Inschriftenkatalog: Dom zu Halberstadt

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 75: Halberstadt Dom (2009)

Nr. 184 Dom, Querhaus, Südempore 1516

Beschreibung

Metallteile der Grabplatte des Dompropstes Balthasar von Neuenstadt (1475–1516); an der Ostwand der Südempore aufgestellt, ursprünglich im zweiten Joch des Mittelschiffs unter der heute noch dort hängenden Leuchterkrone, die der Verstorbene stiftete.1) Die elf Teile sind an einer Holzplatte befestigt, die Paßstellen der einzelnen Stücke mit Versatzmarken gekennzeichnet, Relief, gut erhalten, leicht patiniert. Die innere Platte in einem Stück; der aus zehn Teilen zusammengesetzte Rahmen ganz außen durch eine Leiste mit Blattranken verziert, in den Ecken in Vierpässen die geflügelten Evangelistensymbole mit je einem inschriftenlosen Spruchband. Auf der Innenplatte in einem Rundbogen vor einem gemusterten Vorhang stehend ein Prälat, in Birett und eine mit Pelztroddeln geschmückte Almutie gekleidet, Stola und Manipel angelegt, in den Händen ein Buch, zu seinen Füßen sein Vollwappen, in den Bogenzwickeln je ein geflügelter, rankenhaltender Putto. Auf dem Rahmen zwischen der Rankenleiste und einem Steg umlaufend, erhaben gegossen die Grabbezeugung.

Maße: H. 200 cm, B. 112 cm, T. 0,9 cm, Bu. 7,5 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalien der gotischen Majuskel.

DI 75, Nr. 184 - Dom, Querhaus, Südempore - 1516

 SAW Leipzig, Inschriftenkommission (Hans Fuhrmann/Marion Gronemann) [1/1]

  1. An(n)o d(omi)ni · 1516 · die veneris · 17a) // me(n)sis oct(o)b(ris)b) obijt no(bi)l(is)c) egregiusq(ue) vir (et) d(omi)n(us) Baltasar de neue(n)stat p(re)posi//t(us) h(uius) eccl(es)ie cap(el)led) (et) ho(rarum)e) be(a)tef) marie v(ir)//g(in)isg) i(n) a(m)bitu2) ac corone p(rese)ntish) fu(n)dator h(i)ci) sepult(us) c(uius) a(n)i(m)a req(ui)estatj) i(n) pace

Übersetzung:

Im Jahre des Herrn 1516 am Freitag, dem 17. (Tag) des Monats Oktober starb der edle und ehrenvolle Mann und Herr Balthasar von Neuenstadt, Propst dieser Kirche, der Kapelle im Umgang und der Stundengebete (zu Ehren) der seligen Jungfrau Maria und auch der hier sichtbaren Leuchterkrone Stifter, der hier begraben ist. Seine Seele ruhe in Frieden.2)

Wappen:
Dompropstei Halberstadt/Neuenstadt3).

Kommentar

Die sehr qualitätvolle Schrift weist schmale Proportionen auf. Der linke Schaft des A weist längliche Bogenschwellungen nach links auf, der Deckbalken hebt mit einer verschnörkelten Schleife an, der Mittelbalken wird von nach links eingerollten Zierbalken begleitet. Der Schaft des B ist im unteren Verlauf geschwungen und verdoppelt, innen von einem lotrechten nicht der Kontur folgenden Zierstrich begleitet. Das i wurde verkleinert und der i-Punkt als Quadrangel mit dem Schaft verbunden. Der untere Bogen des p wird nach Durchschneiden des Schaftes nach unten gebogen. Rundes r gleicht einem i. Durch Zierstriche wird s vollständig abgeschlossen. Wie in der gotischen Urkundenschrift wird l durch einen den Schaft durchschneidenden Balken gekürzt. Als ris-Kürzung benutzte man den umgedrehten Model einer us-Kürzung. Die Kürzungsstriche verlaufen geschwungen, es gibt auffällige Kürzungen für die Silbenkombinationen -rarum bzw. -stiarum. Als diakritische Zeichen kennzeichnen v-Haken das u. Durch einen nach unten offenen Bogen werden v und i bezeichnet. Als Trennzeichen wurden Quadrangel auf Zeilenmitte verwendet. Die Kürzungsstriche in Kontur graviert, diakritische Zeichen zur Kennzeichnung von u und v in Unterscheidung von n in den Rand gestochen.

