Inschriftenkatalog: Stadt Göttingen

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 19: Stadt Göttingen (1980)

Nr. 83 Göttingen, St. Jakobikirche 1512

Beschreibung

Kelch. Silber, vergoldet. Auf dem Sechspaßfuß sind sechs Medaillons befestigt: 1. Kruzifix, 2. Antonius Erem. (Taukreuz als Attribut), 3. ein Heiliger mit einem Buch in der rechten Hand1), 4. Katharina von Siena (?) (Attribute: in der rechten Hand ein Kruzifix, in der linken ein Herz)2), 5. Thomas Becket (Attribut: Schwert im Kopf)3), 6. eine Heilige mit einer Lilie in der rechten Hand, ein Teufel dargstellt als kleicher geflügelter Drache, flüstert in ihr Ohr.4) – Der Fuß ist mit gravierten Ranken, sein Rand mit einem Filigranstreifen verziert.

Inschriften: A) auf den Rotuln des Nodus, B) Titulus über dem Kruzifix, C) zwei Schriftbänder neben dem Kruzifix, D) Umschrift auf dem Rand des Fußes, E) Umschrift unter dem Fuß.

Maße: H. 20, Du. Kuppa 11,3, Du. Fuß 15, Bu. A) 0,7, B) 0,3, C) 0,2, D) 0,4, E) 0,3 cm.

Schriftart(en): A, B, D) Renaissance-Kapitalis, C) gotische Minuskel, E) Renaissance-Kapitalis mit gotische Minuskel.

DI 19, Nr. 83 - Göttingen, St. Jakobikirche - 1512

 Werner Arnold [1/1]

  1. A)

    IHESVS

  2. B)

    I(ESUS) N(AZARENUS) R(EX) I(UDAEORUM)

  3. C)

    links: miserere mei d(omine)a)rechts: a(nn)o? 1626 m 1596b)

  4. D)

    · ANNO · D(OMI)NI · M° · C · C · C · C · C · XII · AD · LA[V]DEMc) · OMNIPOTENTIS · DEI · ISTI · REVERENDI · PATRES · ET · FRATRES · HE(N)RICVS · ET · IOHAN(N)ES · PIPER · FECERV(N)T · ME · FIERI ·

  5. E)

    AD LAVDem omnipotent(is) dei et pat(ris) · (h)onor(em) ordinis predicator(um) Isti reverendi · patres · et Fratres henric(us) et iohannes piper lectores fecerunt me fieri Anno · 1 · 5 · 12 ·

Übersetzung:

Erbarme dich meiner, H(err)! (C)

Im Jahre des Herrn 1512 haben mich zum Lob des allmächtigen Gottes die ehrwürdigen Väter und Brüder Heinrich und Johannes Piper anfertigen lassen. (D)

Zum Lob des allmächtigen Gottes und zur Ehre des Vaters haben die ehrwürdigen Väter und Brüder des Predigerordens, die Lektoren Heinrich und Johannes Piper, mich anfertigen lassen im Jahre 1512. (E)

Kommentar

Wenn bei C) die unsichere Lesung des rechten Schriftbandes zutrifft, dann müßten die Daten Restaurierungen des Kelches anzeigen.

Lektor und Prior wird Johannes Piper auch in der Inschrift des Altars der Paulinerkirche von 1499 genannt (Nr. 56). Er starb 1520 und war „ein gar wol geubter ma In der schrift.“6) Inschrift E) legt die Vermutung nahe, daß der Kelch ursprünglich nicht für die Jakobikirche, sondern für die Paulinerkirche (Kirche des Dominikanerklosters) gestiftet worden ist. Als die Dominikaner 1532/33 die Stadt verlassen mußten und das Kloster aufgehoben wurde, ließ der Rat den Besitz verkaufen.7) Auf diese Weise könnte der Kelch in die Jakobikirche gelangt sein.

In D) und E) sind einige Formen des Majuskel-D als Unzialen geschrieben, in E) findet sich zudem an einzelnen Stellen ein kursives Minuskel-r. Alle et in Ligatur.

Textkritischer Apparat

  1. Hinter d keine Abbreviatur.
  2. Die Lesung ist unsicher.
  3. An der Stelle des V ist der Kelchrand ausgebrochen.

Anmerkungen

  1. Dominikus? Vielleicht der hl. Stephanus, obwohl nicht deutlich zu erkennen ist, ob er in der linken Hand einen Palmenzweig hält.
  2. Diese Attribute könnten die Heilige auch als Birgitta von Schweden ausweisen (vgl. Braun, Tracht und Attribute der Heiligen 138f.; Kdm. II 75). Für Katharina von Siena spricht, daß sie dem Dominikanerorden angehörte, und Darstellungen von ihr in Deutschland vor allem in Dominikaner- und Dominikanerinnenkirchen entstanden sind (vgl. Braun, Tracht und Attribute der Heiligen 418ff.).
  3. Weitere Beispiele für diesen Typ der Darstellung bei Künstle, Ikonographie der christlichen Kunst II 563.
  4. Beide Attribute sind einzeln öfter nachzuweisen, eine Lilie z. B. bei Anna, Clara, Katharina von Siena, Katharina von Vadstena, Margareta von Ungarn (vgl. Braun, Tracht und Attribute der Heiligen 81; 419; 421; 495; Künstle, Ikonographie der christlichen Kunst II 163f.), ein Teufel oder Drache bei Juliana, Margareta, Martha (vgl. Braun, Tracht und Attribute der Heiligen 393; 492; 508). Zusammen lassen sich die Merkmale offenbar keiner Person eindeutig zuordnen. Vielleicht ist die hl. Margareta von Ungarn gemeint, deren eines Attribut ein Lilienzweig ist, sie war außerdem Dominikanerin (vgl. Braun, Tracht und Attribute der Heiligen 494f.). Kdm. II 75 und Saathoff, Kirchengeschichte 25, vermuten, daß Gertrud von Nivelles gemeint ist, auf die jedoch keines der Attribute zutrifft (vgl. zu Gertrud von Nivelles Braun, Tracht und Attribute der Heiligen 294ff.).
  5. Joh. 19,19.
  6. Lubecus, BL-Chronik II, S. 590.
  7. Vgl. Einleitung, S. 13.

Nachweise

  1. Kdm. II 75 (A, C links, D).
  2. Saathoff, Kirchengeschichte 25 (A, C links, D).

Zitierhinweis:
DI 19, Stadt Göttingen, Nr. 83 (Werner Arnold), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di019g001k0008303.