Inschriftenkatalog: Dom zu Halberstadt

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 75: Halberstadt Dom (2009)

Nr. 11† Dom, Neuenstädter Kapelle M. 12. Jh.

Beschreibung

Teppichfragment, überliefert in Kopie des 18. Jahrhunderts, Domschatz Inv. Nr. 518; an der Nordwand der Neuenstädter Kapelle, ehemals als Dorsale über dem Chorgestühl, später im Kapitelsaal aufbewahrt;1) querrechteckige Sackleinwand (Drillich) in einem Rahmen aus zwei Leisten; dargestellt ist vor grau-schwarzem Hintergrund in weißen und rosafarbenen Tönen Jakobs Traum, auf der linken Seite begrenzt durch eine Stadtlandschaft, auf der zum Himmel ragenden Leiter zwei Engel, der eine (mit Strahlennimbus) aus einer Gloriole sich zur Leiter hin streckend, auf der ein anderer herabsteigt; rechts unter einem Baum der auf einem Stein schlafende Jakob, über den sich ein dritter Engel beugt; an den beiden Seiten, lotrecht verlaufend, auf je einer Schriftleiste aufgemalt, links die Angabe der Bibelstelle (A), rechts der Titulus (B), schwarz auf Weiß.

Inschriften nach der Kopie, Ausführung in dieser Art ungewiß.

Maße: H. 133,5 cm, B. 320 cm, Bu. 5–5,4 cm.

Schriftart(en): Kapitalis als Umformung einer romanischen Majuskel.

DI 75, Nr. 11 † - Dom, Neuenstädter Kapelle - M. 12. Jh.

 Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Halle (Reinhard Ulbrich) [1/1]

  1. A

    GENES(IS) · XXVIII

  2. B

    FESSVS ITINERE DORMIT .a)2)

Übersetzung:

B: Ermüdet von der Reise schläft er.

Kommentar

Die Schrift des ursprünglichen Teppichs scheint eine romanische Majuskel gewesen zu sein, die anhand der ungenauen Nachzeichnung der ehemals vorhandenen Schrift nur zu erahnen ist. An manchen Stellen, so z. B. beim V oder an der Cauda des R (DORMIT), scheinen noch die ursprünglichen Formen in Ansätzen zu erkennen zu sein. Der vorhandene Text (B) entspricht nicht wortwörtlich der angegebenen Bibelstelle (A). Es handelt sich um eine Paraphrase des Bibeltextes. Entsprechende Junkturen sind selten und eher nicht als Vorlage anzunehmen.3)

Die Kopie soll nach Carl Elis der Domkustos Haber 1739 angefertigt haben, weil die alten Teppiche unbrauchbar geworden waren.4) Sie gibt, nach der Form des Baumes, die derjenigen des Abrahamsteppichs entspricht, sowie nach der Form der Gloriole, aus der ein Engel blickt, einen untergegangenen Teppich nach der Art des Abrahamsteppichs wieder. Es ist allerdings fraglich, ob die Inschrift der Kopie Habers derjenigen entsprochen hat, die den Teppich ehemals erläuterte. Es ist anzunehmen, daß Haber nur den Sinn des Bildprogramms wiedergab, da er den Wortlaut der Inschriften auf dem Teppich nicht entziffern konnte, der – wie am Abrahamsteppich – vermutlich stark gekürzt und teilweise mit orthographisch unverständlichen Buchstaben versehen, den Teppich wohl in leoninischen Hexametern schmückte. Außerdem weiß man nicht, wie zerschlissen der Teppich war und was Haber noch darauf erkennen konnte.

