Inschriftenkatalog: Stadt Halberstadt

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 86: Halberstadt (Stadt) (2014)

Nr. 71 St. Martini 1511

Beschreibung

Glocke, sog. Feuerglocke; Südturm, im ersten Glockengeschoß, zuletzt als Stundenglocke genutzt; Bronze; ein Henkel ausgebrochen, Ausbrüche und leichte Verformungen an der Schärfe, verschmutzt; Krone von sechs geschwungenen, vierkantigen Henkeln um eine überhöhte Mittelöse, die Schauseite der Henkel mit aufgelegten Stäben verziert, außen Blütendekor, innen Schnurband um einen scharfen Grat mit Christusmaske in der Mitte, Kronenplatte abgesetzt, die sechsfach profilierte, gerade abfallende Haube mit schmaler Rundung zur Schulter, daran über einem Schnursteg stehender Bogenfries aus abwechselnd kleinen Lilien und größeren, stilisierten Blättern mit Blütenständen, es folgen zur Flanke hin zwischen Rundstegen ein Stabfries mit Frauenbüsten und Blütenranken, darunter zwischen Stegen einzeilig umlaufend erhaben gegossen als Glockenrede die versifizierte Funktionsangabe samt Gießersignatur (A) und dem Gießerwappen; es schließt sich ein von Rundstäben umgebener Rosettenfries an, der von spruchbandhaltenden Engeln unterbrochen wird, es folgt, unterhalb eines dünnen Schnurstegs hängend ein doppelter Bogenfries von Blütengebinden, an der Flanke zwischen Stegen einander gegenüberliegend, getrennt bzw. unterbrochen durch die Reliefs Christi als Salvator bzw. des Hl. Martin als Bischof, einzeilig, erhaben ausgeführt das Schriftstellerzitat nach einem Bibelwort (B) sowie die Fürbitte (C), an die sich jeweils das Halberstädter Stadtwappen anschließt. Gewicht: ca. 6000 kg.1)

Maße: H. 196 cm, D. 213 cm, Bu. 4 cm (A), 3,5 cm (B, C), Versalien: 5–5,5 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit geschwungenen Versalien aus der gotischen Majuskel.

DI 86, Nr. 71 - St. Martini - 1511

 SAW Leipzig, Inschriftenkommission (Hans Fuhrmann/Marion Gronemann) [1/1]

  1. A

    Exeqviasa)· Pando· Funebres· Fulminab)· Pello·Atq(ue)· Canoc)· Sonitud)· Festae)· Decoraf)· Meog)· Annis· Quingentis· Undenish)· Mille· Peractis· Me· Henricki)· De· Campen· Fuderat· Arte· Suaj)·

  2. B

    · Sumk)· Luxl)· Vita· Viam)· · //· Mercesn)· Bona· Ianua· Regnio)2)·

  3. C

    · · Christep)· Tuvmq)· Populumr)· · · // · Salvums)· Fac · Atq(ue)· Tueret) 3)···

Übersetzung:

A: Leichenbegängnisse verkünde ich, Blitzschläge verjage ich, und ich besinge durch meinen Klang prunkvolle Feste. Nachdem eintausend fünfhundert elf Jahre vollbracht waren, goß mich Henrick von Kampen durch seine Kunstfertigkeit.

B: Ich bin das Licht, das Leben, der Weg, der gerechte Lohn, die Tür zum [Himmel]reich. C: Christus, segne und schütze dein Volk!

Versmaß: Zwei elegische Distichen, drei Verse einsilbig rein/assonierend leoninisch gereimt (A), zwei Hexameter (B, C).

Wappen:
Hinrick van Kampen4)Stadt Halberstadt5)

Kommentar

Die Schrift kann als ausgesprochen elaborierte gotische Minuskel bezeichnet werden, deren Wortanfänge von teilweise verschlungenen, phantasievollen Versalien, die aus der gotischen Majuskel herrühren, gebildet sind. Bögen sind durch einfache Brechungen aufgelöst. Ober- und Unterlängen ragen kaum über das Mittelband hinaus und sind ebenfalls teils mit Verschlingungen versehen. Als Worttrenner dienen Blüten, Blumen und Fruchtgehänge. Es wurden ähnliche Model benutzt, wie sie auch für die Schrift der drei Jahre später vom selben Gießer, Hinrick van Kampen, hergestellten Spendeglocken des Domes verwendet wurden.6)

