Inschriftenkatalog: Greifswald

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 77: Greifswald (2009)

Nr. 142 St. Nikolai 1460–1462

Beschreibung

Tafelbild und Schrifttafel, sog. Rubenowtafel. Tafelbild ursprünglich Tempera auf Eichenholz,1) großflächig mit Ölfarbe überfasst. Die Schrifttafel wurde zu einem unbekannten Zeitpunkt neu angefertigt. An der Ostwand der zweiten Kapelle im südlichen Seitenschiff, ursprünglich wohl über dem Professorengestühl2) angebracht. Die querrechteckige Bildtafel und die darunter angebrachte, ebenfalls querrechteckige Schrifttafel werden von einem profilierten, modernen Rahmen umgeben. Auf dem Tafelbild ganzfigurige Darstellungen von acht Personen in akademischer Tracht zu beiden Seiten einer schwebenden Madonna im Strahlenkranz: je drei Gelehrte der Universitäten Rostock und Greifswald sowie am linken Bildrand Hinrich Rubenow, rechts vor ihm kniend der Universitätspedell mit einem Zepter in der Hand.3) Alle Figuren halten Schriftbänder mit den Inschriften A–H in den Händen und wenden sich mehr oder weniger deutlich der relativ kleinen Madonna rechts der Bildmitte zu. Hinrich Rubenow ist größer, der Pedell kleiner und in einfacherer Kleidung als die übrigen Figuren dargestellt. Beide sind im Bildvordergrund platziert.4) Die Bildtafel wurde mehrfach und zuletzt 1992 restauriert,5) dabei wurden Fehlstellen übermalt, die Buchstaben stark überformt und die Inschriften teilweise verfälschend ergänzt. Auch Einzelheiten der Gewänder und Kopfbedeckungen der Gelehrten wurden verfremdet.6) Die Schriftbänder A–H auf der Bildtafel sind in sich mehrfach verschlungen, durchkreuzen einander oder verlaufen teilweise optisch hinter Körper- oder Gewandteilen der dargestellten Personen. Die auf diese Art „verborgenen“ und daher malerisch nicht ausgeführten Buchstaben werden in der Edition in runden Klammern ergänzt, der jeweilige Befund wird in einer Anmerkung beschrieben.

Die Buchstaben der Schrifttafel mit Inschrift I sind in goldenen, die erste Zeile in größeren Buchstaben ausgeführt. Kürzungsstriche und u-Bögen sind gleich gestaltet. Der gute Erhaltungszustand, die Buchstabenformen und die teilweise fehlerhafte Textgestalt lassen erkennen, dass hier nicht mehr das Original vorliegt, sondern die Tafel zur Gänze neu angefertigt wurde.7) Die folgende Edition versucht, dem ursprünglichen Inschriftenwortlaut vor allem mit Hilfe der älteren kopialen Überlieferung möglichst nahezukommen. Weicht der jetzige Befund von dieser erschlossenen Textfassung ab, wird er in Buchstabenfußnoten vermerkt. Die heute zu sehenden Verspunkte werden beibehalten, nicht jedoch die kommaähnlichen Zeichen zwischen Wörtern.

Maße: H. ca. 141 cm (mit Rahmen), Br. 200 cm. Bu. 1–1,5 cm (A–H), 2,5–3,5 cm (I).

Schriftart(en): Minuskel mit Versalien.

DI 77, Nr. 142 - Greifswald, St. Nikolai - 1460–1462

 Jürgen Herold [1/3]

  1. A

    Henricusa) Rubeno I(uris) V(triusque)b) Doctorc) Vniversitatis Gryphiswaldensis eius ductu ab Illustriss(imo) Principe Duce Wartislao jx ap(er)tae Prim(us) Rec[t]or ˑ

  2. B

    D(omi)n(u)s Nicola(us)d) Amstreda(m) Artium Liberalium M(a)g(iste)r Sacrae Theologiaee) Baccalaur(eus)f) primusg) Quotlibetari(us) Rostochii ˑ

  3. C

    D(omi)n(u)s Bernhardus Boddeker Artiu(m) Liberali(um)h) M(a)g(iste)r Medicinae Licentiatus Sacrae Theologiae ac Iuris (C)anonicii) Baccalaureus

