Inschriftenkatalog: Dom zu Halberstadt

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 75: Halberstadt Dom (2009)

Nr. 179 Dom, Nordturm 1514

Beschreibung

Glocke, Maria Magdalena genannt, sog. „Spendeglocke“,1) im zweiten Glockengeschoß des Nordturms, ihrem ursprünglichen Standort,2) in einem 1997 angebrachten Glockenstuhl aus Holz; Hammerspuren am Schlag.3) Bronze, Krone mit sechs Öhren von kantigem Querschnitt, jeder Bügel an der Schauseite mit einer Christusmaske und Flechtbandornament verziert,4) Kronenplatte abgesetzt. Auf der leicht abfallenden Haube zwei von Rundstegen gefaßte gratige Stege, an der Schulter verschlungener Lilienfries über gedrehtem Schnursteg, nach unten anschließend zwischen Rundstegen ein Rosettenfries. Es folgen die Glockenrede mit Jahreszahl und Gießersignatur (A), erhaben gegossen umlaufend zwischen gratigen Stegen, an die sich ein Rundsteg anschließt. An der Flanke unterhalb eines an gedrehtem Schnursteg hängenden floralen Rankenfrieses zwischen zwei Gratstegen erhaben gegossen umlaufend die Fürbitte (B) des Dompropstes Balthasar von Neuenstadt (1475–1516) und des Domdekans Johannes von Mahrenholtz (1513–1538), unterbrochen von den einander gegenüberliegenden Reliefs der Kirchenpatrone Maria Magdalena (darunter ein Wappen) und Sixtus, begleitet rechts von der kleinen aufrechten Figur eines Edelmannes, links von einem Wappen. Am Wolm fünf, am unteren Rand drei Stege. Außerdem schmücken ein Narrenkopf und eine männliche Büste die Inschrift B. Gewicht: ca. 800 kg, Schlagton: fis¹–9.5)

Maße: H. 80 cm, Krone 20,5 cm, D. 104 cm, Bu. 3 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalien in gotischer Majuskel.

DI 75, Nr. 179 - Dom, Nordhaus - 1514

 SAW Leipzig, Inschriftenkommission (Hans Fuhrmann/Marion Gronemann) [1/2]

  1. A

    + Mariea) · michi · nome(n) · que · magdalena · vocatur ·Meritu(m) · diui · sixti · ostendit(ur)b) · hic · in · campana ·Anno · d(omi)ni · Mo · vc · xiiii · // hinrickc) · van · kampen ·

  2. B

    S(ancta) · Maria · Mag//dalenad) · bidde · vor · vns · Her · Baltatzar · Nyenstadt · Domprauest · S(ancte) · Sixtie) · // · Bidde · vor · vns · Her · Johan · von · Marnholte · Domdeken ·

Übersetzung:

A: Mein Name ist Maria, die Magdalena genannt wird. Die Wohltat (das Verdienst) des heiligen Sixtus wird hier in der Glocke offenbart. Im Jahre des Herrn 1514 Hinrick van Kampen.

Wappen:
Dompropstei Halberstadt/Neuenstadt6), Mahrenholtz7).

Kommentar

Unter den Buchstaben stechen die Versalien mit ihren schleifen- und rankenförmigen Verzierungen hervor. Die mit Nodus in der Schaftmitte verzierte Mittelhaste des symmetrischen, unten offenen unzialen M mit beidseitig nach außen umgebogenen Bogenenden endet gegabelt. Der linke Schaft des pseudounzialen A ist nach außen gewölbt und wird von einem parallelen Zierstrich begleitet, während der rechte Schaft keilförmig verbreiterte Schaftenden aufweist. Der nach links überstehende Deckbalken des J ist gespalten und endet in floralen Ornamenten. Von den Minuskelbuchstaben endet die Fahne des r entweder nach unten oder unten und oben in Zierstrichen. Der zum Deckbalken umgeformte Bogen des g ragt nach rechts über die Haste hinaus. Die Inschriften sind auf der Zeilenmitte mit vielgestaltigen Worttrennern in Form von Rosetten, Lilien, sechsstrahligen Wirbeln, Blüten, Sternen und einer Büste verziert.

