Inschriftenkatalog: Dom zu Halberstadt

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 75: Halberstadt Dom (2009)

Nr. 115 Dom, Chor um 1491

Beschreibung

Chorschranken, im zweiten Chorjoch. An der Chorschrankenwand jeweils auf der obersten Quaderlage des hellen Sandsteins unter dem Gesims in einer farbig gefaßten Kartusche in schwarzer Farbe aufgemalt1) die Gedächtnisinschriften (A, B) an der südlichen und (C) an der nördlichen Schranke für die Bischöfe Sigismund (894–923), Arnulf (996–1023) und Branthog (1023–1036).

Maße: H. 147–173 cm, B. 45–47 cm, Bu. 9,7 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalien der gotischen Majuskel.

DI 75, Nr. 115 - Dom, Chor - um 1491

 Markus Scholz (Halle) [1/3]

  1. A

    Sigismundus · vi(us) · ep(iscopu)s · halbe(rstadensis)

  2. B

    arnolfus · ix(us) · ep(iscopu)s · halb(e)r(stadensis)

  3. C

    Branthogus · x(us) · ep(iscopu)s · halb(e)r(stadensis)a) ·

Übersetzung:

A: Siegmund, der 6. Halberstädter Bischof. B: Arnolf, der 9. Halberstädter Bischof. C: Branthog der 10. Halberstädter Bischof.

Kommentar

Die Schrift ist ausgesprochen elaboriert und gleicht besonders derjenigen an der Johannestafel (Nr. 122) bzw. der am, wenn auch im 19. Jahrhundert überarbeiteten, Zemeke-Grabmal (Nr. 114 (†)). Besonders auffällig sind die feinen, teilweise gezackten Zierstriche, die von Knötchen abgeschlossen werden und die Hasten begleiten. Die Buchstaben d, f und t bleiben auf das Mittelband beschränkt. Der Bogen des d ist oben weit geöffnet. Das r weist eine Verbindung zwischen Schaft und Quadrangel auf. Als Worttrenner fungieren Quadrangel auf Zeilenmitte. S weist zwei verschieden hohe Bögen auf. B kommt in zwei unterschiedlichen Formen vor.

Der Zeitpunkt der Anbringung der Gedächtnisinschiften ist nur annähernd bestimmbar. Sie bezeichnen die Grabstellen der drei genannten Bischöfe des 10. und 11. Jahrhunderts. Nach den Gesta episcoporum Halberstadensium waren die beiden älteren, Sigismund (894–923) und Arnulf (996–1023), zunächst im Kreuzgang begraben worden.2) Von dort aus soll der Leichnam Siegmunds schon durch seinen zweiten Nachfolger Hildiward transloziert und südlich vom Hochaltar des ottonischen Domes beigesetzt worden sein.3) Derjenige Arnulfs soll seiner heute verlorenen Grabinschrift zufolge, die sich als umlaufende Inschrift seines Grabdenkmals ehemals in der Liebfrauenkirche befand, in der „quedam ossa ipsius“ – einige seiner Knochen – bestattet worden sein sollen, nach seiner Auffindung am 25. IV. 1372 in das Sanktuarium des gotischen Domes übergeführt worden sein.4) Die sterblichen Überreste Branthogs (1023–1036) sollen zunächst zwischen seinen Vorgängern Arnulf und Hildiward – demnach im Kreuzgang – eine Ruhestätte gefunden haben.5) Der genaue Zeitpunkt der Übertragung der im Kreuzgang begrabenen Bischöfe ist nicht bekannt. Ihre Erhebung könnte aber, wie das Datum derjenigen Arnulfs nahelegt, mit den Bauarbeiten am Chor und seiner Umgebung in Verbindung stehen, die seit etwa 1340 im Gange waren.6) Da in den Jahren 1372 und 1391 die Arbeiten jedoch noch andauerten, kann letzteres als terminus post quem für die Einbringung gelten.7) Ob die Gräber und die sie ehemals bedeckenden inschriftenlosen roten Marmorplatten, die schon im 16. Jahrhundert nachzuweisen sind,8) noch vor der Fertigstellung des Chors im Jahre 1400/01 oder erst danach ihren Platz fanden, ist ungewiß. Die Bezeichnung der Grabstätten mit den Gedächtnisinschriften fand jedoch wohl erst nach der Fertigstellung des gesamten Kirchengebäudes um die Zeit seiner Weihe 1491 statt und diente vermutlich zu Memorialhandlungen.9) Die Buchstabenformen stimmen besonders hinsichtlich ihrer Zierformen und Kürzungsstriche mit denjenigen des allerdings im 19. Jahrhundert überarbeiteten Zemeke-Grabdenkmals überein, dessen Errichtung Quellen des 16. Jahrhunderts dem Administrator von Halberstadt, Erzbischof Ernst von Sachsen, anläßlich der Domweihe zuschreiben.10) Außerdem zeigen sich Übereinstimmungen mit solchen der Beschriftung einer am Ende des 15. Jahrhunderts geschaffenen Altartafel, die heute direkt unterhalb der Gedächtnisinschrift an der nördlichen Chorschranke hängt (Nr. 122).11) Im Jahr 1558, als an der südlichen Chorschranke das Epitaph für Friedrich von Brandenburg errichtet wurde, müssen die Inschriften schon vorhanden gewesen sein, da eine der Säulen des Denkmals vor die Inschrift B gesetzt wurde. Eine Überarbeitung im 19. Jahrhundert ist deshalb unwahrscheinlich.