  4. D

    D(omi)n(u)s Tilemann(us) Johannes [V(triusque) I(uris)]j) Doctor Canonicusq(ue) Ecclesiae Metropolitanae Rigensis

  5. E

    Ora voce pia pro nobis Sanctak) Maria

  6. F

    D(omi)n(u)s Wilki(n)usl) Bolem) Decretorum Docto(r)n) Canonicusq(ue) Eccles(iae)o) Cathedralis Sverinensis ˑ

  7. G

    D(omi)n(u)s Bartoldus Segeberg Artiu(m)p) Liberalium m(a)g(iste)r Consul hic post Decanus Facultatis A(r)tiumq) Vniversitatis Gryphiswalden(sis)r)

  8. H

    D(omi)n(u)ss) Johannest) Lamside Artium Liberal(ium)u) m(a)g(iste)r Sacraev) Theologiae Baccalaureus p(rimus)q(ue)w) Scholasticusx) hui(us) Ecclesiae necnon primus Quotlibetarius Gryphiswaldensis

  9. I

    Anno milleno quater et c ter duo=denoy) ˑhijs tu(m) (con)iu(n)go de rost[o]ck t(em)p(or)e diro ˑ Tra(n)slati studij defu(n)gu(n)t(ur) studiosi ˑ / Quatuor hij primi duo sed moriunt(ur)z) et imi ˑ 5Anno milleno quater et c sexaq(ue)genoaa) ˑ Lumina qui mundi facundi me(n)te profundi ˑ Cumab) / quib(us) electis similes vix nunc habet orbis ˑ Sunt hic tres cum postremo primiac) tumulati ˑ Defunctum quartu(m) sepelit domus / ipsa minorum ˑ 10Virginis in templo cessit tumulatio qui(n)to ˑ Omnib(us) his (christ)ead) tribuas salvator inire ˑ Regnu(m) celeste baratri no(n) morte p(er)ire ˑ

Übersetzung:

Hinrich Rubenow, Doktor beider Rechte, erster Rektor der Universität Greifswald, die unter seiner Leitung durch den durchlauchtigsten Fürsten Herzog Wartislaw IX. eröffnet wurde. (A)

Herr Nikolaus (von) Amsterdam, Magister der Freien Künste, Baccalaureus der heiligen Theologie und erster Quodlibetar von Rostock. (B)

Herr Bernhard Boddeker, Magister der Freien Künste, Lizentiat der Medizin, Baccalaureus der heiligen Theologie und des Kanonischen Rechts. (C)

Herr Tilemann Johannes, Doktor beider Rechte und Kanoniker der Metropolitankirche von Riga. (D)

Bitte mit gütiger Stimme für uns, heilige Maria. (E)

Herr Wilkinus Bole, Doktor der Dekrete (des Kirchenrechts) und Kanoniker der Schweriner Domkirche. (F)

Herr Barthold Segeberg, Magister der Freien Künste, Ratsherr hier, danach Dekan der Artistenfakultät der Greifswalder Universität. (G)

Herr Johannes Lamside, Magister der Freien Künste, Baccalaureus der heiligen Theologie und erster Scholaster dieser Kirche sowie erster Greifswalder Quodlibetar. (H)

Im Jahr tausend, viermal hundert und dreimal zwölf, damals verbinde ich mich mit diesen (Männern) aus Rostock. In der schlimmen Zeit der Verlegung der Universität von Rostock (hierher) sterben diese vier ersten Gelehrten. Doch sterben auch die beiden letzten im Jahr tausend, viermal hundert und sechzig, die Leuchten der Welt, beredt und tief von Geist. Mit diesen Auserlesenen Vergleichbare hat die Welt jetzt kaum. Hier sind die drei Ersten mit dem Letzten bestattet. Den verstorbenen Vierten birgt die Kirche der Minoriten. In der Kirche der (Jungfrau) Maria wurde dem Fünften die Bestattung zuteil. All diesen gewähre du, Erlöser Christus, in das himmlische Reich einzugehen (und) nicht im Höllentod unterzugehen. (I)

Versmaß: Hexameter, zweisilbig leoninisch gereimt (E).Hexameter, teils einsilbig, teils zweisilbig leoninisch gereimt, das letzte Verspaar mit Endreim (I).

