Inschriftenkatalog: Greifswald

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 77: Greifswald (2009)

Nr. 141 St. Nikolai 1461, 1570, vor 1636

Beschreibung

Fragment einer Grabplatte für Hinrich Nacke (A), Joachim Schuhmacher d. Ä. und seine Ehefrau Christina Meier (B) sowie für Christoph Engelbrecht (C). Kalkstein. Oberer Teil einer ehemals hochrechteckigen Platte am Westende des südlichen Seitenschiffs, unmittelbar hinter dem heutigen Haupteingang.1) Die Bruchkante verläuft schräg nach links unten. Die linke und obere Kante weisen unregelmäßige Ausbrüche auf, die rechte wurde beim Einpassen in den Fußboden geradlinig beschnitten. Durch den Verlust der unteren Plattenhälfte ist Inschrift C für Christoph Engelbrecht heute verloren, ebenso ein großer Teil von Inschrift A für Hinrich Nacke, die ursprünglich, in der rechten oberen Ecke beginnend, an den beiden Lang- und der unteren Schmalseite verlief. In den beiden oberen Ecken haben sich Medaillons mit den Evangelistensymbolen erhalten, im Innenfeld eine Architekturrahmung. Die figürliche Darstellung des Verstorbenen wurde, soweit der noch vorhandene Teil der Platte dies erkennen lässt, später durch die Anbringung der Inschrift für Joachim Schuhmacher (B), die das Zentrum des noch vorhandenen Fragments einnimmt, vollständig beseitigt. Darunter bis zur Bruchkante ein Schild mit einer Hausmarke (H48), im unteren Teil beschädigt. Nummerierung D in der Mitte der oberen Schmalseite. Inschrift A erhaben in vertiefter Zeile, B erhaben in vertieftem Feld.

Inschrift C nach Pyl – Inschriften A und B ergänzt nach Pyl.

Maße: H. 167 cm, Br. 153 cm. Bu. 9 cm (A), 6 cm (B).

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalien (A), Kapitalis mit Versal (B).

DI 77, Nr. 141 - Greifswald, St. Nikolai - 1461, 1570, vor 1636

 Jürgen Herold [1/1]

  1. A

    Anno ˑ d(omi)ni ˑ M cccc lxi ˑ do(minica) ˑ i(n) ˑ o[ctava ˑ epiphaniea) ˑ obiit ˑ dominus ˑ hinricus ˑ nacke ˑ primus] / [ - - - ]b) [ˑ decanus] / [huius ˑ collegiate ˑ ecclesie ˑ sancti ˑ n]ico(la)ic) ˑ c(uius) ˑ a(n)i(m)a ˑ p(er) ˑ pia(m) ˑ d(e)i ˑ mi(sericordi)a(m) ˑ r(e)q(ui)escat ˑ in ˑ pace

  2. B

    SEPVLCHRVM [HAE]R[EDITA]/RIVM D(OMI)NI [IOACHIMI SCHO]/MAKERS CV[I]V[S VXOR DILEC]/TISSIMA CHRISTINA MEIERS / IN DOMINO B[EATEd) MORTVA] / EST ANNO [DOM]IN[I 15]70 / IN DIE [PERPETVE QVI FVIT] SE[PT]/[IM(VS) M]AR[CII HIC GLO]RIO[S]VM / CHRIS[TI] S[ALVA]TORIS ADVEN/TVM EXPEC[TA]NS

  3. C†

    Her Christoffer Engelbrecht vnd seinen Erben

  4. D

    14

Übersetzung:

Im Jahr des Herrn 1461 am Sonntag in der Oktav nach der Erscheinung des Herrn (12. Januar) starb Herr Hinrich Nacke, erster (...) Dekan dieser Kollegiatkirche St. Nikolai. Seine Seele ruhe durch Gottes gütiges Erbarmen in Frieden. (A)

Erbbegräbnis des Herrn Joachim Schuhmacher, dessen liebste Ehefrau Christina Meier im Herrn selig gestorben ist im Jahr des Herrn 1570 am Tag der Perpetua, welcher der siebte März war. Hier erwartet sie die glorreiche Ankunft des Erlösers Christus. (B)