Textkritischer Apparat

  1. sigismundus-halberstadensis] Haber nur mit den Namen und Ordnungszahlen; Sigismundi VI. Episcopi Halberstadiensis Uffenbach.

Anmerkungen

  1. Vgl. Haber 1737, S. 43: „In der Gegend da die Zahl 70. stehet / lieget rother Marmor, ohne Schrifft / an der Wand aber stehet mit alten großen Buchstaben angeschrieben, daß darunter begraben liege der X. Bischoff Brantogus.“ Es folgt in gleicher Weise die Lokalisation der beiden anderen Bischöfe.
  2. GEH, S. 82, 92, 93. Vgl. zu den Todestagen UBHH Bd. 1, Nr. 15 S. 6, Nr. 69 S. 51 und 72 S. 52. Die Biographien zuletzt bei Averkorn 1997, S. 4, 7; siehe auch Boettcher 1913, S. 9 ff., 21 ff.; Lucanus 1792, S. 245–249; ebd., S. 69–79; Lucanus 1793, S. 10–13; Abel 1754, S. 123–130, 145–158; Lentz 1749, S. 30–36; Abel 1732, S. 264 f., 271–277; GEH, S. 81 f., 88–93. Zu Branthog vgl. auch LexMA Bd. II, Sp. 576.
  3. GEH, S. 82.
  4. Haber 1737, S. 7; danach UBHH Bd. 1, Nr. 69 S. 51. Irrtümlich von Leopold/Schubert 1984, S. 18 in das Jahr 1322 gesetzt. Zum Grabungsbefund siehe ebd., Nr. 24 S. 80. Arnulf war nicht im Kloster Stötterlingenburg begraben, wie Winnigstedt (Abel 1732, S. 275) irrtümlich schloß; vgl. dazu schon Abel 1754, S. 154. Zum Grabmal Bf. Arnulfs siehe DI 86 (Stadt Halberstadt), Nr. 14 (†).
  5. GEH, S. 93; zu Hildiwards Begräbnisplatz ebd., S. 88.
  6. Vgl. Flemming/Lehmann/Schubert 1990, S. 25.
  7. Vgl. UBHH Bd. 4, Nr. 2826 S. 159 und Nr. 3053 S. 347.
  8. Vgl. Winnigstedt in Abel 1732, S. 265, 277. Uffenbach 1753, S. 146 ordnet der Grabplatte Siegmunds eine Inschrift zu, die vermutlich jedoch die unsere, darüber auf der Chorschranke angebrachte im Genitiv wiedergibt. Die anderen konnte er – vermutlich wegen der dort hängenden Teppiche – nicht lesen. Zu den sieben Bischöfen, die Winnigstedt im Sanktuarium begraben wissen will, passen die sieben Särge, die bei den Grabungen in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts im Chor lokalisiert wurden; vgl. Leopold/Schubert 1984, S. 80 Nr. 17, 23, 24, 40, 45, 52, 53. Die roten Marmorgrabplatten, die schon 1845 beseitigt worden waren (vgl. DKK 1846, S. 5), sollen sich laut Hermes 1896, S. 39 am Ende des 19. Jahrhunderts noch in situ befunden haben. Doering erwähnt nur noch kleine im Fußboden befindliche moderne Platten, die die Namen der Bestatteten trugen; vgl. BKD, S. 300.
  9. Vgl. zu solchen Nameninschriften an Schrankenmauern im Kirchenraum Oexle 1983, S. 46 f.
  10. Vgl. Nr. 114 (†).
  11. Vgl. Nr. 122.

Nachweise

  1. Haber 1739, S. 43.
  2. Uffenbach 1753, S. 146.
  3. Hermes 1896, S. 66.

Zitierhinweis:
DI 75, Halberstadt Dom, Nr. 115 (Hans Fuhrmann), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di075l003k0011505.