Kommentar

Die überformten Buchstaben der Bild- bzw. die gänzlich neu angefertigten Buchstaben der Schrifttafel lassen keine paläografischen Beobachtungen mehr zu.

Hinrich Rubenow, Mitbegründer der Greifswalder Universität8) sowie deren erster Rektor, und der kniende Pedell fügen sich nicht in die Bildsymmetrie ein, der zufolge zu beiden Seiten der Madonna je drei Gelehrte platziert sind. Der Pedell trägt ein Universitätszepter und ist als Assistenzfigur Rubenows zu verstehen, weshalb ihm keine Namenbeischrift beigegeben ist. Rubenow wird durch diese Bildkomposition und auch den Rektorornat aus der Figurengruppe herausgehoben. Auf seinem Schriftband fehlt der Titel dominus, den die übrigen Schriftbänder aufweisen. Des Weiteren ist Rubenow in die Bitte des Pedells um Fürbitten durch Maria (E) in der 1. Pers. Pl. eingeschlossen (nobis). Auf der Schrifttafel (I) hingegen spricht Rubenow in der 1. Pers. Sg. über seine bereits verstorbenen akademischen Lehrer und Kollegen und bittet Christus, diesen (omnibus his, V. 11) die Auferstehung zu gewähren.9) Es spricht also nichts gegen die gängige Annahme, dass die Tafel nicht nur zu Rubenows Lebzeiten, also vor dem 31. Dezember 1462, sondern auch auf seine Veranlassung angefertigt wurde. Die auf der Schrifttafel festgehaltene Information, dass alle dargestellten Gelehrten verstorben sind, legt den 28. Juni 1460, den Todestag des Johannes Lamside, als Terminus post quem fest.

In Inschrift A betont Hinrich Rubenow außer seinem Greifswalder Rektoramt auch seine maßgebliche Rolle bei der Errichtung der Universität, in Inschrift I thematisiert er seine Verbindung zu den sechs dargestellten verstorbenen Rostocker Gelehrten und die Vorgeschichte der Universität Greifswald: Da die Stadt Rostock 1435 durch das Baseler Konzil gebannt wurde, zogen die Mitglieder der 1419 gegründeten Universität Rostock, unter ihnen Rubenow als Student, 1437 in seine Heimatstadt10) und hielten dort bis 1439/40 den Lehrbetrieb aufrecht. Erst Ostern 1443 nahmen sie ihre Tätigkeit in Rostock wieder auf.11) In der „Greifswalder Zeit“ starben der Inschrift zufolge Nikolaus von Amsterdam, Bernhard Boddeker, Tilemann Johannes und Wilkinus Bole (B–D, F). Barthold Segeberg und Johannes Lamside (G, H) werden als Greifswalder Universitätsangehörige bezeichnet; sie gehörten zu dem 1456 ehrenhalber immatrikulierten Personenkreis.12) Die Rubenowtafel lässt die Vergangenheit in der Weise wieder aufleben, dass im Bild und in den Inschriften zwei Zeitebenen miteinander verwoben sind (Inschrift I, tum in V. 2, nunc in V. 7), das Jahr 1436, in dem Rubenow sich mit allen neben ihm stehenden Gelehrten der Universität Rostock „verband“, also dort das Studium aufnahm, und die Jahre nach der Begründung der Greifswalder Hochschule (1456). Die gedankliche Verbindung der beiden Zeitebenen liegt in der Person bzw. der Biografie Rubenows selbst. Indem er seine sechs verstorbenen akademischen Lehrer im Bild vergegenwärtigt und inschriftlich preist, rühmt er auch sich selbst und „seine“ Universität Greifswald. Darüber hinaus wird die Vorstellung evoziert, die Greifswalder Hochschule sei direkt aus dem Rostocker Lehrbetrieb hervorgegangen.

