Inschriftenkatalog: Greifswald

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 77: Greifswald (2009)

Nr. 133 St. Nikolai M.14.–M.15.Jh., 1516, 2.V.16.Jh., 1758, 1773

Beschreibung

Grabplatte für N. N. von Wampen (A), Hermann Schwichtenberg (B), Christian Stephan Scheffel (D) und Johann Christoph Muhrbeck (E). Kalkstein. Hochrechteckige Platte im dritten Joch des südlichen Chorumgangs.1) Eine unregelmäßige Bruchkante an der oberen Schmalseite zeigt, dass die Platte dort ursprünglich länger war. Die beiden rechten Ecken fehlen. Im oberen Viertel entlang der rechten Langseite das verbliebene Ende von Inschrift A für ein Mitglied der Familie von Wampen. Der Anfang fehlt durch den Verlust der oberen Plattenkante. Im noch vorhandenen Verlauf der Inschrift Schriftverluste durch Beschädigung der Oberfläche. Das untere Plattendrittel wird von der gegenüber der ursprünglichen Ausrichtung der Platte auf dem Kopf stehenden Inschrift B für Hermann Schwichtenberg eingenommen. Die Worttrenner sind paragrafzeichenförmig. An der oberen Schmalseite Inschrift C, von der nur noch wenige Buchstaben lesbar sind. Die obere Zeile ist durch den Bruch der Platte nur noch in halber Höhe vorhanden. Darunter in der Plattenmitte das stark abgetretene Vollwappen der Familie von Wampen. Links neben der Helmzier ist ein Bischofsstab zu erkennen, dazwischen die Nummerierung F. Das Wappen überlagernd Inschrift D für Christian Stephan Scheffel, darunter Inschrift E für Johann Christoph Muhrbeck. Die Inschriften A und B erhaben in vertiefter Zeile, die übrigen eingehauen.

Inschrift A ergänzt nach Pyl.

Maße: H. 192 cm, Br. 118 cm. Bu. 8,5 cm (A), 10,5 cm (B), 5,5 cm (C, D), 5 cm (E).

Schriftart(en): Gotische Minuskel (A, C), mit Versal (B), Kapitalis mit Versalien (D, E).

DI 77, Nr. 133 - Greifswald, St. Nikolai - M.14.–M.15.Jh., 1516, 2.V.16.Jh., 1758, 1773

 Jürgen Herold [1/1]

  1. A

    [ - - - pen]a) (et)b) suis he(re)dib(us)

  2. B

    [la]pis ˑ domini ˑ hermanni ˑ / zwychtenber[g]h ˑ canonici ˑ quo ˑ / mortvo ˑ erit ˑ capitvli [ˑ] M ˑ ccccc / xvi

  3. C

    [ - - - ] / [ - - - ]erre[ - - - ]

  4. D

    DORMITORIVM / CHRISTIANI STEPHANI SCHEFFELI / MED(ICINAE) D(OCTORIS) ET P(ROFESSORIS) P(VBLICI) / EIVSQVE HEREDVM / 1758c)

  5. E

    JOHANN CHRISTOPH MUHRBECK / MORAL(IUM) PROF(ESSOR) REG(IUS) ORD(INARIUS) / 1773

  6. F

    8

Übersetzung:

(...) von Wampen und seinen Erben. (A)

Stein des Herrn Hermann Schwichtenberg, Kanoniker, der nach seinem Tod dem Kapitel gehören wird. 1516. (B)

Ruhestätte des Christian Stephan Scheffel, Doktor der Medizin und öffentlicher Professor, und seiner Erben. 1758. (D)

Johann Christoph Muhrbeck, königlicher ordentlicher Professor der Moralphilosophie. 1773. (E)

Wappen:
Wampen

Kommentar

Die Verwendung der älteren gotischen Minuskel sowie die Form des l mit gekerbter Oberlänge geben für Inschrift A einen Datierungsrahmen von der Mitte des 14. bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts vor. Inschrift B hingegen zeigt die Spätform der gotischen Minuskel, die in diesem Fall besonders schlank ausgebildet ist. Bemerkenswert sind auch die paragrafzeichenförmigen Worttrenner und die rechtsbündige Ausrichtung der letzten Zeile.2) Bei B handelt es sich außerdem um einen der ältesten datierten Besitzvermerke auf einer Grabplatte.3) Inschrift C ist in einer dünnstrichigen Variante der späten gotischen Minuskel ausgeführt, die im zweiten Viertel des 16. Jahrhunderts Verwendung fand (Vargatz/Völschow-Gruppe, siehe Einleitung, Kap. 8).