Die Maria Magdalena wurde 1514, nach einem am 30. Januar 1513 durch Blitzschlag verursachten Brand in den oberen Geschossen des Nordturms8), nach Ausweis der Gießersignatur durch Hinrick van Kampen gegossen.9) Ob die in der Fürbitte genannten Dignitäre des Halberstädter Domstiftes, Propst Balthasar von Neuenstadt und Dekan Johann von Mahrenholtz, deren Wappen die Flanke der Maria-Magdalena wie die der Laurentius-Glocke schmücken, deshalb als deren Stifter angesehen werden können, steht in Frage.10) Zu den beiden Domdignitären siehe Nr. 184 und 159, 183 (†) sowie 192.

Textkritischer Apparat

  1. Marie] Vor dem Namen ein Tatzenkreuz.
  2. ostenditur] ostendit Haber, Jakobs, Nebe, Hermes, BKD, Hartmann, Glocken der Heimat, Peter/Bund, Peter. Vertikal übereinander zwei miteinander verbundene Quadrangel am oberen Zeilenrand als Kürzungszeichen wohl für -ur, wenn es sich nicht um Unreinheiten des Gusses handelt.
  3. hinrick] hinric Glocken der Heimat, hinrik Hermes, Hartmann, Peter, Heinrich Haber, Jacobs. Vor dem Wort das Relief eines Jünglings (Edelmannes?), eine Fackel (?) haltend.
  4. Magdalena] Der Name ist durch das Relief der Heiligen geteilt.
  5. Sixti] Sic!, Sixte Haber, Jacobs, Nebe, BKD, Hartmann, Peter/Bund. Auf das Wort folgen nach einem Worttrenner das Relief des Kirchenpatrons die Zeile unterbrechend und unterhalb der Zeile links davon das Wappen, rechts eine Jünglingsfigur (Edelmann), eine Fackel (?) in der erhobenen Linken haltend.

Anmerkungen

  1. Siehe Nr. 178.
  2. Vgl. Haber 1739, S. 16; Jacobs 1873, S. 511; Nebe 1876, S. 288 f.; Hermes 1896, S. 24; BKD, S. 268; Peter/Bund 1997, S. 246; Peter 1999, S. 131. Zwischenzeitlich hing sie im zweiten Glockengeschoß des Südturmes; vgl. Hartmann 1964, S. 206; Peter/Bund 1997, S. 332; Peter 1999, S. 136.
  3. Vgl. Schulz 1997/98, S. 319.
  4. Vgl. Nr. 178.
  5. Nach Peter/Bund 1997, S. 335; vgl. jedoch ebd., S. 346 auch f’?K + 7; Peter 1999, S. 162 Glocke IV.
  6. Siehe Nr. 178 Anm. 8.
  7. Siehe Nr. 178 Anm. 9.
  8. Vgl. Haber 1739, S. 10; Lentz 1749, S. 295; Abel 1754, S. 449 f.; Niemann 1824, S. 17; Elis 1857, S. 33 inkorrekt zum südlichen Turm; Jacobs 1873, S. 511; Bolze 1991, S. 87; Peter/Bund 1997, S. 328 und 346; Peter 1999, S. 131. Mittel zum Wiederaufbau des Turmes wurden noch 1551–1552 bereitgestellt; vgl. LHASA Magdeburg, Rep. A 15, A 19 I, fol. 38r.
  9. Zu Hinrick von Kampen Walter 1913, S. 773; Schilling 1988, S. 29 f.
  10. Siehe dazu Nr. 178.

Nachweise

  1. LHASA Magdeburg, Rep. 15, Tit. D, Nr. 5.
  2. Haber 1739, S. 16.
  3. Jacobs 1873, S. 511.
  4. Nebe 1876, S. 289.
  5. Hermes 1896, S. 24 (A).
  6. BKD, S. 268.
  7. Hartmann 1964, S. 206.
  8. Glocken der Heimat 1996, S. 6.
  9. Peter/Bund 1997, S. 338.
  10. Peter 1999, S. 154.

Zitierhinweis:
DI 75, Halberstadt Dom, Nr. 179 (Hans Fuhrmann), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di075l003k0017906.