Die Vermutung, daß die Metallteile der Grabplatte in der Vischer’schen Tradition stehen, äußerte Hermes.4) Der Entwurf wurde Peter Vischer d. J., die Ausführung später der Werkstatt seines Bruders Hermann Vischer d. J. zugeschrieben.5) Die Übereinstimmung der Grabplatte besonders mit derjenigen des Dompropstes Bernhard Lubranski († 1499) im Dom zu Posen, die „wahrscheinlich um das Jahr 1505“ in der Werkstatt Peter Vischers d. Ä. gegossen wurde, bestätigt die Herkunft aus der Vischer’schen Werkstatt.6) Ein Vergleich der Schriftformen, insbesondere der Kürzungszeichen, sowie Übereinstimmungen in technischer Ausführung und Montage der Stücke erweisen das. Man vergleiche die Formen des Bogen-r, das über einer Kurzhaste ein senkrechtes Quadrangel aufweist, und des e. Auch die auf oder knapp unter dem einfassenden Steg plazierten nach oben durchgebogenen Kürzungsstriche, die links spitz beginnen und nach rechts breiter werden, erweisen eine Schriftverwandschaft. Gleiches gilt für die Kürzungen mittels hochgestelltem Buchstaben mit angeschlossenem Kürzungszeichen in Form einer Schlinge, z. B. in den Worten octobris und nobilis (Halberstadt) und venerabilis (Posen). Beide Innenplatten mit den figürlichen Darstellungen bestehen aus einem Stück, entgegen der zeitgenössischen Praxis, die Platten der Breite nach durch konvexe oder konkave Teilungsschnitte zu zerlegen. Vielleicht wurden die zehn Teile des Rahmens der Halberstädter Platte – wie aus den Versatzmarken zu ersehen ist –, auch zeitlich getrennt von der Innenplatte gegossen. Balthasar von Neuenstadt, Sproß eines aus dem Voigtländischen stammenden, im Gebiet der Domstifte Naumburg, Merseburg und Zeitz begüterten Geschlechts, ist seit 1461 als Domherr und von Anfang 1475 bis zu seinem Tod 1516 als Dompropst, 1467 auch als Propst von St. Bonifatius in Halberstadt belegt, im Jahr 1488 als Magdeburger Domherr, wieder ein Jahr später als dortiger Kämmerer, seit 1491 wohl auch als Domherr – seit 1509 angeblich Propst – in Merseburg.7) Er hatte Einkünfte aus Bergwerken in Wernigerode und Mansfeld und bewohnte 1473 eine Kurie zwischen dem Düsterntor und Liebfrauen.8) Als Domherr hielt er sich zu Beginn des Jahres 1464 eine zeitlang an der Kurie auf und wurde unter anderen mit dem Halberstädter Archidiakonat in Eisleben (Isleven, Mysläe) providiert.9) Er ist der Stifter der nach ihm benannten Neuenstädter Kapelle im Kreuzgang des Domes und – wie in der vorliegenden Inschrift erwähnt – der Leuchterkrone im Langhaus, und sein Name und Wappen befinden sich auf den beiden Spendeglocken von 1514 (vgl Nr. 159, 178, 179, 183 (†)).

Textkritischer Apparat

  1. 17] II. Haber, Lentz, Müller.
  2. octobris] b mit anschließendem Kürzungszeichen hochgestellt.
  3. nobilis] l mit anschließendem Kürzungszeichen hochgestellt, Nobilissimus Haber, Lentz, Müller.
  4. capelle] le hochgestellt.
  5. horarum] Hochgestelltes r mit Kürzungszeichen; xho BKD.
  6. beate] te hochgestellt.
  7. virginis] Durch Häkchen gekürzt.
  8. presentis] pendentis Fuhrmann, Hauschke.
  9. hic] c hochgestellt.
  10. requiestat] Sic! Für requiescat.