Das Wappen im Zentrum und das Ende von Inschrift A verweisen darauf, dass die Platte ursprünglich einem Mitglied der Familie von Wampen gehörte.4) Wie sie 1516 in den Besitz des Kanonikers Hermann Schwichtenberg gelangte (B), lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Schwichtenberg verfügte, dass sie nach seinem Tod dem Stiftskapitel gehören sollte. Nummerierung F neben dem Bischofsstab zeigt jedoch, dass sie im 16. Jahrhundert in das von den Provisoren verwaltete Kircheneigentum überging. Nach einem weiteren, nicht mehr nachvollziehbaren Besitzwechsel im zweiten Viertel des 16. Jahrhunderts (C) kam sie 1758 an Christian Stephan Scheffel (D), 1773 an Christoph Muhrbeck (E).

Hermann Schwichtenberg, aus dem Dorf Schwichtenberg südlich von Demmin (Ldkr. Mecklenburgische Seenplatte), wurde 1466 an der Greifswalder Universität immatrikuliert. Er erhielt die Priesterweihe und stiftete 1497 eine Vikarie und drei Konsolationen in der Nikolaikirche, war Kanoniker und Prokurator des Kapitels. Er starb nach dem März 1521.5)

Christian Stephan Scheffel, aus Meldorf (Ldkr. Dithmarschen, Schleswig-Holstein), studierte 1714–1718 in Kiel, dann in Leipzig und schließlich in Leiden. Dort wurde er 1721 zum Doktor der Medizin promoviert. Anschließend praktizierte er als Arzt in Wismar. Im Jahr 1726 wurde er auf eine ordentliche Professur nach Greifswald berufen, wo er auch als Rektor und Dekan amtierte. Er starb im Juli 1760.6) Seine Witwe Katharina Elisabeth von Balthasar, Tochter des Greifswalder Bürgermeisters und Landrats Gustav von Balthasar und der Juliane Battus, ging nach dem Tod ihres ersten Ehemannes eine zweite Ehe mit Johann Christoph Muhrbeck, der aus Karlskrona in Schweden stammte, ein. Er hatte erst in Lund und anschließend in Greifswald studiert, wo er ab 1760 als Adjunkt Mathematik und Philosophie las. Er wurde 1767 ordentlicher Professor der Philosophie und starb 1805.7)

Textkritischer Apparat

  1. [ - - - pen]] Zu ergänzen zu de wampen.
  2. (et)] Tironisches et mit durchstrichenem Schaft.
  3. 1758] 1728 Pyl.

Anmerkungen

  1. Siehe Grundriss St. Nikolai, Nr. 188. Zur früheren Lage siehe Pyl, Greifswalder Kirchen, nach S. 248, Grundriss St. Nikolai, Nr. 307.
  2. Zu dieser Werkstattgruppe (Schwichtenberg-Gruppe) siehe Einleitung, Kap. 8.
  3. Zum ältesten durch eine Jahreszahl (1501) ausgewiesenen Besitzvermerk siehe Kat.-Nr. 208.
  4. Zur Familie von Wampen siehe die Kat.-Nrn. 18, 54 und 60.
  5. Pyl, Greifswalder Kirchen, S. 416, 903.
  6. Kosegarten, Universität 1, S. 290.
  7. Gesterding, Zweite Fortsetzung, S. 60 (Nr. 487); Kosegarten, Universität 1, S. 304.

Nachweise

  1. Pyl, Greifswalder Kirchen, S. 402, Tf. XI.1 (A), S. 379, 414, Tf. XI.1 (B), S. 470 (D), 473 (E).

Zitierhinweis:
DI 77, Greifswald, Nr. 133 (Jürgen Herold, Christine Magin), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di077g014k0013304.