Die Glocke bildete wahrscheinlich ein Ensemble mit einer zweiten, verlorenen Glocke, die im Mittelbau hing und im selben Jahr von demselben Gießer gegossen worden war (Nr. 72 †). Als Geläut der Stadtpfarrkirche scheinen sie nach ihren Inschriften sowohl sakrale als auch weltliche Aufgaben erfüllt zu haben, wie auch die Anbringung des Stadtwappens zu zeigen scheint. Die noch erhaltene weist im Dekor Ähnlichkeiten mit den beiden Spendeglocken des Doms auf, die auch von Hinrick van Kampen stammen.6) Auf der Flanke der sog. Feuerglocke ist neben Christus als Christkönig bzw. Salvator, der über einem Drachen steht, der Hl. Martin als Bischof, gleichfalls über einer Echse stehend dargestellt. Da jede Kirche zunächst einmal dem Salvator geweiht war – auf den auch die Worte aus dem Figurengedicht des Hrabanus Maurus der Inschrift B bezogen sind7) –, sieht man hier die beiden Hauptpatrone der Pfarrkirche wiedergegeben.8) Die weiteren Patrone, Maria und Katharina, waren an der Zwillingsglocke zu sehen (Nr. 72 †). Auch hier bestehen Beziehungen zu dem Bildprogramm der Spendeglocken des Domes von 1514, die ebenfalls die Kirchenpatrone zeigen.6)

Textkritischer Apparat

  1. Exeqvias] Exequies Hartmann, Glocken der Heimat.
  2. Fulmina] Es folgt ein männlicher Kopf.
  3. Cano] Es folgt als Worttrenner eine Büste.
  4. Sonitu] sonit Hartmann, Glocken der Heimat.
  5. Festa] Es folgt als Worttrenner ein Narrenkopf.
  6. Decora] decoro BKD, Hartmann, Glocken der Heimat.
  7. Meo] fleo BKD, Hartmann, Glocken der Heimat.
  8. Undenis] udenis Glocken der Heimat.
  9. Henrick] hinrick BKD, Hartmann, Glocken der Heimat.
  10. Sua] Eva Nebe. Es folgt eine Sonne als Worttrenner und das Gießerwappen.
  11. Sum] Vor dem Wort ein Engel mit unbeschriftetem Spruchband und als Worttrenner eine Blüte.
  12. Lux] Folgt eine Münze als Worttrenner.
  13. Vita Via] Es folgen nach dem Worttrenner ein rundes Gesicht oder ein Vollmond und die Figur des Salvator Mundi. Via Vita Nebe.
  14. Merces] Vor dem Wort ein aufrecht stehender Löwe und als Worttrenner ein Blütengebilde, danach und zwischen den folgenden Wörtern jeweils Münzen.
  15. Regni] regia BKD, Hartmann. Es folgen eine Münze als Worttrenner und das Halberstädter Stadtwappen.
  16. Christe] Vor dem Wort eine Münze und ein Blumengehänge als Worttrenner; christi Glocken der Heimat.
  17. Tuvm] Als Worttrenner folgen eine Münze und ein Blumengehänge.
  18. Populum] Es folgen ein Blumengehänge, eine Münze und eine Lilie als Worttrenner.
  19. Salvum] Vor dem Wort eine Münze als Worttrenner.
  20. Tuere] Es folgen ein stilisiertes Bäumchen und zwei Münzen als Worttrenner sowie das Halberstädter Stadtwappen samt einer weiteren Münze.

Anmerkungen

  1. Nebe 1876, S. 290: „mag eine Schwere von 120 Ctr. haben“.
  2. Hrabanus Maurus, In honorem sanctae crucis lib. 1, cap. 28, ver. 8. Dort heißt es: Dux, via, lux, vita, merces bona, ianua regni es. Vgl. auch Io 14,6. Siehe zu dem Figurengedicht 1,28 mit dem Palindrom in Kreuzform in der Mitte des Textes Ernst 1991, S. 289–292 mit Abb.
  3. Nach Ps 27,9; Augustinus, Enarrationes in Psalmos, psalmus 27, par. 9, lin. 1 und 4. Vgl. auch Ps 11,1 und Mt 1,21.
  4. Eine Glocke mit Krone darunter das Gießerzeichen; vgl. Hartmann 1964, S. 218 f. Nr. 5.
  5. Gespalten, darübergelegt ein schrägrechter Mauerhaken; vgl. Siebmacher St, S. 144 mit Taf. 175.
  6. DI 75 (Halberstadt Dom), Nr. 178, 179. Zu Hinrick van Kampen vgl. ebd. und Eichler 2003, S. 136 f.; Walter 1913, S. 773.
  7. Siehe dazu auch Ferrari 1996; Becht-Jördens 1996; Spilling 1992; Ernst 1991.
  8. Zu den Patrozinien siehe Angenendt 2002, S. 444 f., 452, 455 f. Die Abbildungen der Schutzherrn bei Niemann 1824, S. 64 erwähnt.

Nachweise

  1. Nebe 1876, S. 290.
  2. BKD, S. 399.
  3. Hartmann 1964, S. 208.
  4. Glocken der Heimat 1996, S. 10.

Zitierhinweis:
DI 86, Halberstadt (Stadt), Nr. 71 (Hans Fuhrmann), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di086l005k0007107.