Inschriftenkatalog: Greifswald

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 77: Greifswald (2009)

Nr. 115 St. Nikolai 1427, 3.D.16.–A.17.Jh., 1648

Beschreibung

Grabplatte für Markward Stilow (A), Gregor Zabel und Anna W. (B) sowie für Joachim Völschow (C). Kalkstein. Hochrechteckige, im unteren Bereich gebrochene Platte zwischen dem dritten und vierten Joch des südlichen Seitenschiffs.1) Die linke Plattenhälfte ist vollständig abgetreten. Die ursprünglich umlaufende Inschrift A für Markward Stilow ist nur noch an der rechten Langseite erhalten. Im Innenfeld von der rechten Lang- bis zum Beginn der unteren Schmalseite die durch einen Meißelstrich getilgte Inschrift B für Gregor Zabel und Anna W. Anfang und Ende sind beschädigt oder verloren. Im oberen Drittel des Innenfeldes Inschrift C für Joachim Völschow. Darunter eine ältere, nicht mehr lesbare Inschrift in gotischer Minuskel. An der unteren Schmalseite des Innenfeldes eine ausgemeißelte Inschrift. Am oberen Plattenrand Nummerierung D. Inschrift A erhaben in vertiefter Zeile, alle übrigen eingehauen.

Inschrift A ergänzt nach Pyl.

Maße: H. 248 cm, Br. 147 cm. Bu. 10 cm (A), 8 cm (B), 4,5 cm (C).

Schriftart(en): Gotische Minuskel (A), Kapitalis mit Elementen der frühhumanistischen Kapitalis (B) mit Versalien (C).

DI 77, Nr. 115 - Greifswald, St. Nikolai - 1427, 3.D.16.–A.17.Jh., 1648

 Jürgen Herold [1/1]

  1. A

    [ - - - ] / xxviii ˑ in ˑ p(ro)festo ˑ c(ir)cu(m)cisionis ˑ d(omi)ni ˑ o(biit) ˑ m/arq[uardus stilow consul - - - ]

  2. B

    [ - - - ]ỌVOa) GREGORIO CZABEL ET ANNA / W[ - - - ]

  3. C

    SEPV[LCHRVM HAE]REDITARIVM / D(OMI)NI [ - - - ]I VOLSCHOVII / I(VRIS) V(TRIVSQVE) D(OCTORIS) [ - - - ]S ET CONSISTORII / R[ - - - ] DIRECTORIS / [ - - - ]CXLVIIIb)

  4. D

    235

Übersetzung:

(...) 1428 am Vortag der Beschneidung des Herrn (30. Dezember 1427) starb der Ratsherr Markward Stilow (...). (A)

Erbbegräbnis des Herrn Joachim Völschow, Doktor beider Rechte, Professor und Direktor des königlichen Konsistoriums. Im Jahr 1648. (C)

Kommentar

Die Schäfte von i, m, n und u der gotischen Minuskel in Inschrift A sind an beiden Enden gebrochen. Inschrift B ist die einzige Kapitalisinschrift auf einer Greifswalder Grabplatte, die Elemente der frühhumanistischen Kapitalis – eingerolltes G, L mit kurzem rechtsschrägen Balken, spitzes A mit senkrechtem linken Schaft und einem weit nach rechts verlängerten Deckbalken – enthält.

