Inschriftenkatalog: Stadt Göttingen

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 19: Stadt Göttingen (1980)

Nr. 55 Göttingen, Paulinerstr. 6 1495

Hinweis: Die vorliegende Online-Katalognummer ist im Vergleich zum gedruckten Band mit Ergänzungen und Korrekturen versehen. Sie finden diese am Ende des Artikels. [Dorthin springen]

Beschreibung

Inschrift am Durchzugsbalken des Obergeschosses. Das letzte Wort des schwer zu lesenden Textes konnte nicht entziffert werden.1)

Maße: L. des Balkens ca. 650, Bu. ca. 8 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel, erhaben.

DI 19, Nr. 55 - Göttingen, Paulinerstr. 6 - 1495

 Werner Arnold [1/3]

  1. Domusa) · fauensb) · doctoris · diuj · Augustini[    ] ·1 · 4 · 95

Übersetzung:

Das Haus behütet [] des heiligen Lehrers Augustinus.

Kommentar

Bei dem abschließendem Wort handelt es sich um einen von fauens (= fovens?) abhängigen Akkusativ oder Dativ. Auffällig ist das runde geschlossene d am Anfang einiger Wörter (doctoris, diuj) und das Schaft-s in fauens.

Das Haus gehörte ursprünglich dem Augustinerkonvent in Eschwege.2) Nach dessen Säkularisierung schenkte es der Landgraf von Hessen 1530 dem protestantischen Prediger Jost Winter aus Allendorf3), der auf Bitte des Rats nach Göttingen entsandt worden war.4) Winter verkaufte das Haus 1531 an die Johanniskirche.5)

Nachtrag von Werner Arnold:

Nach Abschluß des Ms. wurden mir der Deutungsversuch und die Interpretation der Inschrift durch Friedrich W. Ulrichs bekannt, der liest: Domus – Termeni – Doctoris – Divi – Augustini – Munita – 1495: Die Inschrift am ältesten Göttinger Haus. T. 1. 2. In: Göttinger Monatsblätter 1976, Nr. 29, S. 6–7 (hier die Lesung S. 7); Nr. 30, S- 9–10. Da mir die Entzifferung der Wörter Termeni und Munita nicht zweifelsfrei erscheint, möchte ich vorerst an der hier vorgeschlagenen Lesung festhalten.

Textkritischer Apparat

  1. Es läßt sich nicht entscheiden, ob Dumus für domus verschrieben oder nur das o im oberen Bogen beschädigt ist.
  2. Vielleicht verschrieben für fovens.

Anmerkungen

  1. Die Lesung der Inschrift verdanke ich der freundlichen Hilfe Prof. Dr. Bernhard Bischoffs (München).
  2. Urkunden der Stadt Göttingen aus dem 16. Jh. S. 221, Anm. 4. Die Lage des Hauses wird mit „jegen den Pewelern“ (gegenüber dem Paulinerkloster) angegeben.
  3. Ebd. Nr. 481, S. 225, 1530 vor Mai 17; Nr. 489, S. 230, 1530 Sept. 7 (Bestätigung der Schenkung durch Lg. Philipp). Zur Biographie J. Winters (1497–1557/Anfang 1558) vgl. O. Hütteroth, Die althessischen Pfarrer der Reformationszeit II, Marburg 1958, 411–413; Friedr. Wilh. Strieder, Grundlage zu einer Hess. Gelehrten und Schriftstellergeschichte VII, Kassel 1787, 372ff., Anm.
  4. Saathoff, Kirchengeschichte 97.
  5. Urkunden der Stadt Göttingen aus dem 16. Jh. Nr. 489, S. 230f., Anm. 3.

Nachweise

  1. Kdm. II 88 (nur Jahreszahl).
  2. Andrae, Hausinschriften 33 (nur Jahreszahl: 1497 oder 1495).
  3. Behrendsen, Göttinger Bürgerhaus 4 (nur Jahreszahl: 1491 oder 1495).
  4. Fahlbusch, Alt-Göttinger Bürgerhäuser II, in: Göttinger Tageblatt 44 (21.2.1964) (nur Jahreszahl).
Addenda & Corrigenda (Stand 25. April 2017):

Zu Nr. 55 wurde ein vollständig neuer Artikel verfasst.