Nach dieser Kopie eines Teppichbildes postulierte Leonie von Wilckens als Pendant zum Abrahams- bzw. Michaelsteppich, der die Allmacht Gottes (potestas Dei) darstellt, einen Gabrielsteppich, in dem sich die Stärke Gottes (fortitudo Dei) manifestierte.5) Dieser Teppich hätte nach ihren Vorstellungen vor dem Traum Jakobs, der typologisch, analog zu einem Thema des Klosterneuburger Altars, der Himmelfahrt Christi entspräche, als Typus der Auferstehung Jakobs Segen über Juda enthalten und Jakobs Ringen mit Gott als Entsprechung der Erlösung.6) Den Abschluß hätte dann eine Abbildung des Erzengels Gabriel gebildet.5) Nach Wilckens’ These sollen diese Teppiche die Seitenwände des supremum oratorium, des den Erzengeln gewidmeten Hochchores im Westbau des ottonischen Doms, geschmückt haben. Dafür hätte nach den Grabungsergebnissen von Gerhard Leopold je eine Wand mit einer Ausdehnung von etwa 11 Metern zur Verfügung gestanden,7) wenn die Abmessungen der Kapelle im Obergeschoß des Westchors denjenigen der Grundmauern entsprochen haben. Zu diesem Maß paßt der Abrahams- bzw. Michaelsteppich mit einer rekonstruierten Länge von ca. 1065 cm. Da das erhaltene gemalte Teilstück mit dem Traum Jakobs eine Länge von 320 cm aufweist und für die von Wilckens erschlossenen Szenen jeweils ungefähr der gleiche Raum anzusetzen ist, ergäbe sich eine Länge von etwa 960 cm, zu der dann noch mehr als ca. 105 cm für die Darstellung des Erzengels Gabriel hinzugerechnet werden müssen, um auf die Maße des Abrahamsteppichs zu kommen.

Außer der Kopie selbst stützen zwei bislang übersehene Hinweise Wilckens’ Hypothese. Carl Elis beschreibt nämlich im Jahr 1857 die Hängung der Teppiche auf der Südseite des Chors wie folgt: sie zeigten „gleichfalls von Haber gemalt den heiligen Georg, und den Traum Jacobs. Auf den gewirkten Tapeten, die nun folgen, sehen wir die Opferung Isaaks und den Engel Michael.“8) Er unterscheidet also gemalte Kopien und gewirkte Teppiche und nennt sowohl den Heiligen Michael als Teil des Abrahamsteppichs als auch den heiligen Georg neben der Kopie mit Jakobs Traum. Das schließt eigentlich aus, daß der heilige Georg aufgrund ikonographischer Ähnlichkeiten – wie in anderen Beschreibungen – mit dem Erzengel Michael verwechselt wurde. Weiter darf man daraus schließen, daß der wohl für den heiligen Georg gehaltene Erzengel Gabriel, dann in ungewöhnlicher Darstellung, analog zu derjenigen Michaels, als siegender Engel über einem Drachen stehend abgebildet gewesen ist. Nach einer in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts ausgestellten Quittung hat der ehemalige Halberstädter Domkustos Conrad Matthias Haber, der die Kopien angefertigt haben soll, tatsächlich „auf Befehl des Herrn Baumeisters … von der Binterben in der Judenstraße ein Stück Drell (Drillich, Anm. d. Bearb.) geholet. Zu den Tapeten im Hohen Chor … 30 Ellen“.9) Die Elle betrug in Preußen, zu dem Halberstadt in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts gehörte, ungefähr 67 cm.10) 30 Ellen entsprechen also etwa 2010 cm. Ziehen wir die Maße der beiden erhaltenen Leinwandstücke von 320 cm (Nr. 11 †) und 307,5 cm (Nr. 15 †) zusammen, so erhalten wir eine Gesamtlänge von 627,5 cm, die für die erhaltenen Teppichkopien notwendig waren. Fügt man diesen noch die beiden erschlossenen, heute verlorenen etwa gleich großen und mit je ca. 320 cm anzusetzenden Teilstücke und eines mit etwa 105 cm für die Abbildung des Erzengels Gabriel für den von Leonie von Wilckens erschlossenen Gabrielsteppich hinzu, so ergeben sich an verbrauchtem Material 1372,5 cm, so daß noch etwa 637,5 cm Drillich übrig blieben, der sicher für weitere, heute verlorenen Kopien genutzt wurde, deren Alter und Beschaffenheit wir nicht kennen. Nach von Wilckens’ These muß man im Sinne der Vollständigkeit eigentlich auch noch an einen Raphaelsteppich denken, der die „medicina Dei“ ins Bild gesetzt hätte.11)

