Inschriftenkatalog: Dom zu Halberstadt

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 75: Halberstadt Dom (2009)

Nr. 183(†) Dom, Langhaus, Mittelschiff 1516

Beschreibung

Radleuchter;1) im zweiten Joch des Langhauses von Osten; Metall (Eisen) geschmiedet,2) zwölf ehemals vergoldete Glieder, zehn davon patiniert, zwei, das achte und neunte Glied, durch Restaurierung der Patina beraubt, die vollständig verschwunden ist, sonst gut erhalten. Die Glieder durch je zwei Scharniere miteinander verbunden und an zwölf Ketten, in deren Mitte sich je eine (erneuerte) Kapsel (Kugel) befindet, an einer Mittelkette aufgehängt. Pro Glied fünf Kerzenhalter (heute insgesamt neunundfünfzig, da einer des zehnten Gliedes fehlt) und vier Kugeln (insgesamt achtundvierzig). Die einzelnen Glieder durch Treibarbeiten in vier horizontale Zonen eingeteilt; als unterstes Schmuckband ein Perlstab, darüber ein Band mit vegetabilen Formen (liegende Amphoren, aus denen Blumen hervorragen), in der dritten Zone anthropo- und zoomorphe Formen (kniende Menschenfiguren, Vögel mit ineinander verschlungenen Hälsen), in der obersten Fläche Heftschnüre. Vor den zwölf Scharnieren unter je einem auf Säulen ruhenden Baldachin Statuetten Marias und elf weiterer Heiliger;3) weiter wird der Leuchterkranz außen viermal durch ein Vollwappen gegliedert; in diesen Feldern jeweils die Jahreszahl (A) aufgemalt, getrennt durch die Helmzier; die liturgische Versinschrift (B), ehemals aufgemalt und nur an der Patinierung einiger Stellen noch erkennbar, im Inneren in Konturschrift einzeilig umlaufend, beginnend mit dem siebenten Glied, das auf die Madonna im Strahlenkranz folgt.

Ergänzungen nach Haber 1739.

Maße: D. ca. 300 cm, B. 38,5 cm (mit Kerzenhalter 52,5 cm), Bu. 15 cm (B), 6,5 cm (A).

Schriftart(en): Kapitalis.

DI 75, Nr. 183 (†) - Dom, Langhaus, Mittelschiff - 1516

 SAW Leipzig, Inschriftenkommission (Hans Fuhrmann/Marion Gronemann) [1/3]

  1. A

    15//16

  2. B

    [REGINA COELI LAETARE ALLELVIAQVIAa) QVE]M [MERVISTI PORT]ARE [ALLEL]VIA[RESVRREXITb) SICVT DIXIT ALLELVIAO]RA [PRO NOBIS] DEVM [ALLELVIA]4)

Übersetzung:

B: Himmelskönigin freue dich, alleluja, weil, den zu tragen du würdig warst, alleluja, auferstanden ist, wie er es gesagt hat, alleluja, bitte Gott für uns, alleluja.

Versmaß: Hymnenverse (B)4)

Wappen:
Dompropstei Halberstadt/Neuenstadt5).

Kommentar

Die langgestreckte nahezu klassische Kapitalis der Inschrift B läßt sich nur noch aus wenigen verbliebenen Buchstabenresten erkennen.

Die Lichtkrone mit dem vierfachen Wappen des Stifters und der Jahreszahl sowie der im Inneren des Reifes aufgemalten Antiphon ordnete der Dompropst, der unter ihr begraben liegt, testamentarisch an.6) Es handelt sich nach der von ihm errichteten Kapelle im Kreuzgang um die zweite bedeutende Stiftung Balthasars von Neuenstadt (um 1440–1516). Sie wird auch in seiner Grabschrift erwähnt. Sie entstand der aufgemalten Jahreszahl zufolge wohl noch im Jahr 1516. Balthasars Stiftung von 1000 und weiteren 400 Gulden war verbunden mit der Einsetzung eines Priestervikars sowie mit der Einrichtung von Gebeten und geistlichen Gesängen. Die sechzig Lichter sollten jeden Freitag angezündet werden, wenn das Responsorium „Tenebrae factae sunt“, das Christi Todesstunde zum Inhalt hat, gesungen wurde, das der Dompropst ebenfalls gestiftet hatte. Währenddessen mußte die zweitgrößte Glocke des Domes, die Sonntagsglocke Osanna geschlagen werden. Auch bei Stationsfeiern in der Mitte der Kirche und während besonderer Feste sollten die Lichter leuchten. Die Leuchterkrone symbolisiert den Mauerkranz des Himmlischen Jerusalem.7) Unter ihren zwölf Baldachinen stehen jedoch nicht wie üblich die zwölf Apostel, sondern Maria im Strahlenkranz, der Dompatron Stephan und weitere Heilige, darunter auch Apostel, die jedoch nicht alle zu identifizieren sind. Zum Stifter vgl. auch Nr. 118, 136, 137, 159, 184. Der Leuchter könnte, wie jüngst im Zusammenhang mit der Grabplatte seines Stifters vermutet wurde (Nr. 184), die beide erst nach dem Tod des Prälaten von seinen Testamentsvollstreckern in Auftrag gegeben wurden, aus der Werkstatt Peter Vischers d. J. in Nürnberg stammen.8)