Die Lebenswege der Dargestellten sind nicht lückenlos rekonstruierbar. In den Inschriften A–D und F–H werden akademische Grade und Ämter der dargestellten Personen angeführt, in Inschrift I finden sich Angaben zu ihren Todesjahren und Bestattungsorten. Diese lassen sich teilweise ergänzen: Hinrich Rubenow immatrikulierte sich im März 1436 in Rostock,13) 1447 bereits als Magister artium und Lizentiat des Römischen Rechts in Erfurt, wo er auch die Doktorwürde erhielt.14) Nach Greifswald zurückgekehrt, war er zunächst städtischer Syndikus und Rat der pommerschen Herzöge, 1449 wurde er Ratsmitglied und bis zu seinem Tod Bürgermeister. Am 18. Oktober 1456 wurde ihm, der maßgeblich an der Gründung der Greifswalder Universität beteiligt und deren erster Rektor er war (Kat.-Nr. 137), auch der Grad eines Doktors des Kirchenrechts verliehen.15) Am 31. Dezember 1462 wurde er von innerstädtischen Gegnern ermordet und in der Kirche des Franziskanerkonvents bestattet (Kat.-Nr. 138, 143).

Nikolaus (de Theoderici, Dirks) von Amsterdam16) immatrikulierte sich 1412 in Erfurt und wurde 1422 mit einem Erfurter Magistergrad in die Rostocker Artistenfakultät aufgenommen,17) wo er das Baccalaureat der Theologie erwarb und die zweimal jährlich stattfindenden Quodlibet-Disputationen leitete.18) Zwischen 1425 und 1438 war er neunmal Dekan der Artisten, 1426 Rektor.19) Die in der Inschrift gebotene Information, Amsterdam sei verstorben, als die Angehörigen der Rostocker Universität sich in Greifswald aufhielten, und in St. Nikolai bestattet worden, wird durch das Dekanatsbuch der Artistenfakultät dahingehend ergänzt, dass sich sein Grab vor dem Hochaltar befand.20)

Bernhard Boddeker aus Hagen (Westfalen) immatrikulierte sich 1419 in Rostock; 1421 wurde vermerkt, er sei mit einem in Erfurt erworbenen Magistergrad als Baccalaureus aufgenommen worden.21) Zwischen 1427 und 1439 war er achtmal Dekan der Rostocker Artisten, oft im Wechsel mit Nikolaus Theoderici, sowie 1437/38 und 1439 Rektor.22) Wo und wann er Licentiatus der Medizin wurde, ist nicht bekannt; 1439 wird er zum letzten Mal erwähnt.23) Auch er wurde Inschrift I und dem Dekanatsbuch zufolge nach seinem Tod in Greifswald vor dem Hochaltar von St. Nikolai bestattet.24)

Tilemann Johannes immatrikulierte sich 1419 in Rostock und war Rektor in den Jahren 1426/27 als Licentiatus des Römischen Rechts, 1432/33 als Doktor beider Rechte.25) Im Februar 1437 war er auf einem Provinzialkonzil des Erzbischofs von Riga anwesend.26) Laut Inschrift I starb er während des Aufenthaltes der Rostocker Universität in Greifswald und wurde in St. Nikolai bestattet.27)

Wilkinus Bole immatrikulierte sich 1419 als Magister in Rostock, 1420 wurde er mit seinem Leipziger Magistergrad in die Artistenfakultät aufgenommen; im August 1437 wurde er als Vizerektor der Universität Rostock und Doktor des Kanonischen Rechts bezeichnet.28) Sein Kanonikat an der Schweriner Domkirche lässt sich bisher nicht nachweisen.29) Inschrift I zufolge starb Bole während der Greifswalder Zeit der Universität Rostock und wurde in der Franziskanerkirche bestattet.

Barthold Segeberg aus Lübeck immatrikulierte sich 1410 in Leipzig, 1419 (wie Wilkinus Bole) in Rostock und wurde 1420 mit einem Leipziger Magistergrad in die Rostocker Artistenfakultät aufgenommen.30) 1425 und 1426 ist er wieder in Leipzig als Dekan der Artisten bzw. als Prüfer für das Baccalaureatsexamen nachzuweisen.31) In Greifswald ist er seit 1430, als Ratsherr zwischen 1436 und 1459 bezeugt. Er besaß Häuser in der Rotgerberstraße, der Fischstr. 18 und seit 1441 an der Ostseite des Marktes, außerdem auch Salzquellen.32) Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Greifswalder Universität33) und wurde im Jahr 1456 zum ersten Dekan der Artisten gewählt.34) Inschrift I zufolge wurde er nach seinem Tod in der Marienkirche bestattet.