Wappen:
Schuhmacher

Kommentar

Der wahrscheinlich aus Mecklenburg stammende Hinrich Nacke ist seit 1438 in Greifswald als Pfarrer, 1441 als Provisor der Magdalenenbruderschaft und 1445 als Notar bezeugt. 1442 erwarb er von den Provisoren der Nikolaikirche ein Haus am Kirchhof.2) Im Zusammenhang mit der Universitätsgründung wurde ihm bei der Errichtung des Kollegiatkapitels von St. Nikolai das Amt des Kantors übertragen, das er von Juni 1457 bis Juni 1458 ausübte. Im Januar 1457 erfolgte seine Immatrikulation an der Universität. Als der erste Dekan des Kollegiatkapitels, Johannes Wulf, infolge innerstädtischer Konflikte als Gegner Hinrich Rubenows 1457 aus der Stadt fliehen musste, wurde im Mai 1458 Hinrich Nacke in dieses Amt gewählt. Im Juni erfolgte seine Bestätigung durch den Bischof, weshalb Nacke in der Universitätsmatrikel als primus electus approbatus et confirmatus decanus bezeichnet wird, wogegen Johannes Wulf als erster gewählter Dekan offensichtlich die bischöfliche Approbation (noch) nicht erlangt hatte. Das primus (...) decanus in Inschrift A kann sich ebenfalls nur hierauf beziehen. Da die Inschrift an dieser Stelle aber schon im 19. Jahrhundert erheblich beschädigt war, lässt sich heute nicht mehr ermitteln, wie der Titel dort genau lautete. Im Oktober 1460 wurde Hinrich Nacke zum Rektor der Universität gewählt, er starb aber schon am 11. Januar 1461. In seinem Testament stiftete er sein zweites Haus, das er aus dem Grundbesitz des Heilig-Geist-Hospitals in der Nikolaistraße (heute Caspar-David-Friedrich-Str. 1) gekauft hatte, als Amtswohnung der künftigen Dekane.3)

Joachim Schuhmacher erwarb die Grabplatte im Jahr 1570 anlässlich des Todes seiner ersten Ehefrau Christina Meier (B). Joachim war der Sohn von Johann Schuhmacher und Elsa Biedenweg. Er wurde 1559 in den städtischen Rat aufgenommen. Christina Meier starb nach Auskunft der Grabinschrift am 7. März 1570. Danach ging Joachim eine zweite Ehe mit Liboria Bünsow, Tochter von Johannes Bünsow und Elsa Oldehaver, ein.4) Mit ihr finanzierte er den Bau einer Orgel für die Nikolaikirche (Kat.-Nr. 251). Über eine Tochter von Joachim Schuhmacher und Christina Meier, Gertrud (1564–1628), kam die Platte auf dem Erbweg an deren Ehemann, den Ratsherrn und Bürgermeister Christoph Engelbrecht. Die seinen Besitz bezeugende Inschrift C muss vor seinem Tod im Jahr 1636 angebracht worden sein. Ein für Christoph Engelbrecht und Gertrud Schuhmacher von ihren Kindern in der Nikolaikirche errichtetes Epitaph (Kat.-Nr. 412)5) war zu Beginn des 19. Jahrhunderts bereits zerstört. Die Grabplatte gelangte später, wie Nummerierung D zeigt, in den Besitz der Nikolaikirche.

Textkritischer Apparat

  1. do(minica) ˑ i(n) ˑ o[ctava ˑ epiphanie]] die V infra octavam post ... Kirchner.
  2. An der unteren Schmalseite war die Inschrift bereits im 19. Jahrhundert nicht mehr oder kaum noch lesbar. Pyl ergänzte die Fehlstelle analog zu Nackes Bezeichnung in der Universitätsmatrikel (Ältere Matrikel Greifswald 1, S. 18) mit electus approbatus et confirmatus. Ob der Amtstitel Nackes so tatsächlich auch inschriftlich ausgeführt war, ist durch den inzwischen vollständigen Verlust des unteren Plattenteils nicht nachprüfbar.
  3. [n]ico(la)i] Abschließendes i hochgestellt.
  4. B[EATE]] beata Pyl.

Anmerkungen

  1. Siehe Grundriss St. Nikolai, Nr. 308. Zur früheren Lage siehe Pyl, Greifswalder Kirchen, nach S. 248, Grundriss St. Nikolai, Nr. 275.
  2. Igel, Bürgerhaus, Kapitel 3.9.3, Dokument 204007.
  3. Pyl, Greifswalder Kirchen, S. 831–834, 853f.; Schönrock, Universitätsbauten, S. 10, 17.
  4. Pyl, Genealogien 5, S. 182 (Nr. 398); Gesterding, Zweite Fortsetzung, S. 11 (Nr. 29); Pyl, Greifswalder Kirchen, S. 290, 425.
  5. Zu den Lebensdaten von Christoph Engelbrecht und Gertrud Schuhmacher siehe dort.

Nachweise

  1. Kirchner, Grabsteine Nikolaikirche, S. 193 (A).
  2. Pyl, Greifswalder Kirchen, S. 410 (A), 425 (B), 428 (C).
  3. Magin, Leuchten, S. 72, Anm. 20 (A).

Zitierhinweis:
DI 77, Greifswald, Nr. 141 (Jürgen Herold, Christine Magin), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di077g014k0014106.