Inschriftenkatalog: Die Inschriften der Stadt Halle an der Saale

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 85: Halle/Saale (2012)

Nr. 23 Moritzkirche 1419

Beschreibung

Skulptur eines Christus an der Geißelsäule, aus Sandstein gehauen, gefaßt, heute auf einem beschrifteten Sockel von 1674 an der Südwand des südlichen Nebenchores aufgestellt. Schlanke, sich windende Gestalt, deren erhobene Arme über dem Haupt kreuzweise an das obere Ende und deren Füße an das untere Ende der Geißelsäule gefesselt sind. Die Säule trägt eine flache Platte, die wie ein Baldachin über dem Gegeißelten schwebt und an deren konkaven Seitenflächen ein Titulus (A) angebracht ist. Eine zweite Inschrift mit Verweis auf ein Bibelzitat (B) läuft senkrecht an der Martersäule entlang und ist von einem eingehauenen Rahmen umschlossen. Die sechsseitige Plinthe der Skulptur unregelmäßig geformt. An ihren vorderen Seitenflächen ein Meistervermerk (C). Sämtliche Inschriften eingehauen. Der mutmaßliche erste Teil von C, eine Jahreszahl, auf der Oberseite der Plinthe innerhalb eines linear eingehauenen Rahmens. Fassungsreste.1)

Maße: H.: 276 cm (einschließl. Sockel); B.: 65 cm (einschließl. Sockel); T.: 53 cm (einschließl. Sockel); Bu.: 3 cm (A, C, D), 3,5 cm (B).

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalien der gotischen Majuskel.

DI 85, Nr. 23 - Moritzkirche - 1419

 SAW Leipzig, Inschriftenkommission (Ilas Bartusch/Hans Fuhrmann) [1/9]

  1. A

    + Lx · bis duo · cca) sup(er)additab) · m(ili)ac) · qui(n)q(ue) ·Tot f(ueri)td) · (Christus)e) · p(ro) nobis · vulne(r)a · pa[ssus]f)

  2. B

    · + Flagellacio · Cristig) · describitur · ysaie · p(r)imo · a planta · pedis · usq(ue) · ad vertice(m) · no(n) · fuit · in eo · sanitas2) ·

  3. C

    · m° · cccc° · xix°h) · // [- - -]i) Conradus · de Einbekej) · me · perfecit · [- - -]k)

Übersetzung:

A Sechzig, zweimal zweihundert und fünftausend zusammengezählt: Wohl so viele Wunden hat Christus für uns erlitten.

B Die Geißelung Christi wird im ersten Buch Jesaja beschrieben: Von der Fußsohle bis zum Scheitel war an ihm kein Heil.

C 1419 (...) Conrad von Einbeck hat mich vollendet (...)

Versmaß: Zwei Hexameter (A), einsilbig leoninisch gereimt (2. Zeile).

Kommentar

Die Formen der Minuskelbuchstaben gleichen im wesentlichen denen der übrigen Werke des Conrad von Einbeck (vgl. Nr. 19, 20). Inschrift B ist aber qualitätvoller ausgeführt als Inschrift A. Die Versalien der Inschriften A und B ragen im Gegensatz zur sonst üblichen Schreibweise in den Oberlängenbereich hinein. Zierstriche sind hier auch an den unteren Enden einzelner Minuskelbuchstaben angesetzt. Die Worttrenner sind in vorliegenden Inschriften punktförmig – sofern ihre Form genauer beschrieben werden kann.

Die Auflösung der Kontraktion fuerit (A) unter Berücksichtigung eines hochgestellten, i-ähnlichen Zeichens ist die einzige, die sich dem Versmaß fügt. Die Verbindung einer Form von esse im Perfekt oder Plusquamperfekt mit einem Partizip Perfekt ist im Mittelalter durchaus gebräuchlich.3)

Die linke und die rechte Schmalseite der Plinthe sind vielleicht noch im 15. Jh. abgearbeitet worden, um die Plinthe einem anderen Aufstellungsort anzupassen. Dabei ging vielleicht die Jahresangabe von Inschrift C verloren und wurde auf der Oberseite der Plinthe nachgetragen. Ausgehend von dem gut lesbaren Wort perfecit nimmt Ilas Bartusch an, daß Conrad von Einbeck für C ein Signaturformular verwendete (siehe dazu Kommentar Nr. 20), das mit der Jahresangabe eingeleitet wird und mit der Angabe des Tages, an dem die Skulptur fertiggestellt wurde, endet. Dementsprechend konjiziert er unter Inschrift C, soweit das möglich ist.4) Die Zahl der Christus zugefügten 5460 Wunden weist Bartusch in einer Anleitung zur Compassio Christi der Mystikerin Mechthild von Hackeborn (ca. 1241–1299) nach. In ihrem „Liber specialis gratiae“ empfahl Mechthild: „Qui Dominicae passionis colendam memoriam frequentare desiderat, feria sexta vice Horarum legat septies Psalmum: Exaltabo te, Domine, quoniam suscepisti me. (Ps. XXIX) Et post circulum anni habebit tot versus quot Christus vulnera habuit.“ Da die Zahl der Psalmverse vor der Reformation nicht festgelegt war, weiß man die Gesamtzahl der zu lesenden Verse (= Wunden Christi) nur durch ihre Nennung an einer anderen Stelle desselben Werkes Mechthilds.5) Die mystische Zahl könnte durchaus in regionaler Überlieferung dem Autor der Inschrift A zur Kenntnis gelangt sein, denn die als Heilige verehrte Mechthild von Hackeborn lebte im Zisterzienserinnenkloster Helfta bei Eisleben, ca. 30 km von Halle entfernt. Andere spätmittelalterliche Autoren nennen andere Zahlen der Wunden Christi.6) Der zitierte Jesaja-Vers spricht gleichnishaft vom sündigen Volk Israel, an dem kein Heil mehr war (Is 1,4–6) – wie am Leib Jesu, der aber durch Tod und Auferstehung die Sünden des Gottesvolkes getilgt hat. Die einzelne Darstellung Christi an der Geißelsäule ist vielleicht als Passionssäule anzusprechen, ein Skulpturentypus, der sich mit der wachsenden Passionsfrömmigkeit aus dem Passionszyklus herausgelöst hat.7) Ein programmatischer Zusammenhang mit den anderen Monumentalskulpturen des Conrad von Einbeck, Schmerzensmann und Schmerzensmutter (Nr. 20, 21), ist aber durch die Herleitung der Bildmotive aus der Passionsikonographie gegeben.