Johannes Lamside, ebenfalls aus Lübeck, immatrikulierte sich 1432 in Rostock, wurde 1434 unter dem Dekan Bernhard Boddeker Baccalaureus und 1438/39 (in Greifswald unter demselben Dekan) Magister.35) Ostern 1445 immatrikulierte er sich in Erfurt.36) Später gehörte Lamside zu den Gründungsmitgliedern der Universität Greifswald,37) war 1457 Rektor sowie nach Barthold Segeberg 1457 und 1460 Dekan der Artisten.38) Im Jahr 1457 wurde er auch zum Scholaster der Schule an St. Nikolai ernannt.39) Der in Inschrift H aufgeführte Grad eines Baccalaureus der Theologie wurde ihm vielleicht im Zusammenhang mit seiner Lehrtätigkeit an der Artistenfakultät verliehen;40) 1458 leitete er die erste Quodlibet-Disputation.41) Nachdem er während seines Dekanats erkrankt und am 28. Juni 1460 gestorben war, wurde er – wie viele Jahre vor ihm auch Nikolaus von Amsterdam, Bernhard Boddeker und Tilemann Johannes – vor dem Hochaltar von St. Nikolai bestattet.42) Keines der Grabmäler für die auf der Tafel dargestellten Personen ist erhalten.