Textkritischer Apparat

  1. FESSVS–DORMIT] Scriptura continua.

Anmerkungen

  1. Büsching 1819, S. 235; Lucanus 1837, S. 7; Lucanus 1845, S. 47; Elis 1857, S. 88; Kugler 1853, S. 131 f.; Kirchenschmuck 1858, S. 44; Kurth 1926, S. 207; nach BKD, S. 290 befand sie sich in einem Schrankkasten im Kapitelsaal.
  2. Nach Gn 28,11–12.
  3. In thematischer Nähe findet sich eine Textstelle: Walahfrid Strabo, Liber Job, 4,14 (PL Bd. 113, col. 765D): „Hic est Jacob qui in itinere dormit et angelos videt, id est, in cursu hujus vitae“.
  4. Elis 1857, S. 88; vgl. auch unten bei Anm. 9; Kurth 1926, S. 206 und Bd. II mit Taf. 7a.
  5. Wilckens 1967, S. 284 f.; Lucanus 1857, S. 7 glaubt, die gemalten Teppichkopien seien „an die Stellen der beim Dombrande untergegangenen Stücke“ getreten; andere Deutungen, etwa die Zugehörigkeit zum Abrahams- bzw. Michaelsteppichs, die sich wohl vor allem aus der benachbarten Aufhängung der Teppiche im Chor ergaben, oder eine stilistische Abhängigkeit von den Werken des Roger von Helmarshausen bei Kirchenschmuck 1858, S. 44; Creutz 1910, S. 45 ff.; erwähnt bei Schmitz 1922, S. 54.
  6. Gn 49,8–12 und 34,25–31.
  7. Leopold/Schubert 1984, S. 45, 74 mit Faltplan 43 f.
  8. Elis 1857, S. 88; vgl. zur Ikonographie auch LCI Bd. 2, Sp. 74 ff. (E[lisabeth] Lucchesi-Palli). Auch nach Lucanus 1837, S. 7 und Lucanus 1866, S. 40 hatten sich am südlichen Chorgestühl „ein heiliger Georg, das Opfer Isaak’s, Christus mit den Jüngern“ befunden. Diese Schilderung könnte jedoch auf den irrtümlich aufgefaßten Bildthemen des Abrahamsteppichs beruhen. Denn Lucanus beschreibt die Haber’schen Kopien gesondert. Elis aber nennt beide Details. Bei Kugler 1853, S. 131 ff. fehlt dieses Bildthema. Zschiesche 1895, S. 164 nennt – vielleicht nach Elis 1857 – als von Haber 1739 gemalte Kopien, die auf der Nordseite an den Apostelteppich anschlossen, Evangelisten (vgl. Nr. 15 †) und auf der südlichen Chorseite „St. Georg und Jakobs Traum, die übrigen sind Originale“. Vgl. aber dagegen Büsching 1819, S. 236, der nur den Traum Jakobs als Anfang der Teppiche auf der südlichen Chorseite nennt. Doering 1927, S. 77 f. hält die beiden Kopien für verloren, nachdem er sie 1902 noch gesehen hatte, vgl. BKD, S. 290.
  9. Halberstadt, Domarchiv, A I 15; vgl. auch oben bei Anm. 4.
  10. Der Große Brockhaus 1928–1935 Bd. 5, S. 460, Stichwort: Elle. Die Proportionen ändern sich, wenn man die bei Verdenhalven 1998, S. 17 zugrunde gelegten Maße pro Elle zwischen 66,692 cm für das Jahr 1870 und 87,092 für 1816 angegebenen Maße zugrunde legt. Nähme man die letztere, so hätten für das Gesamtmaß 2613 cm zu Verfügung gestanden und ca. 1241 cm für die Anfertigung einer Teppichkopie. Die Elle schwankte in Deutschland und der Schweiz zwischen 57 und 88 cm. Für die Berechnung wurden die kleinsten für Preußen belegten Maße benutzt.
  11. Vgl. dazu Fuhrmann 2009, S. 63–78.

Nachweise

  1. Lessing/Creutz 1903, S. 2 f. mit Abb. 2.
  2. Kurth 1926, S. 206 mit Taf. 7a.
  3. Fuhrmann 2009, S. 72 (B).

Zitierhinweis:
DI 75, Halberstadt Dom, Nr. 11† (Hans Fuhrmann), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di075l003k0001102.