Nr. 55 Göttingen, Paulinerstr. 6 1495

Haus. Fachwerk, sechs Gefache breit. Auf dem Durchzugsbalken des zweiten Obergeschosses die erhabene, farbig gefasste Inschrift. Das Haus wurde in den Jahren 1980/81 grundlegend restauriert. Dabei wurde die Inschrift erheblich überarbeitet und erneuert, wie z. B. das rekonstruierte Schluss-s am Ende des dritten Wortes zeigt. Beim letzten Wort wurden die vorher verdeckten oberen Buchstabenenden freigelegt. Die vorher (vgl. Foto Arnold) breiteren Schäfte erscheinen jetzt schmaler, die Minuskelbuchstaben teilweise normalisiert. 2015 hat Hans Schneider eine Rekonstruktion vorgelegt, die den Lesungen von Arnold und Ulrichs eine weitere hinzufügt: Domus h(ere)m(ita)r(u)m divi doctoris Augustini molita 1495. Diese geht ebenfalls von verunklarenden Überarbeitungen aus. Sie setzt beim zweiten Wort (Lesung hmrm) allerdings eine erhebliche – und ungewöhnliche – Kürzung voraus, obwohl die Inschrift sonst (fast) ohne Kürzungen auskommt. Die Lesung des letzten Wortes (molita) bleibt auch bei Schneider unbefriedigend. Unbefriedigend ist in allen Fällen zudem das dritte Wort der Inschrift (bei Schneider mit dem folgenden vertauscht), dessen Lesung doctoris vor und nach der Restaurierung von 1980/81 nicht anzuzweifeln ist; dieses Wort passt allerdings nicht ins Formular. Dies führt zu der Annahme, dass die Inschrift (vermutlich lange) vor der letzten Restaurierung schon einmal überarbeitet wurde, wobei das zweite Wort unkenntlich wurde und das dritte Wort eine neue, allerdings falsche Form erhielt.

  1. Domus · f[ratr(u)m]a) · [ordin]isb) · diuj · Augustinj · co(m)[p]letac) · 1·4·95d)

Übersetzung:

Das Haus der Brüder vom Orden des heiligen Augustinus wurde vollendet (im Jahr) 1495.

Das Haus war eine „Terminei“ der Eschweger Augustinereremiten, also ein Stützpunkt, von dem aus Mönche zum Almosensammeln in (vertraglich umrissene) Sammelbezirke ausschwärmten. Die in Göttingen 1316 erstmals erwähnten Augustinereremiten des Eschweger Klosters erwarben 1358 vom Pfarrer Heinrich der Johanniskirche ein Haus in der Paulinerstraße. Seit 1380 besaßen sie zwei benachbarte Häuser in dieser Straße, deren Besitz 1464 erneuert wurde. 1495 entstand auf diesem Grundstück der Neubau.1) Ein früherer terminarius tho gottingen, Cord Poppich aus Allendorf, ließ sich das Haus bei der Auflösung des Klosters im Jahr 1523 als Abfindung übertragen. Der Versuch des Ordens, den Grundbesitz nach dem Tod Poppichs (wohl Anfang März 1530) wieder an sich zu bringen, scheiterte. Das Haus wurde von Landgraf Philipp dem von ihm entsandten evangelischen Prediger Jost Winter zur Verfügung gestellt und beherbergte auch anschließend zunächst den evangelischen Pfarrer von St. Johannis.2)

Textkritischer Apparat

  1. f[ratr(u)m]] Befund [.]meni. An erster Stelle ein heute erheblich überarbeitetes Zeichen, das Schneider als h liest und Ulrichs als Kürzungszeichen interpretiert hat; der frühere Befund legt eher ein f nahe. favens Arnold (statt fovens); Termeni Ulrichs für (ter)meni; h(ere)m(ita)r(u)m Schneider. Das von Schneider an vorletzter Stelle als R (!) gelesene Zeichen ist dem derzeitigen Befund nach ein e mit zum Zierstrich reduzierten Balken; möglicherweise aus einem r mit Zierstrich am Quadrangel verändert. Auf dem Foto Arnold über dem Buchstaben möglicherweise ein Kürzungsstrich.
  2. [ordin]is] Befund: doctoris; doctoris diuj ist allerdings unplausibel. Die Veränderung geht vermutlich auf eine frühere Restaurierung zurück; s. o.
  3. co(m)[p]leta] molita Schneider; Munita Ulrichs; Lücke bei Arnold. Die Bogenenden des c berühren das o, so dass der Eindruck eines m entsteht; die Unterlänge des p fehlt, ebenso der Schrägbalken des e.
  4. 1·4·95] Schlingen-4, linksgewendete 5.

Anmerkungen

  1. Schneider, Terminei (wie Quellenzeile), bes. S. 51–53.
  2. Ebd., S. 56–62.

Nachweise

  1. Hans Schneider, Die Terminei der Eschweger Augustinereremiten in Göttingen, in: Überliefern – Erforschen – Weitergeben. Festschrift für Hans Otte zum 65. Geburtstag. Herausgegeben von Inge Mager, Hannover 2015 (Jahrbuch der Gesellschaft für niedersächsische Kirchengeschichte 113), S. 43–62.

Zitierhinweis:
DI 19, Stadt Göttingen, Nr. 55 (Werner Arnold), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di019g001k0005508.