Textkritischer Apparat

  1. Henricus] Befund Henrieus, fehlerhaft restauriert. So schon bei Schultze.
  2. I(uris) V(triusque)] Kürzungszeichen fehlen.
  3. Doctor] Befund Doetor, fehlerhaft restauriert. So schon bei Schultze.
  4. Nicola(us)] Befund Nicolai, fehlerhaft restauriert. Schrägschaft des N fehlt. Nicola(us) in der gesamten Überlieferung und auf der Kopie des 18. Jahrhunderts.
  5. Theologiae] Rechter Teil des T-Balkens fehlt.
  6. Baccalaur(eus)] Wortende nicht ausgeführt, weil diese Stelle des Schriftbandes optisch hinter einem anderen, darüberliegenden Abschnitt des Schriftbandes verborgen ist.
  7. primus] Befund ac iuris; so auch Pyl, Schultze. primus noch in der Überlieferung bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts (Cramer, Westphalen, Scheffel, Kosegarten). Gegen ac iuris spricht, dass dann dieser Teil der Beischrift die einzige Junktur auf der Rubenowtafel wäre, in der das akademische Fach (iuris) dem Universitätsgrad (Baccalaureus) nachgestellt würde. – Die Lesung primus wurde auch deshalb abgelehnt, weil man meinte, Nikolaus von Amsterdam könnte mehr als ein Jahrzehnt nach der Gründung der Universität Rostock (1419) nicht deren (zeitlich) erster Quodlibetar gewesen sein; primus quodlibetarius ist jedoch auch ein Ehrentitel (vgl. Thümmel, S. 150f. Anm. 21).
  8. Liberali(um)] Wortende nicht ausgeführt, Wortende optisch in einem Knick des Schriftbandes.
  9. (C)anonici] Erster Buchstabe nicht ausgeführt, optisch hinter einem Ärmelaufschlag verborgen.
  10. [V(triusque) I(uris)]] Hier Fehlstelle, nur noch ein Teil des linken V-Schaftes zu erkennen; V. I. noch bei Thümmel, S. 151 Anm. 24. Lesung u(triusque) i(uris) mit oder ohne Kürzung auch bei Cramer, Westphalen, Scheffel.
  11. Sancta] Nate Cramer, Dähnert, Kopie des 18. Jahrhunderts (nach Thümmel, S. 126 mit Anm. 33, auf lutherischen Einfluss zurückzuführen); Nate mit Hinweis auf das ursprüngliche Sancta bei Pyl, Haselberg, Schultze, auch noch Schmidt.
  12. Wilki(n)us] Kürzungszeichen fehlt. Wilkinus in der älteren Überlieferung (Rostocksche Sachen, Kosegarten, Pyl); mit der Namensendung -inus ebenso die Matrikel Rostock 1, S. 3, 6, 57, und die Matrikel Leipzig 2, S. 102.
  13. Bole] Befund nicht eindeutig: Bolle oder Bolke mit nur teilweise ausgeführtem e. Bole nach Cramer, Westphalen, Scheffel, Kosegarten, Schultze; ebenso die Matrikel Rostock und Leipzig (wie Anm. l); Bolen Pyl, Schmidt, Thümmel.
  14. Docto(r)] Wortende optisch durch Schriftband D verdeckt.
  15. Eccles(iae)] Wortende durch die das Schriftband haltende Hand verdeckt.
  16. Artiu(m)] Wortende durch einen Gewandzipfel verdeckt.
  17. A(r)tium] Nach dem Anfangsbuchstaben A Übergang auf einen neuen Abschnitt des Schriftbandes, folgendes r nicht ausgeführt.
  18. Gryphiswalden(sis)] Wortende optisch durch eine Falte des Schriftbandes verdeckt.
  19. D(omi)n(u)s] Hier nur noch geringe Reste unterhalb der Buchstabengrenze zu erkennen, D(omi)n(u)s jedoch in der gesamten Überlieferung; von Pyl noch „unter der Hand in sehr verblichenen Zügen“ (S. 5 Anm. 8) gesehen.
  20. Johannes] Unterer Bereich des J nicht sichtbar, möglich also auch I.
  21. Liberal(ium)] Wortende nicht ausgeführt, Schriftband läuft optisch hinter dem Kopf des Dargestellten weiter.
  22. Sacrae] Befund Sacra, fehlerhaft restauriert.
  23. p(rimus)q(ue)] Befund p und q, jeweils gefolgt von gleichen Kürzungszeichen. P(rimus)q(ue) nach Thümmel, S. 151 Anm. 31, dort auch eine Diskussion der weiteren Lesungen. postquam (Cramer, Westphalen, Scheffel), postque (Kosegarten, Pyl, Schmidt).
  24. Scholasticus] Befund Shcolasticus, fehlerhaft restauriert.
  25. duo=deno] deno über der Oberlinie.
  26. moriunt(ur)] Befund moriunt, fehlerhaft restauriert.
  27. sexaq(ue)geno] Befund sexaq(u)egeno, ungebräuchliche Kürzung.
  28. Cum] Befund Tum, fehlerhaft restauriert; Cum auch in der älteren Überlieferung seit Cramer.
  29. tres cum postremo primi] Befund tres cum postremis primi. So auch Cramer, Rostocksche Sachen, Westphalen; tres primi cum postremo Dähnert. Aus sachlichen Gründen (vgl. den Kommentar zu den Lebensdaten der genannten Gelehrten) ist der hier edierte Wortlaut als der ursprüngliche anzunehmen.
  30. xpe.

