. 29 Universitätsring 2 1432

Beschreibung

Quader aus Sandstein (?) mit eingehauener Bauinschrift in einem Mauergefüge aus sekundär verwendeten Werksteinen an der Südwestecke des Gebäudes in ca. 60 cm Höhe über dem gegenwärtig anliegenden Hofniveau eingelassen, bei Sanierungsarbeiten 2009 freigelegt.1) Die Oberfläche stellenweise beschädigt und die rechte obere Ecke abgeschlagen.

Maße: H.: 34 cm; B.: ca. 106 cm; Bu.: 6,5–7 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalien der gotischen Majuskel.

DI 85, Nr. 29 - Universitätsring 2 - 1432

 Henryk Löhr, Halle (Saale) [1/1]

  1. Annoa) d(omi)ni m° cccc xxxb) ii / in die Jho(anni)sc) eunagelistad) est / i(n)ceptae) ista turris

Übersetzung:

Im Jahr des Herrn 1432, am Tag des Evangelisten Johannes ist dieser Turm begonnen worden.

Datum: 1432 Mai 6 (?).

Kommentar

Die Inschrift ist nicht sehr kunstvoll ausgeführt, wenn nicht eine gleichmäßige Abwitterung der Oberfläche über den ursprünglichen Zustand täuscht. Das s von Jhoannis läßt noch einen Zierstrich erkennen. Einzelne Buchstaben sind nicht regelgerecht ausgeführt: Die ersten beiden Schäfte des m sind so miteinander verbunden, daß sich die Form eines o ergibt. a und d sind allem Anschein nach nicht formal differenziert. Jhoannis und evnagelista fallen durch den Positionswechsel einzelner Buchstaben auf. Die unterste Zeile der Inschrift ist annähernd zentriert.

Anstelle des Universitätsrings lagen ursprünglich Mauer, Graben und Wall der Stadtbefestigung.2) Deshalb wird die Vermutung Franz Knauths, daß die Inschrift von einem der dort gelegenen Türme der Stadtmauer stamme, zutreffen. Neben dem Grundstück Universitätsring 2, am äußeren Ende der Schulstraße befand sich ein halbrunder Turm, der sogenannte Nachtwächterturm. Er wurde 1828 abgerissen.3) Im nördlich anschließenden Teil der Stadtmauer stand ein weiterer kleinerer Turm, der nach 1833 verschwand. An beiden kann sich die Inschrift befunden haben, bevor sie in das bald nach 1840 errichtete Haus Universitätsring 2 eingelassen wurde.4)

Der Festtag des Evangelisten ist der 27. Dezember, ein Tag am Beginn der winterlichen Frostperiode, an dem gewiß kein Neubau begonnen wurde. Dagegen ist der im Frühling liegende Gedenktag seines Martyriums in Rom, der 6. Mai (Johannis ante Portam Latinam, Johannis in oleo), durchaus für einen Baubeginn geeignet.

Textkritischer Apparat

  1. Anno] Das A beschädigt, der linke Schaft überputzt.
  2. cccc xxx] Die oberen Bogenabschnitte des c zu einem Strich zusammengezogen; die drei Zahlzeichen x mit deutlichem Abstand zueinander gesetzt.
  3. Jhoannis] Sic!
  4. eunagelista] Sic! Der dritte Schaft des Nexus litterarum am unteren Ende nach links umbrochen. Keine Kürzungszeichen. Evangelistae Knauth.
  5. incepta] Kein Kürzungszeichen.

Anmerkungen

  1. Die Wiederentdeckung der Inschrift ist der Aufmerksamkeit von Herrn Andreas Rühl, Halle (Saale), zu verdanken.
  2. Vgl. hierzu Einleitung, S. XXIX.
  3. Dolgner 2008, S. 20 f.; vgl. Neuß 2, 1935, S. 57 (Nr. 9).
  4. Dolgner 2009, S. 21–24; vgl. Neuß 2, 1935, S. 57 (Nr. 8).

Nachweise

  1. Knauth 1857, S. 832.

Zitierhinweis:
DI 85, Halle/Saale, Nr. 29 (Franz Jäger), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di085l004k0002905.