Wegen der augenfälligen stilistischen Unterschiede zu den zeitlich nahestehenden Werken Conrads (vgl. insbesondere Nr. 20, 21) muß offenbleiben, ob es sich um ein eigenhändiges Werk des Meisters handelt. Die umstrittene Zuweisung kann auch nicht durch eine Ausdeutung der Meistersignaturen geklärt werden, wie Bartusch darlegte.8) Die anderen Skulpturen sind blockhaft gebunden und lassen jene schlanke, raumgreifende Formbildung vermissen, die den gegeißelten Christus auszeichnet. Dennoch steht der Gegeißelte den anderen signierten Großplastiken Conrads nahe, insbesondere in den veristischen Details (vgl. z. B. die Äderung der Haut).

Textkritischer Apparat

  1. cc] Sic! Die Doppelung des c soll die Doppelung der Jahrhunderte veranschaulichen; Bartusch 1998, S. 89 (Anm. a).
  2. cc superaddita] cc et super addita Otte; ccliiii addita BKD Prov. Sachsen NF 1.
  3. milia] Kürzung durch hochgestelltes a. m. n Schubart; m. n. Olearius; M. Dreyhaupt, Weise, Knauth, Heydemann; M e BKD Prov. Sachsen NF 1.
  4. Tot fuerit] Tot st. Schubart, Olearius, BKD Prov. Sachsen NF 1; Tot est Dreyhaupt, Weise, Knauth, Heydemann, Otte.
  5. Christus] Befund: xpc. Xpo Olearius; Xps Dreyhaupt, Weise, Knauth.
  6. passus] passa Schubart, Olearius, Dreyhaupt, Weise.
  7. Cristi] Christi Schubart, Olearius, Dreyhaupt, Weise, Heydemann, BKD Prov. Sachsen NF 1.
  8. Die hochgesetzten Endungsbuchstaben stehen außerhalb des Rahmens.
  9. [- - -] Bartusch ergänzt: Anno · domini · mo · cccco · xixo ·.
  10. Einbeke] Embeke Heydemann.
  11. [- - -] Textverlust unsicher.

Anmerkungen

  1. Die Übersetzung folgt Bartusch 1998, S. 89 (Nr. 7).
  2. Nach Is 1,6.
  3. Bartusch 1998, S. 89 (Nr. 7, Anm. e).
  4. Vgl. Anm. i.
  5. Bartusch 1998, S. 106–108; das Zitat auf S. 106.
  6. Ebd., S. 107.
  7. Vgl. LdK 5, 1996, S. 463 f.
  8. Bartusch 1998, S. 103–105. Allerdings kann dem zur Begründung unternommenen Versuch zur Systematisierung der Meisterinschriften Conrads nicht vorbehaltlos zugestimmt werden (s. Nr. 20).

Nachweise

  1. Schubart 1662, fol. E1r (A, B unvollständig).
  2. Olearius 1667, S. 196 (A, B unvollständig).
  3. Dreyhaupt 1, 1749, S. 1085 (A, B unvollständig).
  4. Büsching 1819, S. 390 f. (A, B unvollständig).
  5. Weise 1824, S. 59 (A, B unvollständig).
  6. Knauth 1857, S. 606 (A).
  7. Heydemann 1882, Sp. 21 (A, B, C unvollständig).
  8. Otte 1883, S. 418.
  9. BKD Prov. Sachsen NF 1, S. 135 f. (A und C unvollständig, B).
  10. Gerstenberg 1929, S. 16 (C unvollständig).
  11. Schadendorf 1953, S. 86 (C unvollständig).
  12. Schadendorf 1963, S. 36 (C unvollständig).
  13. Soffner 1994, S. 20 (C unvollständig).
  14. Bartusch 1998, S. 88 f. (Nr. 7).

Zitierhinweis:
DI 85, Halle/Saale, Nr. 23 (Franz Jäger), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di085l004k0002306.