Inschriftenkatalog: Dom zu Halberstadt

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 75: Halberstadt Dom (2009)

Nr. 71 Dom, nördlicher Chorumgang A. 15. Jh.

Beschreibung

Bildfenster nord IX;1) Farbglas, Schwarzlot; mäßiger Erhaltungszustand. Vierbahniges Fenster von fünf Zeilen mit abschließenden Kopf- und Maßwerkscheiben, ursprünglich mit Darstellungen biblischer Geschichte in typologischen Mustern und personifizierten Tugenden als Erläuterungen der in der vierten Bahn dargestellten Sakramente; zwischen 1859 und 1864/65 von Carl Jordan ergänzt durch biblische Szenen des Alten Testaments, die 1899/1900 wieder ganz neu geschaffen wurden. Auf den Schriftbändern am unteren Ende der mittelalterlichen Scheiben 1c (Arche Noah) und 3b (Mannalese) waren jeweils aufgemalt die Bildbeischriften (A, B). Auf den Inschriftenleisten am oberen Ende der Scheiben 4b (Das goldene Kalb) und 4c (Moses als Gesetzeslehrer), die sich ursprünglich in nord VI befanden, radiert die Bildbeischriften (E, G). Auf Fahne und Mitra der Synagoge in CD3 pseudokufische Schriftzeichen, die Thorarolle mit einer modernen hebräischen Ergänzung. Die verschollenen Scheiben stellten die personifizierte Eucharistie und die Priesterweihe mit den auf Spruchbändern am unteren Rand aufgemalten Bildbeischriften (C, D) dar. Eine weitere Scheibe aus diesem Zusammenhang heute in süd VIII 1b (Nr. 70). Die Scheibe 3d zeigte die 1899 im ursprünglichen Sinne (Berufung Aarons) erfolgte berichtigende Ergänzung mit einem Titulus anstelle einer unkorrekten Inschrift des Jahres 1859 (Jeremias).2)

Ergänzungen (C, D) nach Photographien der verschollenen Scheiben aus dem Manuskript von Charlotte Giese beim CVMA, Potsdam.3)

Maße: H. 747 cm, B. 275 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versal der gotischen Majuskel (A–D), Gotische Majuskel (E, F).

DI 75, Nr. 71 - Dom, nördlicher Chorumgang - A. 15. Jh.

 CVMA Deutschland Potsdam/Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (Renate Roloff) [1/2]

  1. A

    archa noe ·4)

  2. B

    pluit ma(n)na5)

  3. C †

    Caritatisa) (con)bibiob)

  4. D †

    ordo s//acerdot(u)mc)

  5. E

    [– – –]B//ISd) · DE//[– – –]d)6)

  6. F

    · PRECEP[TOR]e) · LEISf)

Übersetzung:

A: Die Arche Noah. B: Es regnet Manna. C: Das Liebesmahl (die Eucharistie). D: Der Priesterstand. E: Du sollst deinen Gott [und Herrn anbeten]. F: Der Gesetzeslehrer.

Kommentar

Die Schrift der Inschriften A–D weist, wenn auch nur wenige Buchstaben vorhanden sind, deutlich in die Richtung derjenigen aus dem Martins- und Marienfenster, die aus derselben Werkstatt wie das Sakramentfenster stammen. So sieht man in der Scheibe mit der Mannalese dasselbe u, dessen obere Schaftenden stumpf enden, um es vom n zu unterscheiden. Als Worttrenner wurden Rauten angebracht. Die Inschriften (E, F) der beiden ursprünglich aus Fenster nord VI herkommenden Scheiben (4b, 4c) weisen Schriftformen auf, die denjenigen der aus demselben Fenster herrührenden Scheiben entsprechen, die sich heute in Fenster süd VII (Nr. 68) befinden.

Eine Rekonstruktion des ikonographischen Programms, die Eva Fitz aus den wenigen noch erhaltenen Scheiben des Fensters anstellte, zeigt, daß es sich um eine Verbindung der Darstellung von Tugendallegorien mit solchen von Sakramenten gehandelt hat, die entweder mit zwei typologischen Entsprechungen des Alten Testaments oder vielleicht mit Darstellungen der entsprechenden Laster kombiniert wurden.7) So entsprachen von den noch erhaltenen Darstellungen des Fensters nord IX die Arche Noah dem Sakrament der Taufe, die Salbung Davids durch Samuel der Firmung, die Mannalese der Eucharistie (Caritatis conbibio), die Berufung Aarons der Priesterweihe, die Darstellung der Spes (heute in süd VIII, vgl. Nr. 70) bezog sich wohl auf die Letzte Ölung. Daß die beiden Sakramente der Ehe und der Buße fehlen, lag vielleicht daran, daß „die kanonische Siebenzahl der Sakramente erst 1439 auf dem Konzil von Basel festgelegt“8) wurde. Gekrönt wurde nach Fitz das Ganze durch ein Lebendes Kreuz im Maßwerk, das sich über einer Abbildung der Kirche des Alten Bundes und einer des Neuen Bundes befand. So fanden sich „die Sakramente veranschaulicht, durch die sein [Christi, Anm. des Bearb.] Erlösungswerk fortgesetzt wurde. Sie wurden anhand der liturgischen Handlung, der alttestamentlichen Typen und der Tugenden erläutert, durch welche die im Sakrament erteilte göttliche Gnade wirkte.“9)

Textkritischer Apparat

  1. Caritatis] Lesung unsicher.
  2. conbibio] Sic! Hyperkorrekte Spielart des verderbten convivio, das für communio steht. Vgl. Mittellateinisches Wörterbuch Bd. 3, Sp. 1850 Z. 20 ff. und ebd., Sp. 1002 f. Z. 33 ff. Vgl. Fitz 2003, S. 358 mit Anm. 1350.
  3. sacerdotum] Der zweite, dritte und vierte Buchstabe beschädigt, der sechste vielleicht durch ein Notblei verändert.
  4. BIS] Ergänzt: ORABIS und DEVM DOMIN(VM) TV(VM); die ersten drei Buchstaben und der Schluß der Inschrift fehlerhafte moderne Konjektur für ADORABIS DEVM DOMINVM TVVM.
  5. PRECEPTOR] Die letzten drei Buchstaben moderne Ergänzungen.
  6. LEIS] Sic! Für LEGIS.

Anmerkungen

  1. Vgl. Fitz 2003, S. 356–375 mit der bis dahin erschienenen Literatur.
  2. · Aaron ·. Nach Nm 17,10–11. Hier trägt allerdings Moses den Stab vor die Gesetzeslade.
  3. Fitz 2003, S. 360, 362 Fig. 214–216.
  4. Nach Gn 7,10–11.
  5. Nach Ex 16,17.
  6. Nach Ex 20,2–5; Dt 5,7.
  7. Auch für das Folgende Fitz 2003, S. 358–366.
  8. Fitz 2003, S. 362.
  9. Ebd., S. 365.

Nachweise

  1. Fitz 2003, S. 358 mit Anm. 1350 f. und mit Fig. 214–216, 371–373 mit Abb. 238–242.

Zitierhinweis:
DI 75, Halberstadt Dom, Nr. 71 (Hans Fuhrmann), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di075l003k0007108.