Anmerkungen

  1. Materialangabe nach Schultze, Kunstdenkmäler, S. 9.
  2. Die Tafel ist dort erstmals 1603 (Cramer, Chronica, S. 125), zuletzt 1819 (Biederstedt, Beyträge, S. 18) nachweisbar. Bis zum Umbau und der Umgestaltung der Kirche seit 1823 war die Tafel in der sog. Akademischen Kapelle (der vierten im südlichen Seitenschiff; vgl. Pyl, Greifswalder Kirchen, S. 342) angebracht. Ob sich an diesem relativ abgelegenen Ort auch das 1603 erwähnte Professorengestühl befand, ist nicht bekannt.
  3. In der älteren Literatur irrtümlicherweise auch als Herzog Wartislaw IX. gedeutet; dazu Schmidt, Anfänge, S. 37, Anm. 94.
  4. Auf einer im 18. Jahrhundert angefertigten Kopie der Bildtafel ist dies deutlicher zu erkennen als auf der Tafel in der Nikolaikirche. Die Kopie befindet sich im Besitz der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald; eine Abb. bei Dahlenburg, Ahnengalerien, S. 11.
  5. Die früheste belegbare Restaurierung fand im Jahr 1652 statt (Balthasar, Rituale, S. 176). Wieso der Autor vermerkt, die Tafel sei a(nno) 1595 confecta, bleibt unklar. Eine Restaurierung 1949 nach Thümmel, Rubenow-Tafel, S. 123; Restaurierung 1992 nach Inventar PEK.
  6. Zu Farben, Schnitt, Pelzbesätzen und Kopfbedeckungen im heutigen Zustand vgl. Thümmel, Rubenow-Tafel, S. 130–133; zum spätmittelalterichen Gelehrtenornat allgemein vgl. Hülsen-Esch, Kleider.
  7. Die Abbildungen bei Schultze, Kunstdenkmäler, Tf. I und II, zeigen einen ebenfalls nicht mehr originalen Zustand der Tafel, der jedoch noch nicht dem heutigen entspricht.
  8. Dazu Schmidt, Kräfte, bes. S. 9–14.
  9. Gegenüber dem Beitrag Magin, Leuchten, S. 69, sind Übersetzung und Deutung von Inschrift I leicht modifiziert.
  10. Vgl. Matrikel Rostock 1, S. 54, 56; Krabbe, Rostock, S. 118–120. Zur Studienlaufbahn Rubenows vgl. Kat.-Nr. 138.
  11. Der Universitätsbetrieb in Greifswald endete zwischen dem 3. August 1439 und dem 15. Februar 1440. Seit April bzw. Mai 1443 war die Universität wieder in Rostock tätig (Matrikel Rostock 1, S. 63; dazu zuletzt Pluns, Universität, S. 63–69).
  12. Ältere Matrikel Greifswald 1, S. 2f.
  13. Matrikel Rostock 1, S. 53.
  14. Matrikel Erfurt 1, S. 211b; auch Schmidt, Anfänge, S. 37 Anm. 81.
  15. Schmidt, Anfänge, S. 12; nach Kosegarten, Universität 2, S. 159–163.
  16. Für zahlreiche Hinweise zu Nikolaus von Amsterdam danken wir Dr. Olaf Pluta, Bochum. Zu Leben und Werk des Nikolaus von Amsterdam vgl. zuletzt Pluta, Materialism, bes. S. 111f.
  17. Matrikel Rostock 1, S. 13.
  18. Dazu Ludwig Hödl, Larry Miller, Disputation, Lexikon des Mittelalters 3, Sp. 1116–1120, hier Sp. 1117.
  19. Matrikel Rostock 1, S. 22, 30, 35 und öfter (Dekanat); Matrikel Rostock 1, S. 24 (Rektor). Zu Nikolaus Theoderici vgl. auch Irrgang, Peregrinatio, S. 57f., 197.
  20. Kosegarten, Universität 2, S. 206 (in choro ecclesiae sancti nicolai prescise ante summum altare, vbi priscis diebus in translatione studii rostoccensis in ciuitatem gripeswaldensem eciam sepultus fuit magister Nicolaus de amsterdam, dominus magister Jacobus boddeker, cum aliis solemnibus viris). Die Angaben bei Irrgang, Peregrinatio, Nikolaus sei noch „1451 Theologiedozent in Leizig“ gewesen und „vor 1456“ (S. 197) bzw. 1460 gestorben (S. 57), sind also zu korrigieren.
  21. Matrikel Rostock 1, S. 2, 8.