Textkritischer Apparat

  1. QVIA] qui Lucanus.
  2. RESVRREXIT] fecit fügt hinzu Müller.

Anmerkungen

  1. Haber 1739, S. 22; Plato 1791, S. 327 f.; Müller 1795, S. 158; Lucanus 1799, Nr. 3 von 18. Mai 1799 S. 40; Niemann 1824, S. 27; Elis 1857, S. 98; Lucanus 1866, S. 40 hält die Lichtkrone allerdings für ein Werk von 1597, einem Jahr, dem er irrtümlich auch die Entstehung der Kanzel zuschreibt und beides als Stifter dem Dekan von Kannenberg; Zschiesche 1895, S. 162; Hermes 1896, S. 55 f.; BKD, S. 279; Lüer 1904, S. 85 f.; Doering 1927, S. 55 mit Abb. 36; Stuttmann 1927, S. 22 mit Abb. S. 49; Giesau 1929, S. 45; Hinz 1964, S. 96; Flemming/Lehmann/Schubert 1990, S. 152; Lexikon der Kunst Bd. 4, S. 324; Findeisen 1996, S. 63; Der heilige Schatz 2008 Nr. 118 S. 394 f. mit Abb. (Alice Gudera).
  2. Messing geben Haber 1739, S. 22, Müller 1795, S. 158, Lucanus 1799, Nr. 3 vom 18. Mai 1799, S. 40 und Zschiesche 1895, S. 162 an.
  3. 1) Madonna im Strahlenkranz, 2) Heilige mit Buch in der Rechten, Schriftrolle oder Nagel, Meißel in der Linken (Apollonia?), 3) Kahlköpfiger Heiliger, Attribute fehlen, auf der linken Schulter des Gewandes eine Rosette, 4) Heiliger mit Knauf eines Messers oder Schwertes in der Rechten, Buch auf dem Schoß mit der Linken haltend (Bartholomäus?), 5) heiliger Stephan mit Palmzweig in der Rechten und Buch mit darauf liegenden Steinen in der Linken, 6) Bärtiger Heiliger mit Halbglatze, Buch in der Linken, Rechte fehlt, 7) bärtiger Heiliger, Gewand vorne offen, vielleicht Beutel oder ähnliches in der Linken, 8) Johannes, bartlos, Kelch in der Linken, die Rechte segnend darüber, 9) langbärtiger Heiliger mit Stab in der Linken, Attribut in der Rechten nicht erkennbar (Jakobus d. Ä.?), 10) Langbärtiger Heiliger mit Buch in der Rechten, in der Linken wohl ein Schwert (Paulus?), 11) bärtiger Heiliger mit Halbglatze, Attribute fehlen, 12) Heiliger mit Keule in der Rechten und Buch in der Linken (Jakobus d. J.? oder Judas Thaddäus?).
  4. Marianische Antiphon von Ostern bis Dreifaltigkeit bzw. an Pfingsten. CAO Vol. III, Nr. 4597; Thalhofer/Eisenhofer 1912 Bd. 2, S. 573 f.; Schott, S. [180] sowie DI 21 (Kärnten I), Nr. 188. Der erste Vers auch DI 29 (Stadt Worms), Nr. 311. Die ersten beiden Verse AH 15, Nr. 93 f. S. 115 und DI 35 (Stadt Braunschweig I), Nr. 215; die ersten drei Verse und zur Entstehung der Antiphon DI 58 (Stadt Hildesheim), Nr. 277 mit Anm. 2 und Nr. 289. Vgl. auch Marienlexikon Bd. 5, S. 435–437.
  5. Quadriert, 1./4. ein Adler (Dompropstei Halberstadt), 2./3. ein Schrägrechtsbalken (Neuenstadt); vgl. die analog gestalteten Propstwappen von Erich Rabiel und Busso von Beichlingen Siebmacher Bi, S. 144 mit Taf. 226 und das Neuenstädtische Wappen Siebmacher SaA, S. 116 mit Taf. 75.
  6. LHASA Magdeburg, Rep. A 14 Nr. 1279; ebd., Rep. U 5, XVII c, Nr. 6 und Nr. 8; vgl. auch Schmidt 1886, S. 69. Die Bestimmung erging am 4. April 1516 und war im November 1518 durchgeführt. Zum Folgenden auch Fuhrmann 2002 a, S. 212.
  7. Lexikon der Kunst Bd. 4, S. 323 f.
  8. Der heilige Schatz 2008 Nr. 118 S. 394 f. mit Abb. (Alice Gudera).

Nachweise

  1. Haber 1739, S. 22.
  2. Lentz 1749, S. 301 (nach Haber).
  3. Müller 1795, S. 158.
  4. Lucanus 1799, S. 40.
  5. Hermes 1896, S. 56.
  6. BKD, S. 279.

Zitierhinweis:
DI 75, Halberstadt Dom, Nr. 183(†) (Hans Fuhrmann), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di075l003k0018303.