Pyl vermutete aufgrund der Reste von Inschrift A, dass die Platte ursprünglich Markward Stilow gewidmet war, der mehrere Häuser in der Fleischer-, Langefuhr- und Langen Straße sowie am Vettentor besaß. Er war mit einer Tochter des Ratsherrn Hinrich Bukow († 1411) verheiratet und gehörte dem städtischen Rat von 1424 bis zu seinem Tod an.2) Die Platte kam nach mehrfachem Besitzwechsel an Gregor Zabel und Anna W. (B). Dass es sich hierbei, wie Pyl annahm, um den Juristen Gregor Zabel handelt, der 1522 als Offizial von Demmin (Ldkr. Mecklenburgische Seenplatte) auf eine juristische Professur an die Greifswalder Universität berufen wurde und eine Präbende sowie ein Wohnhaus erhielt,3) ist jedoch unwahrscheinlich. Die Inschrift ist aufgrund der Verwendung der eingehauenen Kapitalis nicht vor das letzte Drittel des 16. Jahrhunderts zu datieren. 1648 ging die Platte an Joachim Völschow, Sohn des gleichnamigen Ratsherrn und der Sibylla Mevius (Tochter von Friedrich Mevius), über (C). Geboren am 29. Januar 1591 absolvierte er nach dem Schulbesuch eine kaufmännische Lehre von 1606 bis 1609 in Stettin (Szczecin) und anschließend in Greifswald ein zweijähriges Artes-Studium, auf das ein fünfjähriges Studium der Rechtswissenschaften folgte. 1616 bestellte ihn Erdmann von Putbus zu seinem Sekretär und zum Präzeptor seines Sohnes, den Joachim Völschow auf Studienreisen an die Universitäten Frankfurt/Oder, Straßburg und Basel begleitete. Anschließend unternahm Völschow eine eigene Studienreise und besuchte u. a. Tübingen, Jena, Erfurt, Leipzig, Wittenberg und Rostock. 1621 nahm er an der Greifswalder Universität eine Lehrtätigkeit als Privatdozent auf, wurde 1622 zum Doktor der Rechte promoviert und im Jahr darauf zum außerordentlichen Professor der Rechte ernannt. 1627 wurde er auch ordentlicher Professor der Beredsamkeit, 1636 ordentlicher Professor der Rechte. Herzog Bogislaw XIV. von Pommern ernannte ihn ein Jahr später zum Direktor des Konsistoriums, worin ihn der schwedische König 1642 bestätigte. Er war dreimal (1636, 1639, 1644) Rektor der Greifswalder Universität und 1644 Dekan der Juristischen Fakultät. Bereits 1624 hatte er sich mit Dorothea Wegener, Tochter des Mathematikprofessors Johannes Wegener,4) verheiratet. Joachim Völschow starb am 17. Februar 1664.5) Die Grabplatte ging später in den Besitz der Nikolaikirche über (D).

Textkritischer Apparat

  1. [ - - - ]ỌVO] Bogen über V. Dno Pyl.
  2. Ergänzungsvorschlag für die gesamte Inschrift: SEPV[LCHRVM HAE]REDITARIVM D(OMI)NI [IOACHIM]I VOLSCHOVII I(VRIS) VT(RIVSQVE) D(OCTORIS) [PROFESSORI]S ET CONSISTORII R[EGII] DIRECTORIS [ANNO MD]CXLVIII.

Anmerkungen

  1. Siehe Grundriss St. Nikolai, Nr. 251. Zur früheren Lage siehe Pyl, Greifswalder Kirchen, nach S. 248, Grundriss St. Nikolai, Nr. 274.
  2. Pyl, Greifswalder Kirchen, S. 406f.; Pyl, Genealogien 5, S. 250f. (Nr. 251).
  3. Balthasar, Programmata, Serie 1, Nr. 40 (1742; im Druck fälschlicherweise Nr. 39); Pyl, Greifswalder Kirchen, S. 407; Ältere Matrikel Greifswald 1, S. 192f.
  4. Johann Wegener besaß eine Grabstelle in der Jacobikirche, Kat.-Nr. 68.
  5. Balthasar, Programmata, Serie 2, Nr. 30 (1762); Kosegarten, Universität 1, S. 246f.; Pyl, Greifswalder Kirchen, S. 431; Voeltzkow/Adam, Völschow, S. 23f.

Nachweise

  1. Pyl, Greifswalder Kirchen, S. 406 (A), 407 (B), 431f. (C).
  2. Voeltzkow/Adam, Völschow, S. 24 (C).

Zitierhinweis:
DI 77, Greifswald, Nr. 115 (Jürgen Herold, Christine Magin), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di077g014k0011506.