  22. Matrikel Rostock 1, S. 29, 35, 39 und öfter (Dekanat); S. 58, 61 (Rektorat).
  23. Matrikel Rostock 1, S. 61, 100.
  24. Vgl. Anm. 20.
  25. Matrikel Rostock 1, S. 3 (Tymannus Iohannis), S. 26, 42 (Tidemannus).
  26. Vgl. Liv-, Est- und Curländisches Urkundenbuch 9, Nr. 130 S. 81–83, hier S. 81: magister Tilemannus Johannis utriusque juris doctor.
  27. Zu Tilemann (Tidemann) Johannes vgl. auch Irrgang, Peregrinatio, S. 202; Alvermann/Dahlenburg, Köpfe, S. 111. Die Angabe des Todesjahrs „um 1450“ in beiden Publikationen ist jedoch zu korrigieren.
  28. Matrikel Rostock 1, S. 3, 6, 57.
  29. Freundlicher Hinweis von Dr. Andreas Röpcke, Landeshauptarchiv Schwerin, 14.11.2005.
  30. Matrikel Leipzig 1, S. 32; Matrikel Rostock 1, S. 3, S. 6; Kosegarten, Universität 2, S. 161 (dictus magister bertoldus de lubek).
  31. Matrikel Leipzig 2, S. 102, 104.
  32. Igel, Bürgerhaus, Kapitel 4.4.3, Dokument 201003, 208004. Zur Anwesenheit Segebergs in Greifswald bereits 1430 vgl. Pyl, Genealogien 5, S. 262; dort auch weitere städtische Ämter Segebergs; Besitz ist genannt bei Irrgang, Peregrinatio, S. 180, 209f.
  33. Ältere Matrikel Greifswald 1, S. 2 (Item dns. Bertoldus Zegheberch, arcium mgr., consul hic).
  34. Ältere Matrikel Greifswald 1, S. 8 (Dekanatsbuch).
  35. Matrikel Rostock 1, S. 41, 49, 61.
  36. Matrikel Erfurt 1, S. 204b (magister Iohannes Lammesside de Lubek in Rostok promotus).
  37. Ältere Matrikel Greifswald 1, S. 3 (Item dns. Johannes Lamside, arcium mgr., primus rector maioris collegii artistarum hic et primus scholasticus et quotlibetarius).
  38. Ältere Matrikel Greifswald 1, S. 7, 9, 17 (Dekanatsbuch der Artisten).
  39. Pyl, Greifswalder Kirchen, S. 862f.
  40. Die Greifswalder Statuten aus der Gründungszeit sind nicht erhalten (vgl. Kosegarten, Universität 1, S. 74). Gemäß den Rostocker Statuten, die als Vorbild für die Greifswalder gedient haben könnten, hatten die magistri regentes einen theologischen Grad zu besitzen oder baldmöglichst zu erwerben (Westphalen, Monumenta 4, Sp. 1007–1048, hier Sp. 1036).
  41. Vgl. Anm. 36. Zur Quodlibet-Disputation 1458 unter der Leitung des Johannes Lamside vgl. auch Thümmel, Fakultät, S. 34f.
  42. Ältere Matrikel Greifswald 1, S. 17 (Dekanatsbuch): Qui quidem mgr. Johannes Lamside detentus infirmitate grandi a festo Penthecostes adeo ut de sua vita apud medicos spes non esset ulterior, decessit in vigilia sanctorum Petri et Pauli apostolorum, qui sepultus erat in choro ecclesie Sancti Nicolai prescise[!] ante summum altare; nicht ganz korrekt wiedergegeben auch bei Kosegarten, Universität 2, S. 206. Das bei Irrgang, Peregrinatio, S. 209, genannte Todesjahr 1459 ist falsch.

Nachweise

  1. Cramer, Chronica, 2, S. 125f.
  2. Rostocksche Sachen, 2, S. 74–76 (ohne E).
  3. Westphalen, Monumenta, 3, Sp. 1423f.
  4. Dähnert, Denkmale, S. 286 (E, I).
  5. Scheffel, Vitae, S. 5f. (ohne E).
  6. Kosegarten, Universität, 1, S. 36–39.
  7. Pyl, Rubenowbild, S. 2–5.
  8. Haselberg, Kreis Greifswald, S. 118 (E, I).
  9. Schultze, Kunstdenkmäler, S. 9–12, Tf. If.
  10. Thümmel, Rubenow-Tafel, S. 125f., S. 150-152, Anm. 19-40.
  11. Magin, Leuchten, S. 68f., Anm. 6f. (A, I).

Zitierhinweis:
DI 77, Greifswald, Nr. 142 (Jürgen Herold, Christine Magin), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di077g014k0014203.