Anmerkungen

  1. Vgl. Haber 1739, S. 22; Müller 1795, S. 157 f.; Niemann 1824, S. 27; vgl. auch Nr. 107 Anm. 1.
  2. Gemeint ist die Kapelle im westlichen Teil des Kreuzgangs, die noch heute Neuenstädter Kapelle heißt. Siehe Nr. 159. Zur Leuchterkrone siehe Nr. 183.
  3. Quadriert, 1./4. ein Adler (Dompropstei Halberstadt), 2./3. ein Schrägbalken (Neuenstadt), Helmzier: zwei Büffelhörner, dazwischen drei oben beringte Stäbe; vgl. die abweichenden Beschreibungen und Darstellungen der Wappen des Geschlechts bei Siebmacher SaAE, S. 116 und Abb. Taf. 76, Mülverstedt 1870 (1871), S. 627 Nr. 34; eine Beschreibung des Siegels mit identischem Wappenschild bei Schmidt 1886, S. 43. Das Wappen zeigt heute noch der Schlußstein des vierten Gewölbes von Osten im Langhaus, es befand sich ehemals im vierten Gewölbe von Westen an der Südseite des Kreuzgangs und bezeichnete die Stiftung dort angebrachter hölzerner Tafeln mit Szenen der biblischen Geschichte; vgl. Elis 1857, S. 103 f., der Balthasar von Neuenstadt jedoch nicht erwähnt; Elis 1883, S. 46; Halberstadt, Domarchiv, Handzeichnung des Domküsters Haber vom Anfang des 18. Jahrhunderts, veröffentlicht von Elis 1836, ohne Signatur.
  4. Hermes 1896, S. 81; dann BKD, S. 302 als Frage; vgl. später auch Flemming/Lehmann/Schubert 1990, S. 53 Abb. 88; zuletzt Findeisen 1996, S. 63.
  5. Meller 1925, S. 196; Hintz 1964, S. 77, 79, Abb. S. 79; vgl. auch Thieme/Becker Bd. 36, S. 410 f.
  6. Lüer 1904 Bd. 1, S. 402 f., Abb. 304; Meller 1925, S. 82 ff., Abb. 39; Hauschke, S. 226 f. mit Abb. 179–183. Ähnlich auch die Grabplatte des Würzburger Dompropstes Georg Giech († 1501), die jedoch nur ikonographische Übereinstimmung aufweist, deren Schrift aber wegen der Verwendung anderer Modeln abweicht; vgl. BKD Würzburg, Abb. S. 84 sowie DI 27 (Stadt Würzburg I), Nr. 388 und Thieme/Becker Bd. 36, S. 404 ff.
  7. Siehe zur Biographie Balthasars von Neuenstadt Fuhrmann 2002 a, S. 203–225. Vgl. auch Siebmacher SaA, S. 116; Schmidt 1886, S. 42 f.; UB S. Bonifacii et S. Pauli, Register S. 583; UB St. Johann, Register S. 598; UB Stadt Magdeburg Bd. 3, Nr. 897; GS Magdeburg Bd. 1, S. 289, ebd., passim als Inhaber etlicher Kurien belegt. Rademacher 1912, S. 193; hier wird er auch als Merseburger Propst für das Jahr 1509 bezeichnet und als Todesjahr irrtümlich 1518 angegeben.
  8. Vgl. BKD, S. 224 und 236 f.
  9. BKD, S. 42; RG VIII/1, Nr. 350 und 3830.

Nachweise

  1. Haber 1739, S. 22.
  2. Lentz 1749, S. 300 f.
  3. Müller 1795, S. 157 f.
  4. Halberstadt, Domarchiv, Zeichnungen von Johann Schäfer von 1842, ohne Signatur.
  5. Oeynhausen, Sammlung, Hannover, Niedersächsische Landesbibliothek Oy-H, 42 Nr. 238 (Julius Karl Adolf Friedrich Graf von Oeynhausen (1843–1886), Sammlung von Grabinschriften in deutschen Kirchen).
  6. Schmidt 1886, S. 43 (ohne Auflösung der Kürzungen).
  7. BKD, S. 302 (ohne Auflösung der Kürzungen).
  8. Fuhrmann 2002 a, S. 203.
  9. Hauschke 2006, Nr. 72 S. 261 f. mit Abb. 232.

Zitierhinweis:
DI 75, Halberstadt Dom, Nr. 184 (Hans Fuhrmann), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di075l003k0018400.